Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 nmm Dffi wAHRHEU die „Hitler-Jugend" als eine Horde von erschreckender Disziplinlosigkeit hingestellt, die nicht einmal von ihren eigenen Führern zur Vernunft gebracht werden kann. Woraus schließt übrigens „der Jungdeutsche", daß die nationalsozialistischen Führer ihre Anhänger zur Vernunft bringen wollen? Alles, was man von ihnen liest oder hört, verrät das gegenteilige Streben. Eine einzige Ausnahme war jüngst auf der in Hannover abgehaltenen Tagung der reaktionären deutschen Studenten zu konstatieren. Dort waren es die Führer, die aus Angst vor unliebsamer Vertiefung des die Studenten ohnehin schwer schädigenden Konfliktes mit der preußischen Regierung die Absetzung von antisemitischen Numerus clausus- Forderungen von der Tagesordnung durchsetzten. Wie unsinnig diese Forderung ist, erkennt man aus folgendem Beispiel: Zu ihren Anhängern zählten u. a. die Vertreter der Universität Jena, wo im letzten Sommersemester unter 3000 Hörern kaum 25 Juden waren. Wenn dort eine auch nur e i n prozentige Norm für jüdische Hörer eingeführt wird, dann müssen Juden von anderwärts dorthin geholt werden, damit die Quote aufgefüllt wird . . . Dieses Beispiel beleuchtet in besonders grotesker Weise die Gedankenlosigkeit, mit der «*ine verhetzte Jugend gegen „Gefahren" ankämpft, die nirgends existieren als in der Phantasie skrupelloser Demagogen. Die Numerus clausus-Bewegung gegen die jüdischen Hochschüler ist nur verständlich als ein Teil jener allgemeinen Boykottbewegung gegen die Juden, die sich gesellschaftlich und beruflich auf anderen Gebieten längst verderblich austobt. Arn meisten haben unter ihr die jüdischen Arbeitnehmer zu leiden und verhelfen dadurch den Hakenkreuzaposteln zu einem doppelten Triumph: Zuerst verhindern diese, daß Juden Arbeit finden, und dann fragen sie demagogisch: „Hat schon jemand einen Juden arbeiten sehen?". Und doch sind die Juden die zähesten und opferwilligsten Mitarbeiter am allgemeinen Wohle. Gerade in diesen Tagen, da in Hannover der Numerus clausus für jüdische Dozenten und Hörer zur Diskussion stand, ging durch die Blätter der ganzen Welt die Kunde von der sensationellen Tuberkuloseheilmethode des jüdischen Arztes Max Gerson in Bielefeld, brach der jüdische Student Robert Kronfeld aus Wien mit dem von ihm erfundenen motorlosen Segelflugzeug in todesmutigem Fluge über den Thüringer Wald alle bisherigen Höhen- und Weitenrekorde im Segelfliegen . . . Allerdings konnte zur selben Zeit der Dichter Bruno Frank in einer Münchener Versammlung links orientierter Studenten auf die beschämende Erfahrung hinweisen, daß jüdische Wissenschaftler auch durch noch so hervorragende Leistungen kein dauerndes Heimatrecht an deutschen Hochschulen erwerben konnten! Trotzdem finden die deutschen Richter, daß Deutschland eine -„Judenrepublik" ist . . . Judenrepublik? Wir brauchen keine. Uns genügt ein Staat, der uns die Entfaltung unserer Kräfte i m gesunden Wettbewerbe mit den anderen Bürgern ermöglicht. Nur wer einen solchen Wettbewerb mit lauteren Mitteln scheut, kann unser reines Streben verdächtigen. Aber er kann uns im vaterländischen Empfinden, im Pflichtgefühl den allgemeinen sozialen und menschlichen Aufgaben gegenüber nicht wankend machen. Denn unsere seelischen Eigenschaften wurzeln in der Ethik unseres Glaubens und der steht — die Weltgeschichte beweist es — fester als alle Staatsformen und jene Faktoren, die innerhalb aller Staatsformen Politik machen. Seuilletcrt Mein erster Fasttag. (Aus den Erinnerungen des alten Professors.) Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Unser Lehrer versah nämlich im Notfalle die Funktionen eines Rabbiners in der ganzen Umgegend, entschied rituelle Fragen, wirkte sogar als rabbinischer Schiedsrichter bei Prozessen. Rabbi Akiba kam herein, der Anblick des zusammengeknickten blassen Reb Chajkel jammerte ihn und. da er in allen rituellen Fragen, soweit sie nicht seine eigene Person betrafen, zur größten Milde neigte, sagte er: „Ihr dürft getrost Kaffee trinken, Reb Chajkel, sogar drei Tassen. Es wird kein Loch im Himmel werden, und wenn eines wird, verstopft Ihr es mit einigen Portionen vom heiligen Sohar. Trinkt Kaffee, soviel man Euch gibt, unser einer darf sich das nTcht erlauben, aber ein Chassid, wie Ihr, der unter dem Schutz so vieler Zaddikim steht, dem wird man im Himmel solche kleine Sünden schon nachsehen. Indessen geht in ein anderes Zimmer, wenn Ihr Kaffee trinken wollt: es braucht nicht alle Welt Euch dabei zu sehen, die Leute könnten sich ein böses Beispiel daran nehmen. Nicht jeder kann wissen, was einen so frommen Mann zwingt, das Fasten zu brechen." „Na, Rabbi Akiba, schwer genug fällt es mir, aber wenn ihr mich dazu beredet, ein so großer Gelehrter .... aber, wißt, ich tu 's nur. weil ihr mich drängt: es geht auf eure Verantwortung „Schon gut, schon gut, ich nehm 's auf meine Schultern. Guten Appetit!" Mutter führte Reb Chajkel in die Speisekammer neben der Küche, dann brachte sie eine riesige Kanne frischgekochten Kaffees nebst einem Topf Sahne und einer Tasse hinein und stellte das ganze auf den weißgehobelten Tisch vor Reb Chajkel hin, der sich auf einen Stuhl niederließ und eine Miene machte, als sollte er aufs Schaffott geschleppt werden. Ich sah durch das Guckfensterchen zu, wie Reb Chajkel schlürfend und schnaubend dem kräftigen Trunk alle Ehre antat, und mir lief das Wasser im Munde zusammen .... Jetzt nahm Mutter vom kochenden Herd einen großen Topf voll Käsekräpfchen, die soeben gar geworden, schüttete das siedende Wasser fort, tat die Kräpfchen in eine heiße Schüssel, bedeckte sie mit einem Teller, brachte sie in die Speisekammer, stellte sie am anderen Ende des Tisches hin, an dem Reb Chajkel saß, und entfernte sich. „Was guckst du hinein, Schelm?" sagte sie leise zu mir, als sie wieder in die Küche kam. „Hast du noch nicht gesehen, wie einer Kaffee trinkt?" Aber sie lächelte dabei schalkhaft und schien gar nicht böse zu sein. Ich rührte mich nicht von der Stelle. Reb Chajkel hatte unterdessen die ganze Kaffeekanne schmatzend bis zur Neige geleert, dann leckte er sich die Lippen und trocknete sie mit dem Handrücken. Jetzt fing er an. nach dem anderen Tischende hinüberzuschnuppern, wo der appetitliche Duft, der heißen Käsekräpfchen aus dem Spalt unter dem Teller aus der Schüssel hervordrang. Reb Chajkel spähte mit ängstlichen Augen um sich. Dann erhob er sich langsam und schlich sich an die Schüssel heran. Ich sah, wie er am ganzen Leibe zitterte, er kämpfte offenbar einen schweren Kampf mit seinem Gewissen. Endlich zog er das riesige mit Schnupftabak bekleckste Taschentuch heraus, hob den glühenden Teller ab und griff beherzt in die Schüssel. ..Mutter, Mutter, komm' nur schnell," hauchte ich mit erstickter Stimme. Wir schauten zusammen durch das Guck-