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Die Wahrheit · 1929-08-02 · Heft 31 (2.8.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 31 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 ■iiiminiinimiimimiiimnMiiniilinnninP1"" mam DIE WAHRHEIT noch etwas zugute tun, da nach ihrer Lehre die esoterische Kabbalah allein die Hauptsache, dagegen Talmud und Poskim Nebensachen sind. Ihre aus der Kabbala und dem Sohar fließende Heiligkeit ermächtigt sie eben, den Rabbinern gegenüber die höhere Instanz zu spielen und sie sehr häufig zu terrorisieren, was ihnen mit Hilfe ihrer blind ergebenen Anhängerscharen ein leichtes ist. Von dem Einfluß der deutschen Juden erhoffte man nun eine moralische Kräftigung dieser von den Wunderrabbis verfolgten Rabbiner und eine Stärkung ihres Einflusses im neuen Polen nach dem Kriege. Man sah schon ein Emporblühen der Aufklärung und des Fortschrittes voraus, die anheben sollten, sobald die Waffen schweigen und das Land sich beruhigt haben würde . . . Wie haben wir uns getäuscht! Gerade das Gegenteil ist eingetreten. Nie zuvor wagte es die Reaktion im jüdischen Polen, so herausfordernd aufzutreten und nach der Herrschaft auf allen Gebieten des Geisteslebens zu langen, wie in diesen Jahren seit dem Aufhören des Krieges. Alle Elemente des Fortschrittes und der Aufklärung sind eingeschüchtert und zurückgedrängt und im Vordergrund steht der schwärzeste Rückschritt, der das große Wort führt und sich sogar der jedesmaligen Regierung als willkommenes Werkzeug anzubieten versteht. Die deutschen Juden haben während des Krieges in Polen nicht den Liberalismus, sondern die Reaktion in ihrer schwärzesten Form gestärkt! Und zwar taten das nicht die orthodoxen unter den deutschen Juden, sondern justament die liberalen, diejenigen, die bei sich daheim von der Beobachtung der religiösen Vorschriften längst sich losgesagt und innerlich mit der jüdischen Religion nichts gemein haben; unter den polnischen Juden dagegen förderten sie die Herrschaft der chassidischen Wunderrabbis und ihrer Anhängerschaft, beschafften ihnen enorme Mittel zur Begründung von publizistischen Organen, lehrten sie die Organisation, prägten die Schlagworte, mit denen man um sich wirft, um die Massen zu blenden und zu ködern. Dr. Paul Nathan und Dr. James Simon Arm in Arm mit dem Gerer Rebbe! Ist das nicht ein Schauspiel für Götter? Die große Menge aber sagte sich: Wenn diese großmächtigen Herren aus Deutschland, die Freunde des deutschen Kaisers, die doch gewiß höchst aufgeklärt sind, dem Gerer Rebbe und seinesgleichen so huldigen, so ist offenbar die Wahrheit auf Seite des Gerer Rebbe und der Seinigen. Was Wunder, daß der Gerer Rebbe und die Seinigen jetzt einen Zulauf hatten, wie nie zuvor? So kam es, daß die Kulturarbeit einiger Generationen im Verlaufe von wenigen Jahren unwiederbringlich vernichtet und eine Reaktion heraufbeschworen wurde, deren Ende nicht abzusehen ist. Das hat sich bei den letzten Wahlen in den jüdischen Gemeinden gezeigt. Aus welchen Motiven heraus haben die Berliner Juden in Polen mit den Trägern des Rückschrittes diesen Bund geschlossen? Das geschah, um den Willen des Generals Ludendorff und des preußisch-deutschen Hauptquartiers zu tun. Diese Sache wird noch einmal ausführlich erzählt werden, hier will ich nur folgendes kurz andeuten: In der Konzeption Ludendorffs, ganz Polen nach dem Kriege zu einer preußischen Satrapie zu machen, spielten die Juden die Rolle des Vortrupps, der im künftigen „befreiten" Polen auf der Wacht der preußischen Interessen gegen die Polen steht. Zu dieser Rolle sollten die polnischen Juden während des Krieges von Berlin aus erzogen werden. Alle aufgeklärten Elemente unter den Juden in Polen, alle, die ein Fünkchen Einsicht und politische Schulung besaßen, stellten natürlich allen derartigen Belehrungen und Einflüsterungen hartnäckigen Widerstand entgegen. Nur die dunkelsten, unwissendsten Massen, vorab die von ihren Wunderrabbis seit \ielen Jahrzehnten systematisch verdummten und irregeführten Chassidim schenkten ihnen ein geneigtes Ohr. So ist der Gerer Rebbe und seinesgleichen zum Günstling jener liberalen Juden aus Berlin geworden, die aus preußischem Patriotismus unter den polnischen Juden für Ludendorffs Konzeption des künftigen Osteuropa warben. Der Ausgang des Krieges hat diese Konzeption wie ein welkes Blatt hinweggeweht. Aber Opfer genug hat sie gekostet. Nicht das kleinste dieser Opfer ist die nunmehr begrabene Hoffnung auf eine Stärkung und Erhöhung des geistigen, besonders religiösen Fortschrittes unter den polnischen Juden, den man von einer innigen Berührung mit ihren deutschen Glaubensgenossen erhoffte. Der Weltkrieg, der Amerika groß gemacht, hat den Völkern Europas, sogar England nicht ausgenommen, ein Erbe vermacht, an dem sie noch Jahrzehnte stöhnend zu schleppen haben werden. Den Juden Polens sowie des übrigen Ostens aber hat er ein Geschenk hinterlassen, das ihr geistiges und soziales Leben auf lange hinaus trüben wird: nämlich den auf Itaarne Weise mit dem Kommunismus und Atheismus verkoppelten Nationalismus, der von seinem Hauptsitz, Rußland, aus propagiert wird. Ein berühmter amerikanischer Gelehrter, Carlton J. H. Hayes, hat in einem glänzenden Buche über den Nationalismus nachgewiesen, daß dieser in allen Aeußerlichkeiten die überlieferte Religion nachzuahmen sucht. Hätte der amerikanische Forscher den jüdischen Nationalismus gekannt, so würde er ihn geradezu Religionsersatz nennen. Er setzt sich an Stelle der Religion und verdrängt sie, will sie mit Bewußtsein zum allmähligen Absterben bringen. In Polen hat er zu Trägern die Partei der Bundisten — ein trauriges Erbstück aus der Zeit des Zarismus — die, paradox genug, trotz ihres lärmend zur Schau getragenen Atheismus und des Kampfes gegen die Religion in die jüdischen Kultusgemeindeverwaltungen eingedrungen sind, dort mit den Hyper- Orthodoxen ein Bündnis schlössen und gemeinsam jeden gesunden Fortschritt, jede nützliche Reform vereiteln oder sabotieren. (Vor kurzem sind die Bundisten aus dem Warschauer Kultusrat ausgetreten, zum großen Schmerze der Hyper-Orthodoxen, die nunmehr allein geblieben sind.) Man kann sich leicht ausmalen, was für einen heillosen Wirrwarr das in der Gedankenwelt der führerlosen Jugend anrichtet. Das Chaos ist um so größer, als dieser kommunistisch-atheistische Nationalismus von den Jüdischliberalen in Deutschland, die doch beide Richtungen aufs heftigste bekämpfen müßten, im Osten direkt gefördert wird. (Weitere Artikel folgen.) Die Entstehung des jüdischen Kalenders und die Kalenderreform. Von Abraham M. Kohn-Asulay, Heidelberg. (Schluß.) Als der zweite christliche Kaiser Constantius (337—361), nach der Unterdrückung eines mißglückten jüdischen Aufstandes gegen die Römer die Juden in ihrer Bewegungsfreiheit behinderte und ihnen sogar verbot, einen Schaltmonat einzusetzen, beschloß der damalige Träger der Patriarchenwürde H U1 e 1 II (330—365) im Jahre 359 eine Ordnung einzuführen, auf Grund derer alle jüdischen Gemeinden selbständig und unabhängig von einem zentralen Synthedrin ihren Kalender sollten regeln können. So veröffentlichte er ein von ihm auf Grund verschiedener Regeln geschaffenes Kalendersystem, das in seinen Grundzügen bis zum heutigen Tage bei den Juden im Gebrauch ist. Nach diesem System setzt sich das Jahr aus 12 Mondmonaten oder aus 354 Tagen und 8 Stunden zusammen. Da nun c-ber die jüdischen Feiertage den vom Sonnenkreislauf abhängigen Jahreszeiten entsprachen (das Pessachfest fällt mit dem Frühlingsbegilnn, Schabuot mit dem Frühlingsende, Sukkot mit dem Herbstanfang zusammen), so war es notwendig, das jüdische Mondjahr mit dem Sonnenjahr in Einklang zu bringen. Hier zählte man aber in alter Zeit 365 Tage und 8 Stunden, also ungefähr 11 Tage mehr als im Mondjahre. Daraus wurde errechnet, daß sich alle 19 Jahre zwischen der Zeitrechnung nach der Sonne und der nach dem Monde eine Differenz von 210 Tagen oder von sieben dreißigtägigen Monaten ergibt. Man beschloß daher, daß zur Ausgleichung des Mondjahres mit dem Sonnenjahr auf einen 19jährigen Zyklus (Machsor) 7 Schaltjahre, d. h. solche, die nicht aus 12, sondern aus 13 Monaten bestehen, fallen müssen. Was die Monate selbst betrifft, so haben sie wechselweise bald 29, bald 30 Tage und gelten demgemäß als vollzählig oder nicht vollzählig. Es haben somit: Tischri 30 Tage, Marcheschwan 29 oder 30, Kislev 29 oder 30, Tebet 29, Schebat 30, Adar 29 im gemeinen, 30 im Schaltjahre, we'Adar — nur im Schaltjahre — 30, Nissan 30, Ijar 29, Sivan 30, Tammus 29, Ab 30, Elul 29 Tage. Die Monate Marcheschwan und Kislev weichen von der Reihenfolge ab. Sie zählen entweder beide 30 Tage (überzähliges Jahr), oder beide je 29 Tage (mangelhaftes Jahr). Manchmal aber sind sie auch normal, das heißt Marcheschwan zählt 29 und Kislev 30 Tage (regelmäßiges Jahr). In dem 19jährigen Zyklus ist das 3., 6., 8., IL, 14., 17. und 19. Jahr ein Schaltjahr. Der Anfang des ersten Zyklus fiel auf den Beginn der jüdischen Zeitrechnung, die nach schwierigen Umrechnungen auf den 7. Oktober 3761 v. Chr. (nach dem Julianischen Kalender) festgelegt wurde. Dividiert man die jüdische Jahreszahl durch 19, so ergeben sich Schaltjahre, wenn beS der Division die Reste 3, 6, 8, 11, 14, 17 oder 0 verbleiben.

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