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Die Wahrheit · 1929-07-26 · Heft 30 (26.7.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 30 (26.7.1929)
Date
1929-07-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 nanmnranntiimminmnmnimimium DIE WAHRHEIT Weltmacht und in dem entschlossenen Streben, ein ganzes Volkstum in allen seinen Lebensbeziehungen unter die sittlichen Forderungen, die im Gesetz Gestalt gewannen, zu stellen, liegt die bleibende Bedeutung des Alten Testamentes als eines Dokumentes der religiösen Entwicklung. Würden wir, wie es manche fordern, das Alte Testament aus unserer Bildung und Kultur ausschalten, so würden wir damit nur Kulturwerte verlieren. Gewiß, die bildhaften Vorstellungen des Alten Testamentes vom Weltganzen sind nicht mehr die unseren und wir stehen nicht unter seinen gesetzlichen Normen. Aber sehr vieles, was unseren Kulturbesitz ausmacht, würden wir ohne das Alte Testament überhaupt nicht mehr verstehen. Es bleibt eine Tatsache, daß die Anschaulichkeit alttestamentlicher Erzählungen und Lebensbilder die Kunst aller Zeiten, von den altchristlichen Katakombenmalereien bis zur Gegenwart, stärkste Anregungen gegeben hat. Und fast noch mehr verdanken Dichtung und Musik dem Alten Testament. Vor allem ist sein ethischer Wert noch lebenskräftig; wie viele Kernworte aus dem Alten Testament sind wegen ihrer ungebrochenen Einfachheit heute noch wirksam, wie sie zu allen Zeiten Mut und Kraft in Menschenseelen gelegt haben. Man kann durch das geschichtlich Bedingte und Begrenzte im Alten Testament offen anerkennen. Um so mächtiger treten dann aber seine tiefsten Werte hervor, die man nicht aus einer Kultur, mit der sie innerlich verwachsen sind, willkürlich beseitigen kann. Gerade eine geschichtlich gerechte Auffassung muß die großen seelischen Erhebungen betonen, die Stellen, wo das Menschenleben in seinen Tiefen erfaßt wird, wie im Hiobbuch und vielen Psalmen, wo das religiöse Bewußtsein sich in höchster Reinheit erhebt, wo es universal wird wie irt Jeremia, im babylonischen Jesaia und im Jona-Buch. Hier hat das religiöse Denken sich von den Bindungen des Geschichtlichen befreit und den Ausblick auf ewige Höhen gewonnen. Nicht dadurch werden wir gefördert, daß wir das Alte Testament als veraltet oder minderwertig verwerfen, sondern dadurch, daß wir zu besserem Verständnis dieses einzigartigen Buches vordringen, indem wir durch unbefangene geschichtliche Arbeit seinen inneren Reichtum zu heben suchen. C. G. Montefiore über den Liberalismus. Von Binjamin Segel. II. Wir haben gesehen, daß die von Monteüore postulierte „Wahrheit der Lehre" als Unterbau der ersehnten „Harmonie und Einheit im Dienst des einzigen Gottes" von den Ergebnissen der Geisteswissenschaften z. B. der höheren Bibelkritik nicht geliefert werden kann. Prof. Steinthal, der ah der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums diese Disziplin vortrug, pflegte im Scherze zu seinen radikalen Hörern zu sagen: „Glauben Sie mir, nicht alles, was Wellhausen sagt, ist Thorath Mosche!" Allein auch die „objektiven" Wahrheiten der Mathematik und Naturwissenschaft haben nach den Erfahrungen unserer Generation die Eigenschaften des „ewigen, ehernen, unerschütterlichen" eingebüßt. Nichts schien fester zu stehen, als die Euklidische Geometrie, und diese ist neuerdings durch die Re- Blütenkegel durch das dunkelgrüne Laub schimmern ließ, setzten wir uns alle im Halbkreis nieder, unser Lehrer in der Mitte, und er fing an, nach altem Brauch Geschichten und Märchen zu erzählen. Unser Lehrer wußte davon eine Unmenge, aus alten Büchern und aus mündlicher Ueberlieferung, und er besaß die Kunst, sie reizend vorzutragen. Die Sagen von Eliah, dem Propheten, und die von den sechsunddreißig Gerechten, die verborgen unter den Menschen wandeln, in niedriger Gestalt, als arme Taglöhner oder Handwerker, von allen gering geschätzt, denn keiner ahnt, daß sie es sind, um deren Gerechtigkeit und Frömmigkeit willen die Welt bestehen bleibt und nicht zusammenbricht unter dem Zorn Gottes, wegen der vielen Sünden, von denen sie voll ist. Dann erzählte er uns von den wunderbaren Schicksalen der Weisen und Frommen der alten Zeit, wie sie schwere Kämpfe und Heimsuchungen zu bestehen hatten, bis sie sich durch wunderbare Fügungen zur Klarheit und Reinheit durchrangen. Dieser nüchterne, strenge Verstandesmensch, Rechner und Astronom, schien sich bei diesen Erzählungen in ein gläubiges Kind zu verwandeln. Er flocht von Zeit zu Zeit Bemerkungen ein, daß alle diese Wundererzäblungen nicht wörtlich zu nehmen und nur als Symbol oder Parabel zu verstehen wären. Aber diese Proteste klangen schwach. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, wird es mir klar, daß er irgendwo in einer geheimen Falte seiner Seele an die Wundergeschichten wirklich glaubte, oder wenigstens wünschte, sie buchstäblich und nicht nur symbolisch nehmen zu können. Seine Stimme klang weich, lauschig und sogar wehmütig. Großmütterchen saß neben mir, den Ellenbogen auf meine Knie gestützt, das Köpfchen auf den Arm gelehnt, und horchte mit brennenden Augen und klopfendem Herzen. Erst als unser Lehrer auf die Wundergeschichten das Baal-Schern und seiner Nachfolger, der „guten Jüden" zu sprechen kam, nahm er allmählich einen satirischen Ton an. Er kannte alle diese Erzählungen ausgezeichnet, an den schönsten von ihnen übte er unbewußt, was man heutzutage historische Kritik nennt, indem er nachwies, daß jedesmal eine ältere, im Volke umlaufende Wundergeschichte von Eliah, dem Propheten, oder von den sechsunddreißig Gerechten im chassidischen Sinne umgedeutet, und der Zaddik in den Mittelpunkt gestellt wurde. Das war nicht besonders rühmlich für die Chassidim und ihre „guten Jüden", Reb Chajkel ärgerte sich weidlich, machte ohnmächtige Einwendungen, konnte aber gegen unsern Lehrer nicht aufkommen. Dieser verweilte mit besonderem Behagen bei jenen Geschichten, in denen der Zaddik einen Ungläubigen oder Widerspenstigen bestraft, indem er den Fluch des Himmels auf ihn herbeifleht, was in der Sprache der Chassidim „maanisch sein" hieß. Das war eine sehr heikle Sache, da es zwar den großen Einfluß der Zaddikim bei den himmlichen Mächten bezeugte, aber auf ihre Frömmigkeit kein günstiges Licht warf und dem klaren Bibelwort widersprach, welches da lautet: „Das Strafen geziemt sich nicht für den Zaddik." „Das merkwürdigste Wunder dieser Art." fuhr unser Lehrer fort, „ereignete sich in Beiz. Da saß einmal der Zaddik Rabbi Schalom Rokeach, gesegnet sei sein heiliges Andenken, am Sabbat nachmittags im Kreise seiner Chassidim und sagte Thora*). Von der Glut der Thora bekamen sie alle Durst, aber der Met war ausgegangen. Die Chassidim lieben es bekanntlich nicht, mit trockener Kehle dazusitzen. Der Zaddik schickt also seinen Leibdiener zum benachbarten Schankwirt hinüber, um zehn Flaschen Met zu holen. Geld kann er nicht geben, denn es ist Sabbat. Der Schankwirt ist aber ein Ungläubiger und verlangt ein paar silberne Löffel als Pfand. Das ist eine Nichtswürdigkeit, dem Rebbe einige lumpige Flaschen Met nicht kreditieren zu wollen! Der Zaddik ist empört und spricht zu seinem Leibdiener: „Geh' hin und sprich über das Haus in meinem Namen den Fluch aus, daß es noch in dieser Nacht einstürze." Der Diener geht, kehrt aber bald wieder: „Rabbi, das Herz bricht mir bei dem Gedanken an die vielen Menschen, die dabei umkommen können." „Du hast recht" sagt der Zaddik besänftigt, „es soll ihm diesmal geschenkt werden. Lauf rasch hin und sprich in meinem Namen, das Haus solle stehen bleiben." Der Diener läuft, spricht das Wort und das Haus bleibt stehen. Es steht bis auf den heutigen Tag. Ich hab' es selber gesehen." Alle lachten. Sogar Großmütterchen lachte mit. ohne zu wissen warum. Reb Chajkel ließ verdrossen die Nase hängen. (Fortsetzung folgt.) *) Ungezwungene homiletische Tischrede.

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