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Die Wahrheit · 1929-07-26 · Heft 30 (26.7.1929) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 30 (26.7.1929)
Date
1929-07-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 lativitätstheorie in Frage gestellt worden. Dasselbe gilt von der Newtonschen Astrophysik. Das Kausalitätsgesetz, das bis vor kurzem als die unerschütterlichste, ja selbstvertändliche Grundfeste unserer gesamten naturwissenschaftlichen Weltanschauung betrachtet wurde, wird von der neuen Physik ernstlich angefochten. Einer der ersten Naturforscher Deutschlands, der große Biologe Prof. J. Reinke sagt: „Auch dem Kausalgesetz will man höchstens einen äußerst hohen Grad von Wahrscheinlichkeit zubilligen", „seine Allgemeinheit soll nur eine annähernde sein . . . ." Jedenfalls könnte Goethe heutzutage nicht mehr sagen: „Nach ewigen ehernen, unerbittlichen Gesetzen müssen wir unseres Daseins Kreise vollenden." Auf dem Gebiete der Biologie wurde der Darwinismus, der fast ein halbes Jahrhundert unumschränkt geherrscht hat, in den letzten Jahren sehr scharf bekämpft u. a. von dem berühmten Berliner Anatomen und Physiologen Ii e r t w i g, der erst 1918 ein ganzes Buch gegen ihn veröffentlicht hat. Neuerdings hören wir aber, daß er wieder in alle Ehren eingesetzt wird, und zwar nicht nur das Prinzip der Entwicklung, sondern auch der Kampf ums Dasein, das Ueberleben des Passenden usw. Wie können demnach die Naturwissenschaften, die „selber des Glaubens nicht entbehren können" (Reinke), der religiösen Weltanschaung eine Stütze und Grundlage bieten? In dem glücklichen 12. und 13. Jahrhundert, als die Menschen an die Ewigkeit und Unvergänglichkeit ihres wissenschaftlichen Weltgebäudes glaubten, konnte beispielsweise Maimuni sich beruhigt ins Grab legen, als er die vollkommene Uebereinstimmung der Grundlehren seiner Religion mit der Philosophie des Aristoteles nachgewiesen zu haben überzeugt war. Aber wir heutigen? . . . Allein Montefiore, dieser eminent moderne Mensch, hat hier offenbar den modernen Wahrheitsbegriff, im Sinne, wie ihn die zeitgenössische Erkenntnistheorie unter dem Einflüsse des Pragmatismus herausgebildet hat, nicht in seiner primitiven und seichten Fassung durch den Amerikaner William James, sondern wie ihn T. C. S. Schiller in Oxford, Georg Simme 1 in Berlin, Wilhelm Jerusalem in Wien, und zuletzt Henri Bergson in Paris auf ein sehr hohes Niveau gebracht haben. Darnach ist Wahrheit das, was das Leben fördert, die seelischen Kräfte des Menschen steigert und ihn ertüchtigt, die Natur zu beherrschen und zu bewältigen, die Natur in ihm und die Natur außer ihm, der Schöpfung seinen Stempel aufzudrücken, Welt und Gesellschaft ideal zu gestalten und so zu immer höheren und inhaltsreicheren Formen des Daseins emporzusteigen. Man sieht, wie innig dieser Wahrheitsbegriff mit dem religiösen Element zusammenhängt. Denn, daß die Welt dem Geist gehört, und daß der Mensch in der Welt eine Aufgabe zu erfüllen hat, daß er die Natur gestalten soll, hat zuerst die Religion verkündet. „Seid fruchtbar und mehret euch, füllet die Erde und bezwinget sie." Zu diesem Wahrheitsbegriff gesellt sich die von dem genialen Kantianer Vaihinger geschaffene „Philosophie des Als ob", die zuerst die wunderbaren Wege beleuchtet hat, auf denen der menschliche Geist in allen Gefilden der Erkenntnis „durch den Irrtum zur Wahrheit reist". Montefiore sagt, daß die Religion nicht statisch, sondern dynamisch, fortschreitend ist, keine Religion enthält die vollkommene, abgeschlossene Wahrheit, die keiner Erweiterung und Vertiefung fähig wäre. Anderseits kann der menschliche Geist die „wahrsten" Lehren „nur unvollkommen auffassen und ihre Folgerungen und Konsequenzen nur mehr oder weniger klar begreifen und ermitteln . . Ich muß es mir leider versagen, an dieser Stelle die vorliegenden Gedankengänge weiter zu verfolgen, aber, das Gesagte zeigt dem Leser zur Genüge, von welcher hohen Warte Montefiore seine Betrachtunge anstellt und an was für tiefe Probleme sie rühren. Auf dem europäischen Kontinent, besonders in Deutschland, ist man noch immer geneigt, den Liberalismus gleich wie vormals die Reform, als einen Ausfluß der religiösen Zersetzung zu betrachten, der Sucht, das Joch abzuschütteln, es sich im Leben bequem zu machen, ungehemmt seinen Begierden fröhnen zu dürfen, den Kämpfen und Gewissenskonflikten aus dem Wege zu gehen, mit einem Worte, ein leichtsinniges Leben zu führen. Wer mit diesen Vorstellungen an das Studium von C. G. Montefiore heranträte, würde nur zu bald merken, daß er gründlich umlernen müsse. Hier findet er eine tiefe Synthese zwischen Religion und moderner Kultur, beide in ihrer edelsten und höchsten Erscheinungsform begriffen,, richtiger, er findet eine Einheit zwischen beiden, sie erscheinen wie Früchte, die trotz ihres verschiedenen Geschmackes an demselben Baum gewachsen sind, und deren Säfte zusammenschmelzen, um gemeinsam ein noch edleres Aroma, einen noch zarteren Geschmack zu liefern, als jede im besonderen. Das Wort „Liberalismus" hat für den Kontinenral- Europäer immer noch den Beigeschmack der Negation, des Protestes, frei sein von etwas, sich bekennen gegen etwas. Hier ist das Losungswort: frei sein für etwas, sich bekennen z u etwas. Dieses Etwas ist das Positiv-Religiöse. Dieser Liberalismus ist demnach im eminenten Sinne des Wortes konservativ. Es steht ein uraltes Schloß, bewohnt von einer zahlreichen Familie. Schloß und Bewohner leiten ihr Dasein aus der Urzeit her. Wer das uralte, väterliche Schloß liebt und dabei rüstig, tatkräftig und umsichtig ist, der wird vor allen Dingen den Grundplan und die Bauart des Schlosses gründlich studieren, an das Gebäude wird er, entsprechend den wachsenden und sich stets ändernden Bedürfnissen der Bewohner, beherzt Hand anlegend, erweitern, ausbessern, verschönern, stets seinem Grundplan und seiner Bauart entsprechend, im Geiste der ersten Urheber, den er erforscht, vertieft und weiterführt und entwickelt. Und so wird er das uralte, väterliche Schloß zu einer Wohnstätte umgestalten, die die Nachkommen lieben und nach der sie sich ewig sehnen werden und in der sie mit Freude und Dankbarkeit wohnen werden bis ans Ende der Zeiten. Oberflächliche Beobachter von draußen werden ihn wohl mutwillig und pietätlos schelten, da er an den ehrwürdigen Bau kühnlich Hand anzulegen sich getraut. Er aber wird im tiefsten Inneren sich bewußt sein, ein Werk der Erhaltung nicht der Zerstörung zu tun, und die Nachwelt wird auf ihn das geistreiche Wortspiel des Talmud anwenden, der „Banim" (Nachkommen) mit „Bonim" (Erbauer) gleichsetzt und wird ihn „Baumeister** nennen. Ein echter Nachkomme ist der, der das am Werk der Vorfahren w e i t e r b a u t. Wer aber aus unangebrachter Scheu vor dem Hergebrachten es vermeiden wird, die Wände des uralten Baues mit der Hand zu berühren, wird die Schäden derZeit nicht ausbessern und das Werk verfallen lassen, er wird die geänderten Lebensbedürfnisse und die gewachsene Volkszahl der Bewohner nicht beachten und sie zum Verlassen des Vaterhauses zwngen. Denn das Leben läßt sich keine Fesseln anlegen. Das Vaterhaus wird zwar nicht mit einemmal einstürzen, aber es wird langsam verfallen, und wenn Besucher kommen, die es ehemals kannten, finden sie an der Stelle nur mehr eine Ruine. Dieser Mann mit der gesteigerten Ehrfurcht, hinter der sich Aengstlichkeit und Mattherzigkeit verbirgt, wird also in Wirklichkeit ein Zerstörer sein, obwohl er sich für hochkonservativ hält und von der tlachköpiigen Menge als solcher angesehen werden mag. Die nach religiösen Reformen schreien, sind nicht, wie die durchschnittliche Meinung annimmt, die Lauen, die Gleichgültigen, die Indifferenten, die sich um die Zukunft der Religion nicht kümmern, sondern umgekehrt, die Glutherzigen, die ein brennendes Gefühl der Verantwortung in sich tragen und im Vaterhause mit ihren Nachfahren und allen kommenden Generationen bis ans Ende der Tage wohnen wollen. Umgekehrt die Lauen die Gleichgültigen und Frivolen gehen allen derartigen Fragen ängstlich aus dem Wege, lassen die Dinge ruhig beim alten. „Es bleibe, wie es ist, ich will lieber meine Ruhe haben. Was geht mich das an? Wie lange werde ich denn noch überhaupt hier wohnen? Mein Sohn wird es gewiß nicht mehr." So denkt man bei sich im Stillen, sagt es aber nicht heraus, und gilt beim großen Haufen als wohlgesitteter Konservativer, als eine Säule des Bestehenden. Es ist pikant, zu beobachten, daß häutig „Konservative" dieser letzten Art sich zusammenrotten, die schöpferischen Baumeister, die sie in ihrer trägen Ruhe gestört haben, Aut- DANKSAGUNG. Für die uns anläßlich des leider so plötzlich in Budapest erfolgten Ablebens unserer innigstgeliebten, unvergeßlichen Mutter, bezw. Großmutter, der fRAI] KOSMIE HlKSCHfEU» geb. Spitzer so zahlreich zugekommenen Beweise aufrichtiger Teilnahme sprechen wir hiemit den verehrlichen Korporationen, sowie allen Freunden und Bekannten unseren herzlichsten, tiefgefühltesten Dank aus. Ludwig Hirsdileltf Chefredakteur der .Wahrheit" und Familie

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