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Die Wahrheit · 1929-08-02 · Heft 31 (2.8.1929) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 31 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT dmiiuiiiiititmninBnntinim^ nflllMtwnanwminniinniwMWiiwimtiHmiiHiiuiiuiu verdenken, wenn er in solche Judenhörigkeit nach einer Erklärung sucht und sie schließlich, mangels einesBesseren, darin zu finden glaubt, daß das klerikale Blatt ebenfalls, der Großmut jüdischer Industrieller und Kaufleute, bzw. Bankiers, sehr viel zu danken hat." Weiß Gott, wir verdanken es wirklich Herrn Fritsch, daß er keine bessere Erklärung gefunden hat. Im Gegenteil. Warum sollte er auch auf die so fernliegende Idee kommen, daß ein christliches Blatt, wenn es sich um Juden handelt, von reinen Erwägungen des Anstandes, des Feingefühls, des guten Geschmackes leiten läßt? Mußte einem Fritsch nicht die schmutzige, gemeine Verdächtigung näher liegen, daß sich das christliche Blatt für seine anständige Haltung habe kaufen lassen? Wir verdenken dies Herrn Fritsch so wenig, daß wir sogar auch aufrichtig wünschen, er solle nur weiter in diesem Geiste hemmungslos seines literarischen Amtes walten. Wahrhaftig, wenn es je einen Mann gab, der unüberleglich — vielleicht wirkungsvoller als die hervorragendsten freisinnigen Männer es vermöchten — zeigt, wohin der Antisemitismus führt, wie er auf Kopf und Herz wirkt, so ist es Herr Fritsch, Gott erhalte ihn. Ego. | OberrabbinerWilhelm Reich | In freundschaftlichem Gedenken von Dr. M. G r u n w a 1 d. „Auf den Höhen scheiden, Kurz das Leiden, Sonnig das Leben, Kann es Schöneres geben?" Das war unser erster Gedanke bei der Nachricht von seinem Tode. „Auf den Höhen" ist er geschieden- In voller Rüstigkeit, in Ausübung seines Berufes. Vor kurzem erzählte er noch im Freundeskreise, wie er diesmal seinen Winterurlaub, statt wie sonst an der Riviera, in Budapest verbracht, und, wie immer, leuchtete sein Auge, wenn er voller Bewunderung von der Geistcsfrische seines alteren Bruders wirklich staunenswerte Einzelheiten berichtete. Niemand, am wenigsten er selbst, hatte da Grund zu der Befürchtung, daß seinem eigenen Erdendasein ein so nahes Ziel gesetzt sei. Er gehörte zu den Seltenen, denen man nicht nur kein Altern anmerkt, sondern die selbst über keine Gebresten zu klagen brauchen, obwohl sie das weiße Band des Siebzigers längst überholt haben. Lebhaft und herzgewinnend, wie in seinen besten Jahren, war er im persönlichen Umgang, sprühenden Geistes und überaus wirksam in seinen Kanzelreden, die wenigstens durch Niederschrift für eine spätere Veröffentlichung festzuhalten man ihn nicht bestimmen konnte. Er war eben so reich an Gedanken, daß er damit Verschwendung treiben durfte. „Astero bilegino kischkisch kario", Klappern gehört zum Handwerk, wenn man, was Kunst sein sollte, zum Handwerk erniedrigt. Ihm war alles Banausentum fremd und, so vorsichtig er auch im allgemeinen urteilte, unter vier Augen hielt er nicht mit seiner Verachtung der niedrigen Mittel zurück, mit der sich Unzulänglichkeit in den Vordergrund zu schieben weiß. Er selbst war „mischejore kenesseth hagedaulo", einer der wenigen Ueberlebenden, wenn nicht der letzte Zeuge der großen Zeit, die in der neueren Geschichte der österreichischen Judenheit die Glanzperiode bildet. Manchem ihrer Wortführer stand er nahe, mit einem, Dr. Josef B loc h, verband ihn innige Freundschaft, ihr hat er in seinem Beitrage zur Bloch- Festschrift ein literarisches Denkmal gesetzt. In Blochs Wochenschrift erschienen zuerst seine geistvollen und lehrreichen kulturgeschichtlichen Essays sowie seine noch immer, was man von solchen ephemeren Aufzeichnungen sonst selten sagen kann, lesenswerten launigen Reiseberichte, wie er sie, ein Meister ebenso der Feder wie des Wortes, später der „W a h r h e i t" anvertraut hat. Gemeinsarne Reisen verinnigten diese Freundschaft. Nach Blochs Hinscheiden zog ihn nichts mehr nach Wien. In den letzten Jahren erlosch in ihm auch die Lust zu schreiben, während sie ihn einst vorübergehend sogar zur Herausgabe einer eigenen Zeitschrift „Der Reichsbote'* getrieben hatte, in der er persönlich das Gebiet der talmudischen Wissenschaft anbaute, wie auch die Bibelkunde ihm wertvolle Beiträge verdankt. „Sonnig das Leben". Das war das seine. Er trug die Sonne vor allem in seinem Gemüt. Mit Gaben des Geistes und der äußeren Erscheinung fürsorglich bedacht, besaß er ein durchaus friedliebendes und weltgewandtes Wesen. Er hatte die redliche Willenseinstellung, mit allen Strömungen und Richtungen, wie sie eine Gemeinde aufweist, ein gütliches Einvernehmen zu finden und zu pflegen. Entgegen kam ihm die Haltung seiner Gemeinde, die ihren konservativen Charakter am edelsten darin bekundet, daß sie nach der alten Väter Weise dem Rabbiner die gebührende Achtung bezeigt. Mit dieser Gemeinde während fast eines halbes Jahrhunderts eng verwachsen, hat er von ihr wie von der Stadtgemeinde, auch von der Regierung bei so manchem Anlaß Ehrungen erfahren, die, wenn auch wohl verdient, ihm jedenfalls doch die Freude an seinem Schaffen zu erhalten geeignet waren. Vor allem aber war ihm ein Familienglück beschieden, auf das erst in den letzten Jahren durch Erkrankung seiner trefflichen Gattin ein Schatten fiel. Liebe, Freundschaft und allgemeine Wertschätzung waren seine treuen Lebensbegleiter. Und so wie er von Gott begnadet gelebt, so ist er ohne Todesahnung plötzlich dahingegangen. Auch nicht einmal „kurz das Leiden", sondern schmerzlos entführte ihn der Engel des Todes auf sanftem Fittich. Wenn man mit dem alten Glauben, daß Lieblinge der höheren Mächte lebend zu ihnen eingehen durften, eine Anschauung verbinden will, dann darf man an dieses Beispiel denken. Nach einem solchen Leben ein solcher Tod und ein Nachhall seines Wirkens, beneidenswert wie jene! „Kann es Schöneres geben?" * * Das plötzliche Ableben des Oberrabiners Wilhelm Reich rief nicht nur in Baden, sondern weit üi-jr die ti/enzen seines engeren Wirkungskreises gröüte Bestürzung und Trauer hervor. Der Verblichene genoß nicht nur bei seinen Glaubensbrüdern, sondern bei allen Schichten der Badener Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession höchste Verehrung und Liebe, was auch in der Beteiligung am Leichenbegängnisse zum Ausdruck kam.

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