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Die Wahrheit · 1929-08-02 · Heft 31 (2.8.1929) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 31 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Die Anerkennung der höchsten Stellen fand bereits vor Jahren ihren Ausdruck in der Verleihung des „Franz Josef Orden" und in der Ernennung zum Ehrenbürger der Kurstadt Baden. Die imposante Bestattungsfeier nahm Freitag, den 26. Juli, um 3 Uhr nachmittags, vom Trauerhause ihren Ausgang. Trotz der unerträglichen Hitze stehen auf dem Platze vor dem Trauerhause Tausende von Menschen und warten geduldig — den großen Verlust der Gemeinde besprechend — auf die Ueberführung des Sarges in das Gotteshaus. Im Trauerhause hielt Rabbiner S. Friedmann dem Verblichenen einen tiefempfundenen Nachruf. „Gefallen ist die Krone unseres Hauptes . . sagte Redner und betonte, daß der verstorbene Oberrabbiner allen noch so weitgehenden Anforderungen hinsichtlich aller guten Eigenschaften eines religiösen Führers der Gemeinde im höchsten Maße entsprochen hat. Sodann trat Präsident Alexander Braun an die Bahre, um im Namen der Kultusgemeinde von dem Toten Abschied zu nehmen. Er würdigte die überragende Persönlichkeit des Verblichenen, der bis zum letzten Atemzuge unermüdlich bestrebt war, dem Judentume mit seinem ganzen Wissen und edlen Herzen zu dienen. In echt jüdischer Weise wirkte er beinahe 50 Jahre für den Frieden in der Gemeinde. Wir werden, sagte Redner, sein Andenken in Ehren halten und kommende Geschlechter werden noch erkennen, was dieser wirklich edle Mensch für die Kultusgemeinde Baden bedeutet hat Unter Trauergesängen wurde hierauf der Sarg gehoben und von den Familienmitgliedern und dem Vorstande der Chewra Kadischa zum Leichenwagen gebracht, der sich im Schritt zum Tempel bewegte. Auf dem ganzen Wege brannten über Anordnung des Bürgermeisters zur Ehrung des Toten die Straßenlampen. Hinter dem Sarge schritten Minister a. D. Bürgermeister Josef Kollraann mit Vizebürgermeister Kommerzialrat Alois Bwusatti, Bezirkshauptmann Hofrat Dr. Pilz, Prälat Stadtpfarrer Dr. F r i m, Kirchenvorsteher Franz F i n k, Vorsteher des Bezirksgerichtes Hofrat Dr. Hin k, Obermedizinal- Rat Stadtphysikus Dr. Emil Raab, in Vertretung der Polizei Oberkommissär K1 i n g e r. Präsident des Badener Schriftstellervereines Redakteur Kühne! t, in Vertretung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Präsident Oberstabsarzt A. Pick in Begleitung des Amtsdirektors Rieg.-Rat Dr. Emil Adler und Amtsleiter Wilhelm Freistadt. Abordnungen des Wiener Rabbinerverbandes mit Doktor D. Feuchtwang undjies Oesterreichischen Kantorenverbandes mit Oberkantor Lmanuel Fränkel an der Spitze; der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wiener- Neustadt unter Führung des Präsidenten Ungar, Neunkirchen unter Führung des Vizepräsidenten Preiß, M ü tili n g unter Führung des Vizepräsidenten S t ö ß 1 e r und Kultusrat Hermann Smetana, Eisen Stadt unter Führung des Präsidenten Gabriel, Gloggnitz Moriz Löwy, Gumpoldskirchen, Lederfabrikant Spitzer sowie Delegationen zahlreicher Wohlfahrtsinstitutionen, in deren Dienst der Heimgegangene seine hervorragende Persönlichkeit gestellt. An der beinahe 50jährigen Wirkungsstätte des so plötzlich Dahingeschiedenen, im altehrwürdigen Badener Tempel, sprach der Neffe des Verstorbenen, Oberrabbiner Reich aus W e r b o. Wiederholt von Schluchzen überwältigt, löste seine vom innersten Herzen kommende Rede oft lautes Weinen bei der tieferschütterten Gemeinde aus. Redner entwirft in großen Zügen ein treffliches Bild des Entschlafenen und betonte, daß das ganze Leben zum Gottesdienst, seine Gemeinde zu einem bewußten Gottesvolk zu machen, die große Aufgabe seines überaus inhaltsreichen Lebens war. In der Zeremonienhalle des Badener Friedhofes widmete der greise Rektor des Wiener Seminars Hofrat Prof. Dr. A. Schwarz dem verstorbenen Oberrabbiner der Kurstadt Baden einen tiefempfundenen Nachruf. Er schilderte in formvollendeter Rede die Anteilnahme aller österreichischen Kultusgemeinden an dem schweren Verluste der Badener Gemeinde, denn überall in Oesterreich kannte und schätzte man die überragende Persönlichkeit des so jäh zum Schmerze aller Glaubensbrüder Verblichenen. Er gedachte des hingebungsvollen Wirkens dieses prominenten geistigen Führers der Judenheit, das nebst dem Wohle der Badener Gemeinde der ganzen Judenschaft in aller Welt gewidmet war. Herzliche Abschiedsgrüße überbrachten noch Rabbiner Dr. Duschinsky- Räkospalota für die engere Familie, Oberrabbiner Doktor Heinrich Weiß, für die Kultusgemeinde Wiener-Neustadt und Rabbiner Dr. Albert Schweiger für die Kultusgemeinde Mödling. Es war bereits %6 Uhr, als der Sarg von der Estrade gehoben und unter Trauergesängen von den Mitgliedern der Chewra-Kadischa zu dem Ehrengrabe gebracht wurde, das die dankbare Badener Kultusgemeinde ihrem verdienstvollen Oberrabbiner gewidmet hat. Am Grabe vorbei defilierte sodann ein endloser Zug derer, die stundenlang im Freien trotz der unerträglichen Hitze ausgeharrt hatten, um dem Dahingeschiedenen diese letzte Ehre zu erweisen. Oberrabbiner Wilhelm Reich hinterläßt eine Witwe, welcher sich die allgemeine Teilnahme ob dieses erschütternden Verlustes zuwendet. Seine Söhne, Universitätsprofessor Dr. Nataniel Reich, Dr. Albert Reich, Dr. Max Reich, Ernst Reich und Dr. Siegmund Reich, welche sich durchwegs in angesehenen Stellungen befinden, und seine Tochter, Frau Sidonie Sternfeld, betrauern in dem Dahingeschiedenen einen fürsorglichen Vater, Freund und Berater. Möge ihm die Erde leicht sein! L. H. Ist das noch Judentum? Vor kurzem brachte der „Rozvoj" einen interessanten Auszug aus den Satzungen der „Reformierten jüdischen Gemeinde" in Amerika, die in ihrer Naivität wie eine Groteske anmuten. Die Satzungen lauten: 1. Ein „Minjan" wird ohne Rücksicht auf die Zahl der Anwesenden abgehalten. Frauen haben dieselben Rechte wie die Männer. 2. Männer und Frauen sitzen ungesondert nebeneinander. 3. Die Männer, ausgenommen der Rabbiner, bedecken nicht das Haupt. 4. Ein Tallis wird nicht benützt. Dem Rabbiner steht es frei, einen solchen anzulegen. 5. Zur Tora wird niemand gerufen. Der Rabbiner nimmt mit Hilfe zweier Würdenträger die Tora aus dem Schrein und liest einen Teil hebräisch. Hierauf wird die Tora wieder in den Schrein gelegt und der Rabbiner übersetzt den soeben gelesenen Toraabschnitt ins Englische. Das „Maftir" wird englisch rezitiert. 6. Die sogen. Lies entfallen gänzlich. 7. Alle Gebete, welche sonst hebräisch rezitiert werden, werden ohne Melodierezitativ und ohne Körperbewegungen einfach vorgelesen. 8. Die Gebete sind stark verkürzt. Hebräisch gelesen wird nur das Schema, Borcho und Olenu, das übrige englisch. 9. Jahrzeit wird nur am Freitag oder Samstag nach dem Todestage des Verstorbenen abgehalten, Kadisch wird auch von Töchtern, Müttern und Witwen gesagt. 10. Die Vorschriften bezüglich „koscher" werden von den Mitgliedern der Reformgemeinde und von dem Rabbiner überhaupt nicht in Rücksicht gezogen. Jeder hat darin volle Freiheit. Man fragt sich nur: Ist das noch Judentum? Wie nahe ist da der Schritt zur vollständigen Abkehr! Die ganze Sache entbehrt nicht der Komik, wenn man erfährt," daß der Begründer dieser Sekte ein Rabbiner Abraham Isak Weiß aus Kamenny Brod (?), der um 1860 nach Amerika kam. wmmummunBmKwmamnBnmmmmaammKm Konkurs. Die israelitische Beerdigungsbruderschaft Chewra Kadischa. Hohenau an der Nordbahn, Niederösterr., die heuer ihren 50 jährigen Bestand feiert, benötigt für die hohen Feiertage einen Bai Schachris und Bai Mussaph. Reflektanten, die über eine klangvolle Stimme verfügen, außerdem Bal-Koreh sind und Referenzen über ihre religiös einwandfreie Lebensweise nachweisen können, mögen ihre Bewerbungsschreiben an den gefertigten Vorsteher richten. Bewerber, die auch S c h o f a r blasen können, genießen den Vorzug. Nur zu den Pröbevorträgen Berufenen werden die Spesen vergütet. Bei Zufriedenstellung kann eine Daueranstellung erfolgen, doch nur von solchen Bewerbern, die befugt sind, Religionsunterricht zu erteilen oind die Schochet U b o d e k sind. Hohenau a. d. Nordbahn, N.-Oe., im Juli 1929. Für den Vorstand: Karl Sonnenmark, Vorsteher.

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