Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 31 (2.8.1929)
- Date
- 1929-08-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■"^ Ernennung. Der Bundespräsident hat dem allgemein geschätzten Oberpolizeirat Dr. Heinrich Gans den Titel eines H o f r a t >e s verliehen. Boykott jüdischer Arbeit id Polen. In eineir der letzten Sitzungen des polnischen Sejm interpellierten die jüdischen Deputierten wegen dies Boykotts der jüdischen Arbeftt seitens der. staatlichen Aemter und Unternehmungen. Dr. Wygodsky berichtete über systematische Entlassungen jlüdischer Arbeiter und AngsteJlter aus den staatlichen Fabriken! In den Warschauer Tabakfabriken waren vor der Monopolisierung über tausend jüdische Arbeiten beschäftigt, heute ist dort kein einziger Jude anzutreffen. Im Organ „Ami du peuple" Schallt Herrn Cotys Wutgeschrei, Daß das arme Volk von Frankreich Eine Judenbeute sei. Edler Mann der Riiechgewässer, Dein Odeur riecht diesmal schlecht Und trotz deiner Düftprodukte Scheint dein gall'scher Zorn nicht echt. Hast du gar mit Judengeldarn Dein Profitchen schon getan Und du kannst mit Stolz verzichten Auf das jüd'sche Riechorgan? Wahrlich, solche Patrioten Sind uns sattsam schon bekannt: Gerne nehmen sie von Juden Geld fürs — teuere Vaterland. Ein Rathenau-Brunnen in Berlin. Aus Berlin wird berichtet: Mit Mitteln, die von privater Seite zur Verfügung gestellt worden sind, soll der Volkspark in den Rehbergen zu Berlin mit einem monumentalen Brunnen geschmückt werden, dessen Entwurf von Professor Qeorg Kolbe stammt. Er soll die Reliefbildnisse von Emil und W a 11 h e r Rathenau tragen. Die Religionen der Erde in Einzeldarstellungen von Balcz, Beth, Christian, Geiger, Hoffmann, Innitzer. Kraelitz, Much, Radermacher, Redlich, Reininger, Rosthorn, Wilke (Wien 1929, Fr. Deuticke). Diese Vorträge, im Rahmen der Wiener volkstümlichen Universitätskurse im Winter 1927/28 gehalten, verdienen das Lob, das ihnen vom Herausgeber, dem Sekretär dieser Kurse, im Vorworte zugebilligt wird. Was wir an ihnen vermissen? Das Judentum existiert nicht für die Veranstalter dieser Vorträge. Wilke, wie immer vortrefflich, liefert zwar einen Ueberblick über das Altertum der „israelitisch-jüdischen Religion", wie es sich nach den Arbeiten der protestantischen Bibelkritik darstellt. Daß aber das Judentum auch ohne Beziehungen zum Christentum, als dessen Unterbau es allein für diese Forscher in Frage kommt, an sich als Religion neben anderen einen Platz beanspruchen darf, das ist augenscheinlich keinem der leitenden Köpfe dieser Kurse eingefallen, und auf Seiten der Wiener Juden gab es offenbar kein Unbehagen über diese Schneeverwehung. Sonst hätte zum mindestens eine Anregung aus diesen Kreisen an die Kursleitung ergehen können. Vielleicht hätte man ihr stattgegeben. Manches schiefe Urteil in den Vorträgen ist zu berichtigen. So wenn S. 204 die Unauflöslichkeit der Ehe „gegenüber pharisäischer Leichtfertigkeit" verteidigt wird. Seite 181 wird noch immer die Anrede „Unser Vater, der Du bist in dem Himmel" als Errungenschaft des Christentums bewertet, ebenso S. 221 die christlichen Lehren von der Freiheit aller Menschen vor Gott, von der Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen, von der Pflicht der Nächstenliebe usw. Das Buch bietet aber des Guten so viel, daß es einen großen Leserkreis verdient. Die erste Marranen-Synagoge in Oporto. Die Grundsteinlegung für die erste Synagoge in Oporto (Portugal) stand im Zeichen eines feierlichen Ereignisses für die Marranen Portugals, die nun auch offiziell zum jüdischen Glauben zurückkehrten. Die Synagoge wird in der Straße errichtet, die den Namen des portugiesischen Marranendichters Guerra Junqueiro trägt, der eine frappante Aehnlichkeit mit Rembrandts Rabbiner-Bild hatte. Die Marranen von B e 1 m o n t e und C o v i 1 h a n sandten an den Präsidenten der neuen jüdischen Marranen-Gemeinde in ——-——mm— s^te 13 Oporto, Kapitän de Barros Basto, eine Begrüßungsbotschaft, dankten ihm für die große Arbeit im Interesse der Rückkehr der Marranen zum Judentum und wünschten der jüdischen Gemeinde in Oporto Frieden und Gedeihen. Die Kundgebung schloß mit den hebräischen Worten: „Schalom lejisrael". Die jüdischen Schönheitsköniginnen. In Galveston ist die schöne Jüdin. Frl. Liesel Goldarb e i t e r, die bisherige „Miß Au str ia" zur Schönheitskönigin der Welt ausgerufen worden. Ein rumänisches illustriertes Journal versagt der „Miß Universum" wohl nicht die Anerkennung, meint aber, daß sie eine „kalte Schönheit" sei. Sie wird sich gewiß über diese nichts weniger als warme Empfehlung hinwegsetzen. Aber auch „Miß E u r o p a", Fräulein Elisabeth Simon, die eigentlich den Weltschönheitspreis erhalten sollte und überhaupt nicht nach Galveston ging, sondern ihrer Rivalin den Platz räumte, erfährt keine gute Kritik, trotzdem sie eine fromme Jüdin ist — in jüdischen Zeitschriften. Als sie mit ihrer Mutter den Freitag-Abendgottesdienst in der Synagoge zu Abbazia besuchte, richtete an sie Rabbiner Dr. Alexander Stern von der Kanzel eine Begrüßungsansprache, segnete „M i ß Europa" und verwies darauf, daß ihre Mutter „auch m Abbazia ihre Sabbathkerzen angezündet hätte". Der „I s r a e- I i t", das Zentralorgan für das orthodoxe Judentum in Frankfurt a. M., wendet sich in scharfen Worten deswegen gegen Rabbiner Dr. Stern und meint, daß ihm hierfür ein „Weltpreis — der Geschmacklosigk e i t" gebühre, weil er im Rahmen des Gottesdienstes, im Anschluß an das Begrüßungslied für „Königin Sabbat" der Schönheitskönigin von der Kanzel huldigte, während zuvor der sittenstrenge Bischof von Galveston seine warnende Stimme gegen den „Unfug der Schönheit sk r o ne " erhoben hatte. Der neue Präsident der Lemberjser jüdischen Gemeinde. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde von Lemberg hat mit 6 gegen 5 Stimmen Herrn Dr. C h a j e s. einen Führer der assimilatorischen Richtung, an Steile des zurückgetretenen Professors Allerhand zum Präsidenten der Gemeinde gewählt. Das Vorstandsmitglied Senator Dr. S ehre über erklärte im Namen der 5 zionistischen Vorstandsmitglieder, daß die Zionisten in einer prinzipiellen, nicht persönlichen Opposition gegenüber dem Präsidenten verharren werden. Dr. Ignaz Edler von Hofmannsthal. Ueber diesen bedeutenden Mann, der im Leben Wiens die wohltätigsten Aufgaben freiwillig und mit Kraft erfüllte, besagt: Wurzbach Constant von, Dr.: Biographisches Lexikon des Kaiserthrones Oesterreich, 9. Teil, Wten 1863, S. 166f folgendes: „Er war Arzt und am 22. Mai' 1807 geboren. Sein Vater hieß Isak Low Hof mann. Edler v. Hofmannsthal. Dieser Mann hatte sich um die Seidenkultur in Oesterreich verdient gemacht und auch als einer der ersten Pottasche erzeugt. Der Adel stammt vom 13. August 1833. Dr. Ignaz Edler v. Hofmannsthal leistete unentgeltlich Dienste als Arzt im Allgemeinen Krankenhaus, im k. k. Mädchenpensionat, im k. k. Findelhaus und bei der k. k. Trabantenleibgarde. Aus eigenen Mitteln stiftete er in 15 Spitälern Bibliotheken mit einem Aufwand von mehreren Tausend Gulden. Er wurde auch zum Bibliothekar des Allgemeinen Kranken- und Irrenhauses ernannt. Er entwarf auch einen Plan zu einem Spital für die Hofbediensteten des Serails und war im Baukomitee für das Maria Annen-Spital. Er ist auch der Gründer des Zentralvereines für Krippen, dem er acht Betten widmete und er war Direktor des Vereines zum Schutze entlassener Irren. In der Wiener israelitischen Kultusgemeinde wirkte er 20 Jahre als Arzt im israelitischen Spital. Gleich seinem Vater förderte er die Pflanzung von Maulbeerbäumen. Er begründete die Verschönerungsvereine in Döbling, Hietzing, Hacking, Ober- und Unter-St. Veit. Besonders verdient machte er sich um das allgemeine österreichische israelitische Taubstummeninstitut in Wien, dessen Vorstand er seit 1853 angehörte. Nach dem Tode von Isak Noe Mannheimer war er von 1865 bis 1876 Präsident des Vorstandes daselbst. Im Garten dieses Institutes stehen noch die Maulbeerbäume, die er dort anoflanzte. Sie sind eine Seltenheit für Wien. Unter seiner Mithilfe wurde der Baugrund für dieses Institut angekauft. Er fuhr mit Direktor Joel Deutsch nach Deutschland, um die bedeutendsten Taubstummenanstalten für den Neubau zu besichtigen. Er und M. L. Kanitz hatten die Aufgabe übernommen, für die Ausfuhrung des Bauplanes zu sorgen. Er schenkte sämtliche Turnapparate