Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-07-26 · Heft 30 (26.7.1929) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 30 (26.7.1929)
Date
1929-07-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064226--17343-3087461
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

DIE WAHRHEIT m Seite 9 zeiten und Einsetzung von Schaltmonaten vom Haupte des Synhedrin, von Rabban Gamliel dem Alten (40—60), versehen. Nach dem Falle Jerusalems gewann diese Befugnis, die nunmehr dem Synhedrin von Jabne (Jamnia, bei Jaffa) zugefallen war, eine besondere Bedeutung. Das Synhedrin und die Lehrhäuser bildeten nunmehr den geistigen und religiösen Mittelpunkt der Nation und hier wurden auch die Bestimmungen über die Festzeiten getroffen, deren Einsetzen von dem Sichtbarwerden des Neumondes abhängig war. Durch Ueberlieferung über die im Lehrhause in Jabne durchgeführten Reformen erfahren wir, daß genaue Vorschriften über die Festlegung der Mondphasen ausgearbeitet wurden, um Termine für die in den einen oder anderen Monat fallenden Feiertage zu fixieren. Es wurden Beobachtungen der Mondphasen vorgenommen und Bestimmungen über die Schaltjahre getroffen. Diese beiden Funktionen, die ehemals ein „Priestergeheimnis" bildeten, oblagen nunmehr dem Synhedrin, das die ausschlaggebende Instanz in allen Fragen der Gesetzgebung war. Dadurch blieb die Autorität des Synhedrin gewahrt und förderte auch die Hegemonie des palästinensischen Judentums. Allerorten, nicht nur in Palästina, sondern auch in der fernen Diaspora wurden die Feste an jenen Tagen gefeiert, über deren Festsetzung die jüdischen Gemeinden vom Synhedrin durch besondere Boten benachrichtigt zu werden pflegten. Von dem Sichtbarwerden des Neumondes wurden die palästinensischen Gemeinden durch besondere Signale benachrichtigt, nämlich durch Wachtfeuer auf den Berggipfeln, während die entfernteren Gemeinden durch Boten davon Mitteilung erhielten. Da jedoch die fernabliegenden Gemeinden Gefahr liefen, diese Botschaft nicht rechtzeitig oder gar entstellt zu empfangen, so wurde bestimmt, daß die jüdischen Gemeinden außerhalb Palästinas die Jahresfeste Pessach, Schabuot und Sukkot um je einen Tag verlängern sollten, um so die Sicherheit zu haben, daß diese Feste wenigstens an einem Tage überall gleichzeitig gefeiert werden. So bürgerten sich die sogenannten „zwe'iten Festtage der Diaspora'* (Jom-tob scheni schel galujot) ein, die noch heute allenthalben, mit Ausnahme von Palästina, gefeiert werden. Allmählich trat Palästina in den Hintergrund und die geistige, wie die religiöse Strömung zog nach Babylonien. Der Amoräer Mar Samuel Jarchtoiai — Mar genannt — geb. um 180, gest. 257), Leiter des Lehrhauses in der babylonischen Stadt Nehardea, der sehr um die kulturelle Hebung der babylonisch-jüdischen Bevölkerung bemüht war, stellte einen g enauen Kalender mit genauer Berechnung der Feiertage auf, damit die babylonischen Gemeinden nicht in steter Ungewißheit zu leben brauchten. Doch mußte er die Veröffentlichung dieses Kalenders unterlassen, da die Festsetzung der Feiertage immer noch ein Vorrecht des palästinensischen Synhedrin bildete und damit ein wichtiges Bindeglied zwischen den verstreuten Teilen der Judenheit und dem heiligen Lande gegeben war. Mar Samuel hatte als Bezirksrichter von Nehardea die Gelegenheit, jene juristischen Theorien, um die man sich in den Akademien stritt, praktisch zu erproben. Die Anforderungen des praktischen Lebens bewogen Samuel auch jene berühmten Grundprinzips aufzustellen, demzufolge die allgemein bürgerlichen Gesetze eines jeden Staates für die dort lebenden Juden verbindlich sein sollten, und wonach das jüdische Recht sich diesen Gesetzen anzupassen hatte. Dieses Prinzip brachte er in dem folgenden kurzen Sinnspruch zum Ausdruck: „Das Staatsgesetz ist Gesetz" („Dina de'malchuta dina"), das heißt, es ist auch für die Juden rechtskräftig. .. . . (Schluß folgt.) Kammersänger Hermann Jadlowker in Wien. Der bekannte Schriftsteller Caesar S ä g a 1 o w veröffentlicht im „Neuen Wiener Journal" eine Unterredung, die er mit dem zur Zeit in Wien weilenden Künstler hatte, aus welcher wir folgende interessante Stellen entnehmen: „Ich besuchte in Wien das Konservatorium und Professor Gänsbacher war mein Lehrer. Es war eine Zeit voll Entbehrungen und Hoffnungen. Um leben und studieren zu können, mußte ich meinen früheren Beruf, den ich schon in meiner Heimatstadt Riga ausgeübt habe, nämlich als Chorsänger i m T e m p e 1, auch hier weiter betreiben." . . . Wir tauschten sodann alte Erinnerungen an gemeinsame russische Bekannte aus, die in alle Welt zerstreut sind. Viele leben auch nicht mehr, wie der so früh dahingegangene Josef Schwarz. „Was war Josef doch für ein gottbegnadeter Sänger und Mensch!" rief Jadlowker wehmütig aus. Wir waren beide schon als Knaben Kollegen im Tempel unserer Heimatstadt Riga. Beide sind wir aus den armseligsten Verhältnissen hervorgegangen und wir brachten es vom Tempelsänge r bis zum Opernsänger, die sich selbst vor Fürsten hören lassen durften. Wer konnte es damals ahnen, daß wir beide später in Riga wie in anderen größeren Städten in ersten Partien auftreten würden und dann nach Jahren als gefeierte Größen im königlichen Kunsttempel, in B e r 1 i n, ich als Herzog von Mantua und Schwarz als mein Hofnarr Rigoletto uns gegenüber stehen sollten!" . . . „Schwarz und ich haben Not und Arbeit in Wien kennen gelernt. Neben unseren Gesangstudien haben wir nicht nur im Tempelchor gesungen; wir mußten auch bei Begräbnissen, Hochzeiten und anderen Feierlichkeiten mitwirken. Eines Tages machte mir mein Oberkantor große Vorwürfe, weil ich bei einem Begräbnis in einer lichten Hose erschienen war. Ich erwiderte darauf, daß ich nur dieses eine Paar besäße; wenn nun die löbliche Kultusgemeinde verlange, daß die Chorherren auch in der Kleidung würdig bei Festlichkeiten erscheinen sollten, so möge sie für die entsprechende Garderobe selbst Sorge tragen. Im Wiener Tempel in der Müllnergasse erhielt ich ein Monatsgehalt von 50 Kronen. Als ich eine schriftliche Eingabe um Gehalterhöhung machte, bekam ich die Antwort: „Wenn ich nicht sofort das Gesuch zurückziehe, werde ich sofort entlassen." Auch sonst hatte ich oft genug ironische und demütigende Bemerkungen von meinen Vorgesetzten hören müssen: „Dieser junge Mann bildet sich ein, Opernsänger werden zu können", spöttelte einmal der bekannte Oberkantor Don Fuchs. Mit zusammengebissenen Zähnen mußte ich diese Worte über mich ergehen lassen; ich dachte nur insgeheim: Jawohl, ich werde es zum Opernsänger bringen! Und wie Sie sehen und hören konnten, brachte ich es dazu .... Kammersänger Jadlowker erzählt nun hochinteressante Einzelheiten über seine Opernlaufbahn und Konzertreisen: .... „In Amerika war ich drei Jahre engagiert, als der Weltkrieg ausbrach. Ich begab mich wieder nach Berlin, sollte auch an der Wiener Oper ein Gastspiel absolvieren, doch man warf mir damals meine russische Abstammung vor und so kam es im letzten Moment nicht dazu. In Ungarn hingegen nahm man keinen Anstoß daran, daß ich russischer Staatsbürger war. Nach dem Kriege aber gelang es mir, doch in W i e n aufzutreten und es war mir eine besondere Freude, an der Stätte meiner Anfänge schöne Erfolge zu erzielen. Nun bin ich nach vielen Jahren wieder in Wien . . ." „Und werden Sie, Herr Kammersänger, wieder hier singen?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.