Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 30 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DDE WAHRHEI1 mentarischen Erzählungen, die tief-menschlichen Töne, die aus Propheten und Psalmen klingen, machten das Buch zu einem Besitz der Völker, wobei man von dem national-geschichtlichen Gehalt, wie er etwa im Ritualgesetz vorliegt, absehen konnte. Heute wird das Alte Testament oder wenigstens seine wertvollsten Teile inetwafünfhundert Sprachen vorliegen. Kein anderes Werk der Weltliteratur wird sich danach an Volkstümlichkeit und Weite der Wirkung mit dem Alten Testament messen können. Welche Stellung nimmt nun das Alte Testament als religiöse Urkunde ein, welches ist seine Auswirkung im Bereich des religiösen Lebens? Wir sehen ganz ab von den religionsgeschichtlichen Beziehungen, die das Alte Testament durch zahlreiche Fäden mit seiner religiösen Umwelt, dem alten Orient, verknüpfen, so wertvoll die Erkenntnis dieser Zusammenhänge auch für das geschichtliche Verstandn i s des Alten Testaments ist. Wir fragen hier nur, welchen Anteil es an der religionsgeschichtlichen Entwicklung hat. Was das Alte Testament als kulturgeschichtliche Größe bedeutet, beruht wesentlich auf seinem Charakter als eines Urkundenwerkes, in dem sich eine vielgestaltige und tiefe religiöse Entwicklung darstellt. Was es daneben an mancherlei Stoffen rechtlichen oder geschichtlichen Charakters mit sich führt, ist doch in dies Religiöse eingetaucht. In den Anfängen aller religiösen Entwicklung begegnen wir zwei verschiedenen Vorstellungsformen, die bisweilen noch im Alten Testament aus der Vorzeit nachklingen: dem Machtgedanken und dem Dämonenglauben. Was aber daraus durch die religiöse Entwicklung Israels geworden ist, darin liegt ihre geschichtliche Bedeutung. Das Verhältnis des Menschen zur „Macht" ist rein naturhafter, dringlicher Art, nicht eigentlich persönlich. Die Urvorstellung, daß die Macht gefährlich ist, klingt im Alten Testament noch durch (z. B. II. Sam. 6, 6, Jes. 6, 5, II. Moses 19, 12). Im Dämonenglauben gewinnt die geheimnisvolle Macht die Züge persönlicher Wesenheiten, die mit einem Willen ausgestattet sind und dadurch auf den Menschen bestimmend einwirken. Damit tritt ein persönliches Verhältnis zwischen den übersinnlichen Mächten und dem Menschen ein. Die Bedeutung der alttestamentlichen Entwicklung beruht darauf, daß sie die Gottheit als eine persönliche Willensmacht erfaßt. Sie aber waltet nicht in grausamer Willkür, sondern wirkt in sittlichen Forderungen an das Volk. Das ist in der Tat das Entscheidende, was die alttestamentliche Religion geleistet hat. Mag der Gott vom Sinai bisweilen auch noch Züge aufweisen, die an einen mehr naturhaften, gewaltigen Dämon erinnern, so gehören diese Züge seiner Vorgeschichte an. Durch Moses wird er der Gott, der sich in einer Tat seines Willens als Erretter und Führer bekundet. Das Verhältnis zwischen dem Gotte und dem Volke wird als „B u n d" aufgefaßt, dessen Inhalt kultische, aber auch sittliche Ordnungen sind. Daß die Gottheit als Persönlichkeit erfaßt wird — weil sie sittliche Willensmacht ist — und daß sich ihr Verhältnis zum Menschen in sittlichen Bindungen darstellt, das müssen wir als einen der großen Schritte im Geistesleben betrachten. Damit aber hängt das Entscheidende zusammen: in Israel ist der Sfeuiitefon, Mein erster Fasttag. (Aus den Erinnerungen des alten Professors.) Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) „Wozu Rollten die Toten im Grabe Knoblauch brauchen, noch dazu am neunten Ab, da ja sogar die Lebenden nicht einmal ein Gläschen Schnaps trinken dürfen?" erwiderte unser Lehrer gelassen, und um seine Lippen spielte ein malitiöses Lächeln, wie immer, wenn sich zwischen ihm und Reb Chajkel derartige Diskussionen entspannen. „Wie dürfen wir uns unterfangen, zu fragen, wozu dies nötig ist? Das ist ja die pure Ketzerei. Gewiß steckt ein tiefer, heiliger Söd dahinter. Der heilige Zaddik von Olesko sagte, daß der Knoblauch schon vom König David in den Psalmen angedeutet wurde. Es heißt: Bringet Gott das Lob seines Namens: Schemö — das Wort besteht aus den Buchstaben Schin, Mem, Waw; das sind dieselben Buchstaben, aus denen das hebräische Wort für Knoblauch, Schum, sich zusammensetzt. Ist das nicht deutlich genug?" Ein donnerndes Gelächter antwortete auf diesen Vortrag. Reb Chajkel hatte uns im Namen seiner diversen Zaddikim oft mit schönen exegetischen Proben erfreut, aber diese war die schönste. „Zu Zeiten des Königs David war ja der Tempel noch gar nicht zerstört, und man brauchte am neunten Ab nicht nach den heiligen Ort zu gehen." sagte ich. „Du bist ein naseweiser Junge." erwiderte Reb Chajkel entrüstet. „Konnte König David nicht durch den Heiligen Geist vorausschauen, daß der Tempel zerstört werden wird, und alles andere? In dem Knoblauch steckt ein großer Söd, auf den Zaddik von Olesko könnt ihr euch verlassen." „Der Söd ist nämlich der," bemerkte unser Lehrer ruhig, „in den alten, vor mehreren hundert Jahren gedruckten Kinothbüchern war der Vermerk zu lesen, man solle am neunten Ab auf den Friedhof gehen, um die Gräber zu besuchen, und dabei auch die „Kneblech" mitnehmen; in der Sprache, die unsere Vorfahren damals in Deutschland redeten, bedeutete das die kleinen Schuljungen, die man ja sonst beim Friedhofsbesuch nicht mitnimmt. Mit der Zeit änderte sich die Sprache. Der Sinn des Wortes wurde vergessen, aber die Drucker druckten es gedankenlos nach, und nun deuteten es die Unwissenden auf „Knebelech", worunter Knoblauchzähne verstanden werden." „Wenn man mit solchen Deuteleien anfängt," wehrte sich Reb Chajkel verzweifelt, „kommt man am Ende dahin, die ganze Thora und alle Mizwoth abzuschaffen. Die Lomdim machen es immer so mit ihrem Scharfsinn und ihrer Gelehrsamkeit. Wie viele sind schon dahin gelangt, sich die Schläfenlocken abzuscheren und sogar sich deutsch zu kleiden! Nicht umsonst sagen unsere heiligen Zaddikim, man müsse sich vor zuviel Gelehrsamkeit in Acht nehmen, nicht klügeln, sondern alles nur tun, wie unsere Väter getan haben. Aber über euch, Rabbi Akiba, wundere ich mich nicht. Ihr unterweist ja den Knaben" — damit war ich gemeint — „sogar in diesen Dingen von den Sternen, wie sie sich drehen, und noch derlei Sachen. Das wird ein schlimmes Ende nehmen, sag4 ich euch. Es kann ihn, Gott behüte, noch tief in die Hölle verführen. Paßt nur auf, daß er sich nicht noch zu guterletzt den Bart schert und ein Doktor wird." Sich den Bart zu scheren und ein Doktor zu werden, war für Reb Chajkel der Gipfel der Verderbnis. Der kleine Friedhof lag am Rande des Waldes auf einer Hochebene, die von Schluchten zerklüftet und mit seltsam geformten Felsenzacken besät war. Zwischendurch dehnten sich schöne Wiesen und Weideplätze, wo das Vieh der umliegenden Dörfer graste. Von dort aus eröffnete sich ein weiter Ausblick auf die ganze Umgebung, mehrere Meilen hinaus. Dieser „heilige Ort" beschäftigt oft unsere Phantasie, denn er war ein Rätsel. Sonst waren nämlich jüdische Friedhöfe nur in Städten anzutreffen. Während wir jetzt die gewundenen