Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 31 (2.8.1929)
- Date
- 1929-08-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DDE WAHRHEIT IfflinninillOtaimuimiKfUiiniiiUnmfl Seite 3 beraler wie orthodoxer, aber auch die orthodoxen waren ja mindestens Doktoren der Philosophie, Männer von hoher weltlicher Bildung, dabei von großem jüdischem Wissen, was den Ostjuden Respekt einflößte und sie für den Fortschritt empfänglicher machen mußte. Auch viele Privatmänner in hervorragender Stellung benützten die Gelegenheit, um die „Brüder im Osten" aufzusuchen und ihre Lage und Bedürfnisse zu studieren. Bald fingen auch die amerikanischen Gelder an, nach Polen zu fließen und der Kanal war der H i 1 f s v e r o i u deutscher Juden, von dem man schon allein eine Wirksamkeit im Sinne des Fortschrittes und der Aufklärung erwarten durfte. Dr. Paul Nathan, der tatsächliche Leiter des Hilfsvereines, war alles eher als ein Fortschrittsfeind. Alauche Leute hegten sogar Besorgnisse, der Hilfsverein könnte im Fortschritt viel zu weit gehen, da es bekannt war, daß sein Präsident Dr. James Simon, ein persönlicher Freund Wilhelm II., von der jüdischen Religion sich sehr weit entfernt hatte, daß sein einziger Sohn und seine einzige Tochter zum Christentume übergetreten waren und er im Frühjahr 1914 zur Taufe seines ersten Enkelkindes aus Berlin in Begleitung des Hofpastors kam und im Extrazug eine zahlreiche Festgesellschaft mitbrachte. Solches Beispiel konnte auch von der Ferne ansteckend wirken. Alan tröstete sich nur mit der erprobten Glaubenstreue der polnischen Juden. Aber auf jeden Fall schien die Sache des Fortschrittes und der Aufklärung von dieser Seite nicht gefährdet. Von allen Seiten versprach man sich also eine Steigerung des Fortschrittes von der innigen Berührung der ponischen Juden mit ihren deutschen Glaubensbrüdern, besonders derjenigen unter ihnen, die gleichsam berufene und bestellte Träger des Liberalismus waren. Es gab in Polen vor dem Weltkriege eine ganze Anzahl altfränkischer, einfacher, orthodoxer Rabbiner, die, von keinem Flügelschlag des modernen, westlichen Geistes berührt, lediglich aus der Beobachtung des Lebens und des Existenzkampfes ihrer Herde zu merkwürdig freisinnigen und humanen Ideen gekommen waren, zumal was die Handhabung der überaus strengen und veralteten Ehe- und Scheidungsgesetze anbetrifft. Diese Rabbiner lagen in fortwährendem Kampfe mit den Wunderrabbis der Chassidim, die sich bekanntlich das Recht anmaßen, in gewissem Sinne eine Kontrolle über die Frömmigkeit der Rabbiner auszuüben, obgleich sie zu allermeist von talmudischer Gelehrsamkeit weit entfernt sind und sich auf ihre Unwissenheit ■ KrupniR das Modezentrum für den verwöhnten Geschmack Modelle aus Paris und eigene Schaffungen von Mänteln, Kostümen, Complets, Nach' \nittags- und Gesellschaftstoiletten Schöne Linie, vornehme Eleganz, unerreicht billige Preise kennzeichnen unsere Erzeugnisse Nlir V,Lf KAISEBSTBASSE 115 Anerkannt größtes und führendes Spezialhaus Oesterreichs 1! I Ii Ii Auf dem laugen Tisch im großen Wirtschaftszimmer warteten einige Schüsseln voll Rahm mit Walderdbeeren. GrolSmütterchen und die anderen Kleinen, voran mein zehnjähriger Bruder, machten sich über den schneeweißen, purpurbefleckten Leckerbissen her. Jaga stand an der Schmalseite des Tisches, und während sie große Schnitten Weißbrot mit Butter bestrich, ermahnte sie mit befehlshaberischer Stimme die jungen Naschhälse, ja nicht einen Löffel einzutauchen, ehe sie die Berachah gemacht. Jaga war eine fromme Christin und achtete streng darauf, daß die Vorschriften der jüdischen Religion von uns Kindern peinlich befolgt wurden. Beim Anblick der appetitlichen Speise und der herzhaft zugreifenden Kinder fühlte ich plötzlich ein starkes Knurren in der Magengegend. Jaga kam auf mich zu und schloß mich zärtlich in die Arme. „Hast wohl guten Appetit, mein Junge, was? Aber du mußt noch zwei, drei Stunden fasten, mein Kind, du " bist ja schon ein großer Junge, ei, du bist schon fast so groß wie ich, und mir ist es, als hätte ich dich erst gestern auf diesen meinen Armen getragen. Na, sagen wir, bis drei Uhr fastest du . . ." „Was fällt dir ein, Jaga, ich muß den ganzen Tag fasten, bis drei Sterne am Abendhimmel stehen." „Du bist wohi verrückt, Kleiner? Schau mal einer an, der hält sich für einen erwachsenen Mann und will den ganzen Tag fasten . . .!" „Das muß ich. Jaga, ich hab' nämlich einen Neder getan." „Einen Neder? Was ist denn das?" „Das ist ein Gelübde, so gut wie ein Schwur." „Dummes Zeug, ein kleiner Junge wie du, tut keinen Schwur. Bis drei Uhr fastest du, dann wird gegessen. Verstanden? Basta!" Jaga war um ein Jahr älter als meine Großmutter, hatte ihr ganzes Leben mit uns verbracht und war bereit, für jeden von uns durchs Feuer zu gehen; sie fühlte sich als Herrin des Hauses, duzte alle, die Großmutter nicht ausgenommen, führte ein strenges Regiment und duldete keinen Widerspruch. „Heda, ihr kleinen Lämmer," wandte sie sich an die Schar der schmausenden Kinder, „seid ihr fertig? So sprecht das Tischgebet und trollt euch in den Garten, dort könnt' ihr herumspringen so viel ihr wollt, aber hütet euch, mir die Blumen und das Gemüse zu zerstampfen und die jungen Schoten zu verwüsten, sonst schneid' ich euch die Ohren ab, ihr verflixten Schlingel!" Einige Minuten später saßen Mutter und Großmutter mit Jaga an dem langen Tisch, mit Wirtschattsarbeiten beschäftigt. Reb Chajkel trat ein und ließ sich seufzend auf einen Stuhl in der Ecke nieder. Er wischte sich die schweißbedeckte Stirn. „Ein heißer Tag," stöhnte er. Großmutter zwinkerte meiner Mutter lächelnd zu, und diese sagte: „Ein Glas kalte Sauermilch würde euch sehr wohltun... ein schwächlicher Mensch wie Ihr seid . . . Der Zaddik von badagora trinkt ja sogar Katfee am heutigen Tag." „Sauermilch? Wo denkt Ihr hin? . . . Am heutigen Tage? Man muß sich peinigen . . ." „Ganz recht, aber man darf sich nicht zu Tode peinigen, Ihr könntet. Gott behüte, ernstlich erkranken . . . Gott hat nicht viele, die ihm so dienen wie Ihr. Wenn Ihr zum Himmel emporblickt, ist das vor Gott lieber als wenn wir gerneinen Leute zweimal in der Woche fasten." „Hm. aber kalte Sauermilch, das ist ja schon fast ein richtiges Essen: das wäre eine schwere Sünde . . ." „Ach, ja, ich weiß. Ihr mögt keine kalte Sauermilch... es kann ja Kaffee sein, eine oder zwei Tassen, ganz wie es der heiligen Zaddik von Sadagora macht . . ." „Nein, nein," protestierte Reb Chaikel matt, „Der Heilige von Sadagora ist von schwacher Gesundheit, und dann ist er eben der Heilige von Sadagora, wie kann ich sündiger Mensch mich mit ihm vergleichen?" „Darüber habe ich natürlich kein Urteil, aber was die Schwäche der Gesundheit anbetrifft, so seht Ihr so blaß aus, daß es ein Erbarmen ist. Das Herz tut mir weh, daß Ihr euch so peinigen müßt. Wäre ich ein Rabbiner, so würde ich euch nicht nur erlauben, Kaffee zu trinken, sondern es euch befehlen." *f „Weißt du was," riet Großmutter dazwischen, „fragen wir Rabbi Akiba." (Fortsetzung folgt.)