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Die Wahrheit · 1929-08-02 · Heft 31 (2.8.1929) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 31 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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nüiiliiuiiiiimfiumiaiimoiiiiiinmnmiiuiuuttBimniiiin ■ Seite 11 t€aK^mimt^m%g^ Die Position der Juden In Jugoslawien. Herr Voja Marinkovic, Minister für auswärtige Angelegenheiten des Königreiches der Serben. Kroaten und Slowenen, gab in einer Unterredung mit Herrn Jakob Landau, Direktor der Jüdischen Telegraphen-Agentur, seiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß es in Jugoslawien keine Judenfrage gibt und der Antisemitismus hier eine unbekannte Erscheinung ist. „Unser Land", erklärte der Minister, „ist von dem Gifte des Antisemitismus völlig frei. Wir Serben achter, und lieben den Juden. Die historische Entwicklung des serbischen Volkes ging vielfach parallel mit der des jüdischen Volkes. Wir Serben hatten so viel Leid und Not zu ertragen, mußten in so vielen blutigen Kämpfen größte Opfer bringen, um unsere Freiheit zu erlangen, daß wir volles Verständnis für den Juden haben, dessen Geschichte so viel Leid und Martyrium kennt, weil auch der Jude treu zu seiner Religion und Gemeinschaft hält. Uns beide verbindet hierin die gleiche Ausdauer und Zähigkeit, die gleiche Unbeirrbarkeit. Es ist darum nur natürlich, daß der Serbe und der Jude einander verstehen. Als die Türkei nach langen und schweren Kämpfen unserem Lande eine gewisse Autonomie gab und zwei sich selbst verwaltende Gruppen, Serben und Türken,, gebildet wurden, schlössen sich die Juden, die hierin freie Wahl hatten, nicht den Türken, die ja die herrschende Nation waren, sondern uns an, obwohl auch ^ie Türken keine antisemitische Politik verfolgten, sondern den Juden gegenüber eher tolerant waren. Dies beweist, daß die innige und freundschaftliche Haltung zwischen Serben und Juden eine historisch gegebene Tatsache ist und sich aus dem ganzen Entwicklungsgange unseres Staatslebens erklärt. Wir schätzen den Patriotismus der jüdischen Bevölkerung sehr hoch ein. Sie hat mit uns im Kriege alle Not und alles Leid geteilt, und die jüdischen Soldaten haben ihre Pflicht nicnt minder treu und wacker erfüllt als die anderen. Die jüdische Religionsgemeinschaft in Jugoslawien ist autonom und in jeder Hinsicht den anderen Religionen gleichgestellt. Die Regierung subventioniert die jüdische Religionsgemeinschaft in dem gleichen Maße wie die anderen Gemeinschaften. Zu allen öffentlichen Feierlichkeiten werden der Oberrabbiner und Häupter der katholischen und protestantischen Kirchengemeinden eingeladen und rangieren in der Ordnung der Sitzplätze unmittelbar hinter den Mitgliedern der Regierung. Oberrabbiner Doktor A1 k a 1 a y wird hier von allen hoch geschätzt. Er hat Jugoslawien beii mehr als einer Gelegenheit wertvolle Dienste geleistet. Er ist Träger des höchsten Ordens des Landes. Wir arbeiten jetzt ein Gesetz aus, das den Status der verschiedenen Religionsgemeinschaften festlegen wird. Dieses Gesetz wird für die Juden dieselben Formen festsetzen, wie für die Protestanten und Katholiken. Die jüdische Bevölkerung zählt in unserem Lande ungefähr 60.000 Seelen; sie ist meist im Handel und freien Berufen tätig. Die Juden sind ein äußerst arbeitsames und wertvolles Element. Die Mehrzahl der Juden ist aus Spanien eingewandert. Wir haben hier in Belgrad viele Familien, die, wie die Alkalays, schon seit dem 16. Jahrhundert in unserem Lande wohnen. Ein „Dummer-Jungen-Streich". In der Strafsache wegen der Beschädigung von Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof in K ö p e n i c k hat die Staatsanwaltschaft II mit Zustimmung der Jugendrichter das Ermittlungsverfahren eingestellt, weil die beiden fünfzehnjährigen Täter nach ihrer geistigen und sittlichen Entwicklung unfähig gewesen sein sollen, das Ungesetzliche der Tat einzusehen. Den beiden Jungen lägen politische Beweggründe völlig fern. Ihre Tat sei ein Dummer-Jungen-Streich. Der jüdische Vizegouverneur von New York. Colonel Herbert Lehman, der zum Vizegouverneur des Staates New York gewählt wurde, ist in sein neues Amt feierlich eingeführt worden. In der amerikanisch-jüdischen Oeffentlichkeit wurde diese Tatsache als ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der amerikanischen Judenheit vermerkt. Das Amt eines Vizegouverneurs von New York ist der höchste Posten, den bisher ein Jude in Amerika bekleidet hat. Oberst Herbert Lehmann, sowie der gleichzeitig in sein Amt eingeführte neue Generalgouverneur des Staates New York, Franklin D. Roosevelt, wurden vom Richter Irving Lehmann, dem Bruder Herberts, in Eid und Pflicht genommen. Irving Lehmann hat die gleiche Funktion auch vor zwei Jahren bei der Einführung von Gouverneur Smith ausgeübt. Der Vizegouverneur des Staates New York, Oberst Herbert Lehmann, hat der Organisation zur Förderung jüdischer Eziehung „Young Judaea" eine Spende von 2500 Dollar zukommen lassen. Die kürzlich Ln New York stattgefundene Konferenz von „Young Judaea" beschloß, eine Kampagne unter dein jüdischen Gemeinden Amerikas einzuleiten, um diese Gemeinden von der Notwendigkeit der Aufstellung und Durchführung eines großen erzieherischen Programms für die Jugend zu (überzeugen. Präsident Hoover an den Weltorden Bnei Brith. Der Präsident der Vereinigten Staaten Herbert Hoover hat an Alfred M. Cohen, internationalen Präsidenten des Unabhängigen Ordens Bnei Brith, ein Schreiben gerichtet, in welchem er den hohen Idealen und der öffentlichen Tätigkeit des Ordens höchste Anerkennung zollt. Der Orden, schreibt der Präsident, entfaltet nicht allein in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa und im nahen Osten eine überaus nützliche Tätigkeit, die ihm die Dankbarkeit der Menschen einbringt. In den Vereinigten Staaten ist die Arbeit der Bnei Brith beispielgebend für jedes Werk der Großherzigkeit und der gegenseitigen Hilfe, des Verständnisses und der Zusammenarbeit zwischen den Angehörigen aller Rassen und Religionen. Der Unabhängige Orden Bnei Brith in Amerika plant für den 19. Oktober, an welchem Tage der Präsident des internationalen Ordens Bnei Brith, Herr Alfred M. Cohen, sein 70. Lebensjahr vollendet, eine Reihe Kundgebungen und Wohlfahrtsaktionen. Herr Cohen, der seit 1925 diese Würde innehat, ist auch Mitglied des Senats des Staates Ohio und Präsident des Verwaltungsrates des Hebrew Union College. Warnungszeichen des Ostens. Im vergangenen Jahre haben in Warschau 891 Juden (300 Männer, 591 Frauen) Selbstmord begangen. Diese Zahl versinnbildlicht nicht nur einen Rekord in der Statistik der Selbstmorde, sondern legt auch für den seelischen und für den matsriellen Zusammenbruch eines großen Teils der polnischen Judenheit Zeugnis ab. 891 — das heißt: Von ungefähr je hundert erwachsenen Juden hat stets einer seinem Leben gewaltsam ein Ende gemacht. 891 Juden gegen 789 Christen — und in Warschau gibt es viermal mehr Christen als Juden. Im gleichen Verhältnis zur nichtjüdischen Bevölkerung hätten 158 und nicht 891 Juden die grausige Tat verüben dürfen. Es handelt sich also um eine Erscheinung, die nur die jüdische Bevölkerung betrifft. Sehr auffallend ist die Tatsache, daß doppelt so viel Frauen als Männer zum Selbstmord schritten. Bei den Männern kann man auf wirtschaftlich katastrophale Verhältnisse in der Warschauer Judenheit schließen. Was kann aber im allgemeinen bei den Frauen als Beweggrund gemutmaßt werden? Doch ein Urteil kann auch ohne die nähere Kenntnis der unmittelbaren Veranlassungen gefällt werden — und dieses Urteil muß leider für die Bewertung des Verhältnisses eines großen Teiles der Warschauer Judenheit zur Religion, zur religiösen Gläubigkeit, zu Gott ein vernichtendes Urteil sein. Wirtschaftliche Katastrophen, materielles Elend sind in der jüdischen Vergangenheit wahrlich keine seltene Erscheinung gewesen, sie haben aber niemals zu einer Selbstmordseuche, ja nicht einmal zu einer kleinen Zahl von Selbstmorden geführt. Der Gottesglaube, auf dem die Judenheit Jahrtausende hindurch das Leben ihrer Familien aufbaute, ist heute großen jüdischen Massen nicht mehr die Basis des Denkens. „Ostjudengefahr" für deutsche Kultur. Eines der beliebtesten Agitationsgebiete der deutschen Antisemiten aller Richtungen ist die Ostjudenfrage, Bilden doch die Ostjuden heute geradezu einen politischen und wirtschaftlichen Kinderschreck, über den man wahre Schauermärchen verbreiten kann. So ist es sehr zu begrüßen, daß das Zentralorgan des Verbandes ostjüdischer Organisationen in Deutschland, die in Hamburg erscheinende Monatsschrift „Jüdische Wel t", einen Einblick gewährt in Art und Wesen der aus „S o w j e t j u d ä a" und aus dem „Jude nparadies" Polen stammenden Juden. In der Mainuminer des Blattes beschäftigt sich Dr. Carl Pinn mit dem Anteil, den Ostjuden an der deutschen Kulturarbeit genommen haben. Es ist eine stolze Reihe von Namen, die der Verfasser, bei weitem ohne erschöpfend zu sein, nennt. Er beginnt mit dem Kant-Schüler Salomon Maimon, von dem der >?roße

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