Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 30 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Monotheismus Volksreligion geworden. Das ist eine einzigartige Tatsache. Einen spekulativen Monotheismus haben auch indische und griechische Denker erreicht; aber wirkliche Religion ist er hier nicht geworden. Dagegen sind die drei großen monotheistischen Religionen aus dieser einen Wurzel erwachsen. Das hat seinen Grund in der gemeinsamen Auffassung der Semiten von der Gottheit, in dem Gefühl für die Erhabenheit der göttlichen Macht, die zur Einzigkeit der Gottheit im Prophetismus geführt hat. Zunächst geht auch diese Entwicklich durch das volkstümlich Begrenzte: die Gottheit gehört zum Volk, es ist ein seine Ehre mit furchterregender Strenge wahrender Gott. Das ist bei den Semiten überall der" Ausgangspunkt des nationalen Monotheismus; er erklärt, daß diese religiöse Vorstellung zu einer reichen kultischen und sittlichen Gesetzgebung führt. Diese aber finden wir auch bei anderen semitischen Völkern, wie vor allem das Gesetz der Hammurabi zeigt. Das höhere Ziel, der rein ethische und universale Monotheismus, ist ein Ergebnis der religiösen Entwicklung nur im Alten Testament. Es ist die Tat der Propheten, daß sich diese Idee nach langem Ringen mit einer altertümlichen Volksreligion durchgesetzt hat. Die Gottheitwurde vondennatürlichen Grundlagen, auch von der Gebundenheit an ein Volk, losgelöst und zur universalen, ethischen Macht erhoben, deren Dienst im sittlichen Handeln besteht. Was das Alte Testament an unvergänglicher Größe in sich birgt, liegt im Prophetismus. An ihm aber ist das geschichtlich Merkwürdige, daß die Propheten zunächst als einzelne ganz für sich ge¬ Stege und schmalen Pfade hinankletterten, erzählte uns unser Lehrer, was man sich über den Ursprung dieser Begräbnisstätte überlieferte. Danach war hier in alten Zeiten eine Stadt, alle die jetzt von einander getrennten Dörfer bildeten eine einzige Gemeinde, von Christen und Juden bewohnt. Daher kam es auch, das ringsherum Ruinen und alte Häuser von städtischer Bauart anzutreffen waren, die zu den strohbedeckten Lehmhütten der Bauern in seltsamem Gegensätze standen. Unser Haus, das im Volksmunde allgemein „Ratusz" (Rathaus) hieß, war ehemals der Sitz der städtischen Behörden und der Obrigkeit gewesen, wovon noch die vielen weiten Räume, die Wölbungen und die weitläufigen Nebengebäude zeugten. Das stattliche, gemauerte Haus lag auf einer Anhöhe, zu der von zwei Seiten her gut geebnete Wege hinanführten und in weite Tore mündeten, die von Innen und Außen mit Eisen beschlagen und mit kräftigen Stangen bewehrt waren. Das Rathaus mußte in alter Zeit offenbar eine Art Festung gewesen sein. Ringsherum zog sich ein Wall, dessen Ueberreste auf der Ostseite noch vorhanden waren. An der Front war eine Art gewölbte Halle, von vier dicken Säulen eingefaßt, die das Haus von dem geräumigen Vorgarten schieden. Einige mächtige, vom Alter glattpolierte Quadern lagen vor den Fenstern und dienten als Bänke, auf denen man am Abend herumsaß und plauderte. Neulich hatte man in den weitläufigen, gewölbten, mit schweren Eisentüren versehenen Kellerräumen sogar die Oeffnung eines gemauerten unterirdischen Korridors entdeckt, von dem man versicherte, daß er bis hinunter zu dem Fluß führte, der unsere Mühle trieb. Ein fürchterlicher Krieg, der jahrelang getobt, hatte die Stadt zerstört und verwüstet, und von der ehemaligen Existenz der jüdischen Gemeinde zeugte nur noch der Friedhof hoch oben, mit halb verwitterten, versunkenen und gebeugten Grabsteinen, die von den Juden der benachbarten Dörfer, so gut es ging, in Stand gehalten wurden. Die Hirtenjungen, die in der Nähe das Vieh hüteten, liebten es nämlich, auf dem Friedhof ihren Unfug zu treiben, nachts machten sie sogar ein Feuer an, brieten Kartoffeln und veranstalteten Tänze bei Pfeifenspiel und Liedergesang. Einigemal waren sie dabei von den Juden überrascht standen haben, daß sie vielfach im Gegensatz zur Praxis der Volksreligion standen (s. das Auftreten des Arnos am Heiligtum zu Bethel). Es sind zunächst nur einzelne gewesen, die sich ihrer Botschaft erschlossen. Dann hat aber doch der religiöse Heroismus dieser Führergrößen die Massen erhoben und mit sich gerissen. So hat auch das Volk seinen Gott allein an die Stelle alter Stammesgötter gesetzt, und vor ihm sind die fremden Volksgötter nicht nur zurückgetreten, sondern zuletzt völlig aufgehoben. Anderseits hat sich der religiöse Universalismus der Propheten durchaus nicht von der Grundlage des Volkstums völlig losgelöst. Durch innerlichste seelische Erlebnisse, die man mit den Mitteln geschichtlicher Forschung nie ganz erfassen kann, ist ein neues religiöses Bewußtsein erwachsen. Es ist das Gefühl, von der Gottheit getrieben, getragen und in ihr geborgen zu sein. Daraus ist der Gottesglaube erwachsen, der dann auch das religiöse Leben des Volkes zu einer Höhe geführt hat, wie sie keine andere antike Volksreligion erreicht hat. Die prophetischen Gedanken hat die spätere Entwicklung festgehalten, indem sie das ganze Volksleben organisierte durch das Gesetz, das die prophetische Forderung praktisch durchzuführen suchte. „Gesetz und Propheten" bilden trotz aller Verschiedenheit doch eine tiefere Einheit. Natürlich hat es ethische und rituelle Gesetze lange vor der Zeit der Propheten gegeben. Aber das Gesetz, das als Grundlage des ganzen Daseins auftrat, das Gesetz buch des .1 osia von 621 und das Kultusgesetz des Esra von 432, sie sind ein rückhaltloser Versuch, die Gedanken des Prophetismus in praktische Lebensordnung umzusetzen. In diesem Ringen um die Gottheit als sittliche und weidlich durchgeprügelt worden. Aber das half ebensowenig, wie die kräftigen Ermahnungen und Predigten des Pfarrers, der von der Kanzel herab diese Missetaten oftmals in derben Worten verdammte. Schließlich griff Jankel, der Fuhrmann, auf Anraten eben dieses Pfarrers zu einer Maßregel, die guten Erfolg hatte. In weiße Laken gehüllt, mit einer Blendlaterne versehen, versteckte er sich einmal gegen Abend in einer Grube und kurz vor Mitternacht kroch er hervor, trat in den Kreis der tanzenden und johlenden Burschen und Mädchen, die zu Tode erschrocken, das Feuer mit den bratenden Kartoffeln zurückließen und schreiend auseinander stoben. Eine Judenleiche hatte sich aus dem Grabe erhoben und sie bedroht . . . Fortab wurde die Ruhe der Verstorbenen nicht gestört. Uns hatten sich unterwegs mehrere unserer Nachbarn angeschlossen und wir gelangten in stattlicher Anzahl hinauf. Moses Feder, der ein Kohen war, blieb vor der Pforte stehen, wartete, bis unser Lehrer das übliche Gebet gesprochen hatte, und kehrte dann um. Die andern zerstreuten sich zwischen den Grabsteinen. Ich blickte um mich und sah die ganze Umgegend vor mir ausgebreitet, die dunkeln Wälder hoben sich ab von den grünenden Wiesen und den hellen, reifenden Feldern. Wie ein silbernes Band schlängelte sich der Fluß dazwischen und verlor sich in der Ferne. Auf einer Anhöhe, gegenüber, scheinbar ganz nahe, aber mindestens eine Viertelmeile entfernt, ragte die katholische Kirche, mit den unzähligen Türmchen, und dahinter dehnte sich der christliche Friedhof. Tief unten im Tal zog sich die Landstraße dahin. Ein paar schwarze Pünktchen bewegten sich darauf, so groß wie Käfer .. . ach, das war Moses Feder, der soeben vom Friedhof fortgegangen war, ein Nachbar hatte sich zu ihm gesellt. Wie winzig und zierlich schien alles dort unten, die Häuser und Hügel, und erst die Menschen und Tiere, die Bäume, von hier aus gesehen, wie Kinderspielzeug sahen sie aus unter der mächtigen Himmelskuppel, die sich über dem unermeßlichen Raum wölbte, an dessen höchster Spitze die Sonne einsam stand und ein Meer von Licht über die Welt ausgoß . . . Unter der Linde, die mitten im Friedhof ihre weißen.