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Die Wahrheit · 1929-07-26 · Heft 30 (26.7.1929) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 30 (26.7.1929)
Date
1929-07-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Öffi WAHftttEif wiegler, Zerstörer, Feinde der Religion schimpfen und mit Steinen nach ihnen werfen . . . Und die dumpfe Menge spendet ihnen Beifall . . . Ein solcher Sohn — Baumeister im Sinne des talmudischen Parömion — ist C. G. Montefiore .... Unsere Zeit benötigt einen solchen Führer, denn nie, seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die religiöse Not im jüdischen Volk so groß wie jetzt. Geographisch betrachtet ist die Lage heute gerade umgekehrt, als dazumal. Damals war die osteuropäische Judenheit im tiefsten Frieden — versunken: kein Windchen trübte ihre gläubige Anhänglichkeit an die überlieferte Lehre und die religiösen Observanzen. In Mittel- und Westeuropa dagegen, wo unsere Vorfahren von den neuen, hier herrschenden Geistesströmungen mitgerissen wurden, gährte es bedenklich. Heutzutage ist es umgekehrt. In Mittel- und Westeuropa ist jener Gärungsprozeß längst zur Ruhe gekommen, die neuen Denkarten haben sich abgeklärt, die neuen religiösen Formen haben sich kristallisiert. Allerdings nicht ganz und nicht für immer, und neue Unrast hat sich längst schon gemeldet, mit dem Eintreten neuer Wendungen in der allgemeinen Kultur und dem Auftauchen neuer Probleme. Aber hier verläuft alles in normalen Bahnen, dank den gesunden Bildungs- und sozialpolitischen Verhältnissen. Und dann haben unsere dortigen Glaubensgenossen einen Führer wie Montefiore, dessen suggestive, innerlich ausgeglichene Persönlichkeit mit ihrem seelischen Reichtum, mit ihrer hohen Kultur, Harmonie verbreitet, die stürmische Wogen beschwichtigt, die Seelen der anderen zu sich emporzieht. Ganz anders im Osten, — und darunter ist Polen, Rumänien, Rußland und die baltischen Staaten zu verstehen, — wo die Juden mehr weniger in denselben wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen leben. Am ausgeprägtesten ist der Zustand in Polen, während Rußland, wo absonderliche Uebergangszustände obwalten, ganz außerhalb der Betrachtung bleibt. Man muß sich nun den Unterschied zwischen Ost und West vergegenwärtigen. Im Westen sind alle Fragen, die den Ostjuden das Leben zur Hölle machen, längst gelöst. Die Juden leben dort unter hochkultivierten Völkern, deren Sprache sie reden, an deren Geistesleben sie, dem schlimmsten Antisemitismus zum Trotz, vollen Anteil nehmen, nicht selten sogar führend sind. Wirtschaftliche Not, diese unentwegte, grausame Lebensgefährtin der Ostjuden, die das Geistesleben drosselt und die Menschen herabzieht und erniedrigt, ist den Westjuden unbekannt. Die Nichtjuden ringsum bekennen sich zu einer geläuterten, subtilen, aufgeklärten Religiosität, aus der Aberglauben, Fanatismus und Intoleranz längst geschwunden sind. Ebenso ist der fanatische Religionshaß und die wahnsinnige Gottesfeinschaft, die unter den slavischen Völkern — am heftigsten in Sowjetrußland — wüten, im Westen gänzlich unbekannt. Innerhalb des Judentums selber sind alle religiösen Kämpfe, die etwa seit Mendelssohn die Geister aufwühlten, längst ausgekämpft und beruhigt. Neue Formen haben sich ein unumstrittenes Bürgerrecht erworben. Um was jetzt gekämpft wird, ist eine Erweiterung, Vertiefung und Entwicklung des Erworbenen. Von all dem trifft in Polen das Gegenteil zu. Die Juden müssen in sich selber die Kräfte aufbringen, um ihr Geistesleben zu befruchten, ebenso wie sie ihr Wirtschaftsleben aus eigenen Mitteln aufbauen müssen. Die Orthodoxie, ehemals eine allbeherrschende religiöse Macht, die allenfalls das Gute an sich hatte, daß sie dem Leben eine gewisse Konsistenz gewährte und dem Denken wenigstens eine Strecke lang eine Führerin war, hat der jüngeren Generation gegenüber gänzlich versagt. Ihre Stimme verhallt völlig ungehört, auch wo sie im Rechte ist. Und keine neue Geistesmacht zeigt sich am Horizont, die das Szepter ergreifen und führen könnte. Abgerissene, unverdaute Phrasen aus der modernen Naturwissenschaft und Philosophie schwirren, agitatorisch zurechtgestutzt, in der Luft herum und helfen mit, das Chaos noch zu vergrößern. Von Osten her sickert roher Kommunismus durch, der sich mit einem plumpen, gewalttätigen Atheismus und einem wirren Nationalismus verbunden hat. Dieser ungeheure geistige Wirrwarr spiegelt sich in der jüngsten „jiddischen" Literatur der man blutig unrecht tut, wenn man sie nach den hölzernen, roh gezimmerten „überseeischen" Romanen beurteilt, die eine geschäftige Reklame in den Vordergrund rückt. Wer aufmerksam hinhorcht, wird aus der stillen Lyrik und anspruchslosen Novellistik einen Ton tiefer Sehnsucht heraus hören, einer Sehnsucht nach etwas Großem, Schönem, das verloren wurde und das man trotz eifrigen Suchens nicht wieder finden kann . . . Diese Generation irrt wie im Dunkeln herum. Sie sehnt sich nach einem „Moreh Nebuchim", sie ruft wortlos und schmerzerfüllt nach einem Führer, der ihr neue Wege weist; aber sie ruft vergebens, denn der Führer zeigt sich nicht . . . Ich wüßte einen, der dieser Generation Führer sein könnte, das wäre C. G. Montefiore. Aber Montefiore ist fern. Seine Stimme dringt nicht zu ihnen. Er spricht eine fremde Sprache . . . Ehemals kam das Licht aus dem Westen, nämlich aus Deutschland. Seit fast 150 Jahren haben alle in Deutschland ausgearbeiteten Ideen und Strömungen, — deren Urheber übrigens vielfach polnische Juden waren — befruchtend, läuternd und belebend auf die Juden in Polen zurückgewirkt. In letzter Zeit hat auch dies leider versagt . . . (Weitere Artikel folgen.) Judentum und Christentum. Von R. Travers Herford. (Schluß.) Das Judentum hat seit den Tagen von Paulus bis heute weiterbestanden als Religion, durch die Juden gelebt haben und für die Juden gestorben sind. Sie ist ihnen ebenso der wahre, wirkliche und wirksame Weg gewesen, um ihre Beziehung zu Gott auszudrücken, wie es das Christentum für Christen gewesen ist. Sie hat ihnen alles gegeben, was eine lebendige Religion zu geben vermochte. Und sie konnte dies auf Grund ihrer eigenen inneren Kraft, die in den jüdischen Herzen empfunden und anerkannt wurde, und bei der sie standhaft aushielten trotz aller Versuchungen zum Abfall, der sie durch Verfolgung und durch verschiedenartigste Mißhandlung in der ihnen ungünstig gestimmten Welt ausgesetzt waren. Auch die Christen hatten unter Verfolgung zu leiden, so unter Decius und Diokletian, und sie empfanden dies sehr bitter. Doch all das ist nur eine Kleinigkeit im Vergleich zu dem, was die Christen den Juden zugefügt haben. Die christliche Kirche bestand ihre Feuerprobe unter Diokletian und fand dann ihre Sicherheit unter Konstantin. Sie erlangte dies durch den Glaubensmut, mit dem sie berechtigterweise ihre Märtyrer und Bekenner ehrte. Die Juden haben Jahrhunderte lang ihren Diokletian gehabt, aber, außer hie und da, ihren Konstantin noch nicht gefunden. Aber auch sie haben durch den Glaubensmut ausgeharrt, mit dem sie ihre Märtyrer und Bekenner ehren. Was in dem einen Fall richtig ist, ist es auch in dem anderen. Wenn das Christentum als eine lebendige Religion in Schutz genommen wird, als eine wahre Offenbarung göttlicher Realitäten für die menschliche ^"•■•■■"■■•••■"■"■•■■•■■■■"•■"■■■■•■■■•«»■•««■■•■«»•••■«•■««■■■■■«■■»■■■■••■■■•■•■»«■»««■««■■»B« ■■■■■•■■■«■■■■■■■■■■■■■ I Marienbad Franzensbad ] j °f?}a^TaTt»GoldenerS&ßssef" Grand Restaurant „fürstenQof \ j streng orthodoxe Kflche-|fc>3 SlülOII Rddl) IfcO streng orthodoxe Küche "TO I -------r-----rr-rrr-trir-—-—"irrmiummumnmmmmHnm,—mm« ■■■»■«■■■■■■■■»■■■■»■ ■■■■■^^■ij

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