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Die Wahrheit · 1929-08-09 · Heft 32 (9.8.1929) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 32 (9.8.1929)
Date
1929-08-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 droschen [mdt dm Veröffentlichungen der „Union deufschösterr. Juden41 und den „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" flA!««^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 9. August 1929 Nummer 32 Zehn Jahre Weimarer Verfassung^ A ^•^CF*^ Von Dr. Hugo S p i e g 1 e r, Erfurt. Am 11. August feiert die Weimarer Verfassung, die dem Deutschen Reich von gewisser Seite die Bezeichnung „Judenrepublik" eingebracht hat, ihr zehnjähriges Jubiläum. Ueber die Quelle der Mentalität, die den erwähnten Kosenamen prägen konnte, klärt uns die Aeußerung Wilhelms II. in seinen letzten Regierungsstunden auf, er denke gar nicht daran, „wegen ein paar hundert Juden" abzudanken. Wenig später floh er nach Holland! Offenbar hatte er inzwischen erkannt, daß es doch nicht die kleine Zahl Juden, sondern die Mehrheit der deutschen Qesamtbevölkerung war, die den Umsturz anstrebte. Die deutschen Richter halten in ihrer Erkenntnis noch nicht so weit. Sie haben noch in der letzten Zeit entschieden, daß der Ausdruck „Judenrepublik" keine Beleidigung der herrschenden Staatsform sei, sondern eine — berechtigte Kritik wirklich vorhandener Zustände. Bleibt nur die Frage offen, w o denn die weisen Herren diese Zustände im Deutschen Reiche beobachtet haben. Tatsache ist, daß der Umsturz den jüdischen Staatsbürgern den Zutritt zu Aemtern und Würden geöffnet hat, die ihnen früher — trotz der ihnen auf dem Papier schon damals gewährleisteten Gleichberechtigung — in der Praxis verschlossen waren. Aber das Schicksal Walter Rathenaus zeigt, mit welchem Preis sie diesen Fortschritt zu bezahlen haben. Das Tragischeste dabei ist, daß Rathenau diesen Preis von Anfang an kannte. Und wenn er diese Kenntnis nicht der eigenen Hellsichtigkeit verdankt hätte, dann hätten ihn die Drohbriefe von feindlicher und fundierte Warnungen von befreundeter Seite hinlänglich abschrecken müssen. Daß er trotzdem an exponierter Stelle seines Vaterlandes ausharrte und sogar jeden erhöhten Schutz seiner Person ablehnte, beweist, daß dieser JudemehrMutund Selbstaufopferung an den Tag legte, als jene ganze Meute, die großsprecherisch den Mund mit den Phrasen von kühner NibelungentTeue zum Althergebrachten vollnimmt, aber just in der einzigen Stunde, in der es gegolten hätte, diese schön tönenden Worte in die Tat umzusetzen, aufs erbärmlichste versagt hat. Aus den Schlupfwinkeln, in denen die konservativen Recken damals sich und ihre Heldentreue verbargen, sind sie allmählich im Schutze der von der Hugo Preuß' sehen Verfassung allen politischen Meinungen verbürgten Freiheit wieder herausgekrochen. Und im selben Maße, in dem sie die Aufrichtigkeit der Weimarer Freiheitsbürgschaft erkannten, ist auch ihre Kühnheit wieder gewachsen — sie überschreitet längst alle erträglichen Grenzen. In diesem neu erwachten Selbstvertrauen haben sie nachträglich zu jener Strategie gegriffen, die ein Desperado als letztes Mittel zur Rettung des alten Regimes empfohlen hatte: die allgemeine Unzufriedenheit der durch den verlorenen Krieg verarmten Volksmassen auf die Juden abzulenken, indem man diese als die Alleinschuldigen an allem Uebel der Welt hinstellt. Und so hat man das groteske Schauspiel erlebt, daß reaktionäre Putschisten, die nur der Wiedererlangung ihrer eigenen Vormachtstellung im Staate zuliebe das deutsche Vaterland nicht zur Ruhe kommen lassen wollen, von — jüdischen Verschwörungen mit dem Ziele einer jüdischen Weltherrschaft faseln, daß monarchistische Kostgänger der verhaßten Republik den jüdischen Steuerzahlern — parasitäre Existenz vorwerfen. Daß Revolverjournalisten, die von Tinte keinen anderen Gebrauch zu machen fähig sind, als damit die weißen Westen ihrer jüdischen Mitbürger zu beklecksen, als Wahrer völkischer Reinheit zu Geld und Ansehen kommen und, vor die Schranken des Gerichtes zitiert, die Genugtuung erleben, daß man ihren Schandtaten — „politischen" Charakter zuerkennt und diesem Charakter zuliebe die Strafverfolgung einstellt. Daß die Politik dadurch auf eine Stufe mit dem im § 51 des deutschen Strafgesetzes genannten Strafausschließungsgrund (geistige Unzurechnungsfähigkeit) gestellt wird, kann man angesichts der Folgen solcher „Politik" nicht einmal ungerecht finden. Ueber siebzig Schändungen jüdischer Friedhöfe kennzeichnen ihren Siegeslauf . . . Wessen man sich von der völkischen Jungmannschaft zu versehen hat,, geht aus ihrer Charakterisierung in dem Tageblatt des gleichfalls rechtsstehenden, aber geistiger orientierten Jungdeutschen Ordens hervor. In diesem nationalen Organ wird

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