Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 30 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheit «b»*«!!**" Seite 7 Seele, als eine wahre Erklärung dieser Realitäten für den menschlichen Verstand und für das menschliche Auffassungsvermögen, so kann für das Judentum in derselben Weise in Anspruch genommen werden, eine andere wahre Offenbarung jener selben göttlichen Realitäten zu sein und ihre andere wahre Erklärung für den menschlichen Verstand und für das menschliche Auffassungsvermögen. Zu widersprechen und zu sagen, daß es keine zwei Offenbarungen gäbe, die trotz der Verschiedenheit in Form und Inhalt dennoch gleichwertig sind, hieße das Problem von vornherein als gelöst betrachten. Beide sind nun da, und der Maßstab, durch den allein die Gültigkeit des einen bestimmt werden kann, nämlich die Erfahrung im Leben und im Denken, begründet auch einzig und allein die Gültigkeit des anderen. Daß das rabbinische Judentum und das Christentum dem Wesen nach unversöhnlich sind, da sie sowohl in ihren Maßstäben als auch in den Ausdrücken verschieden sind, in denen sie ihre Religion beschreiben, ist eine Tatsache, die von jedem urteilsfähigen und unparteiischen Kenner beider Religionen leicht eingesehen wird. Aber der Sinn dieser Tatsache wird erst ganz klar, wenn wir ihn mit jener Auffassung des göttlichen Heilsplanes in Beziehung setzen, wie wir es oben angedeutet haben. Die Erfüllung jenes Planes erforderte das Vorhandensein und den Einfluß beider Typen von Religion und nicht nur des einen. Diese Aufgabe wäre gescheitert, wenn die eine Religion von der anderen hätte verdrängt werden können. So mußten beide Typen unvereinbar, wenn auch nicht notwendigerweise feindlich sein. Die Feindschaft entstand nur durch die menschliche Unfähigkeit auf beiden Seiten, den tieferen Sinn der Beziehung zwischen den beiden sich gegenüberstehenden Gegnern zu verstehen. Aber es war gewiß kein Zufall, daß diese zwei Religionsformen entstanden sind von denen keine in die andere verändert noch verwandelt werden oder sie zerstören konnte. Beide waren notwendig und beide erschienen zur rechten Zeit in der Welt. Das Judentum bestand lange vor dem Christentum, und der Pharisäismus, mit dem allein wir uns hier befassen, bestand im Prinzip, wenn auch nicht dem Namen nach, bereits mehrere Jahrhunderte vor dem Aufkommen des Christentums. Im Verlauf dieser Jahrhunderte wurde das Judentum unter dem Einfluß des Pharisäismus in die Form gegossen, die es geeignet machte, die ihm in dem göttlichen Heilsplan vorgesehene Aufgabe zu übernehmen. Das Judentum entwickelte sich zu einer Religion, die imstande war, ihre Lebenskraft und ihren individuellen Charakter zu bewahren, als galt, den Schwierigkeiten und Gefahren, die aus der Koexistenz mit dem Christentum entstanden, zu begegnen. Der Pharisäismus entfaltete sc im vollsten Maße das Prinzip cier Treue zum göttlichen Willen und anerkannte die Thora als dessen höchste Offenbarung. Die Pharisäer waren die Vorläufer der Rabbinen und die Rabbinen ais die Zeitgenossen der Christen Jahrhunderte hindurch waren es, die den Schwierigkeiten und Geiahren des Nebeneinanderbestehens der beiden Religionen standzuhalten hatten. Auf ihnen lag die äußerst schwierige Sorge, das Judentum als lebendige Religion zu erhalten, getreu seiner Vorstellung von der göttlichen Realität, trotz aller Versuche von Seiten einer ihrer spottenden oder ihnen feindlichen Welt und einer sie verfolgenden Kirche. Der Umstand, daß sich ihre Religion grundsätzlich von der des Christentums unterschied, schütze sie davor, in diesem Kampf unterzugehen. Die jüngere Religion hatte ihnen nichts Besseres oder Wahreres zu bieten, als was ihre eigene Religion bereits besaß. Von einem weltlichen Gesichtspunkt aus hatten sie durch die Annahme des Christentums alles zu gewinnen, von einem geistigen Gesichtspunkte aus — nichts. So war es auch in den ersten Tagen der Kirche, und als die Jahrhunderte vorübergingen und die Kirche immer weiter den Weg ging „allen Menschen alles zu sein", besaß sie immer weniger, was einen Juden veranlassen konnte, ihre Religion der seinigen vorzuziehen. Aber die Erhaltung des Judentums dem zersetzenden Einfluß des Christentums gegenüber war nicht nur der Andersartigkeit ihres religiösen Charakters zu verdanken. Das ganze System der Halacha diente sowohl dazu, die jüdische Gemeinschaft zusammenzuhalten wie auch als ein äußerer Schutzwall, innerhalb dessen der Geist des Judentums seine Stärke und Lebenskraft bewahren konnte. Ohne die Halacha wäre es kaum vorstellbar, daß das Judentum all die Drangsale und Leiden der Verfolgung überlebt hätte, die die Jahrhunderte seiner Geschichte in christlicher Zeit ausfüllen. Die Halacha war ein unersetzlicher Teil der Ausrüstung des Judentums für die Erfüllung seiner Aufgabe, „der Panzer Gottes, der es instandsetzen sollte, in den schlechten Zeiten auszuhalten: und nachdem alles getan war, zu bestehen", und das ist tatsächlich ihre Wirkung gewesen. Die Halacha war im besonderen das Werk der Pharisäer. Sie legten die Prinzipien fest, nach denen sie geformt wurde; und wenn auch die in der Mischna und im Talmud erklärte Halacha weit umfangreicher ist als die, welche zur Zeit von Jesus Christus bereits bestand, so gibt es doch im Prinzip keinen Unterschied zwischen ihnen. Die Rabbinen führten nur weiter aus, was die Pharisäer begonnen hatten. Doch was beide taten, war das Aufrichten eines starken Walles, innerhalb dessen das Judentum in Sicherheit leben konnte, vor keiner Gefahr sich fürchtend, die es, von welcher Seite auch immer, bedrohen konnte. Daß sie sich des tieferen Sinnes dessen, was sie taten, bewußt waren, will ich keineswegs behaupten. Sie hatten ihre eigene Vorstellung von Religion, und sie entwickelten sie folgerichtig und gewissenhaft. Aber wenn wir zurückschauen wird der tiefere Sinn vollkommen klar, und wir verstehen, daß die Schöpfung und Ausgestaltung der Halacha die besondere Vorbereitung des Judentums für die schwere und gefährliche Aufgabe darstellt, die seiner in der Zukunft harrte. Das ist der wirkliche Sinn dessen, was gewöhnlich als die Herabwürdigung des Judentums durch die Pharisäer zu einem starren Formalismus, als der Niedergang von prophetischer Freiheit zur organisierten Heuchelei beschrieben wird. Ein größerer geschichtlicher Irrtum ist kaum vorstellbar. Der Pharisäismus war die Anwendung der prophetischen Lehren auf das Leben, und so betrachteten es auch die Phari-