Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 30 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen kdidvlÜdwiü ]mdt des Veröffentlichungen der „Union deutschesten*. Juden4* und des „Ämtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" arci»:mimiiuminnm^^ Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang_Wien, 26. Juli 1929_Nummer 30 jffi Die Bedeutung der Bibel in der Kulturgeschichte, m ( Von Professor Dr. R. Stühe, ordentlichem Professor an der Universität Leipzig. \ Nicht mit allem wird man einig gehen, was der hervorragende Leipziger Gelehrte hier niedergelegt hat. Aber jeder wird die hier veröffentlichten Ansichten und Feststellungen von nichtjüdischer Seite zu würdigen wissen, sei es als willkommene Anregung, sei es als ein erfrischendes Bekenntnis zu dem Buche, das seit Urzeiten der lebendige Quell der Religiosität aller Völker ist. Die Schriftleitung. Von der allgemeinen Bedeutung des Alten Testaments sprechen, heißt ein großes und sehr vielseitiges Stück der Kulturgeschichte entrollen. Denn dabei handelt es sich darum, die reichen Beziehungen und Auswirkungen des Alten Testaments in der Geistesgeschichte mehrerer Jahrtausende zu erfassen. Das Schicksal dieser Schriftensammlung an sich schon ist merkwürdig genug. Das Alte Testament umfaßt die Reste einer alten orientalischen Volksliteratur, die ihrem Ursprung nach nur der Besitz eines kleines Volkes sein konnte, in einer Sprache geschrieben, die von einer Zahl gesprochen wurde, die den großen Kulturvölkern des alten Orients gegenüber gering war. Die Erhaltung dieses Buches allein schon ist ein geschichtliches Wunder. Daß es aber ein Besitz der Menschheit geworden ist, bedarf der Erklärung. Nach drei Richtungen hin ist das Alte Testament in der Kulturwelt wirksam geworden: als literarisches Gebilde, als religiöses Urkunde n w e r k und als ein Werk, das größte künstlerische Werte der Kunstgeschichte gegeben hat, das derMalerei, Plastik, Dichtung und Musik unvergleichliche Anregungen vermittelt hat. Fragen wir zunächst nach derStellungdes Alten Testaments in der Weltliteratur, so muß man sagen: Es gibt kein literarisches Werk, das an Weite und Tiefe der Wirkung dem Alten Testament gleichkommt. Diese Behauptung mag vielen überraschend scheinen. Aber vergleichen wir die größten und wirkungsreichsten Werke, so stehen sie alle dem Alten Testament nach. Vielleicht kann mit ihm am ehesten Homer verglichen werden, der die Bildung des Griechentums bestimmte und bei den Römern durch V e r g i 1 eine Nachwirkung erlebte. Aber seit dem Untergang der Antike versank auch Homer; selbst dem griechischen Osten*"*" wurde er fremd. Im Orient ist eine syrische Uebersetzung verschollen, während bei den Arabern Homer nur einmal genannt wird; hier aber erscheint er unter den Aerzten. Mit der Renaissance wurde Homer wieder entdeckt, und die humanistische Bildung hat ihn den Gebildeten wiedergegeben. Aber trotz der Uebersetzungen und trotz Goethe ist Homer kein volkstümliches Buch geworden. An Wirkung im Orient wie im europäischen Mittelalter könnte man noch Aristoteles dem Alten Testament nahesteilen. Er hat auf die mittelalterliche Philosophie den bestimmenden Einfluß geübt, der von Bagdad bis Paris und Köln reichte. Aber seine Wirkung blieb doch auf die Gelehrten beschränkt. Auch die bedeutendste Leistung der Römer, das Corpus iuris, hat wohl in Italien und Deutschland eine tiefe Wirkung geübt. Spanien, Frankreich, England und der Norden haben aber an den germanischen Rechtsformen festgehalten. Suchen wir die großen Dichter auf — Dante, Cervantes. Wolfram, Shakespeare etwa —, so haben sie alle eine durch Sprache, Nationalität und Kultur begrenzte Wirkung, vor allem sind sie alle nur der Besitz einer höheren Schicht der Kulturwelt geworden. Dem steht das Alte Testament gegenüber. Es ist aus den Schranken seines Volkes und seiner Ursprache gelöst, indem es ins Griechische, das heißt in die antike Weltsprache, übersetzt wurde. Das hebräische Original wäre niemals außerhalb der jüdischen Gemeinde bekannt geworden. Aber in der griechischen Weltsprache wurde es ein Buch der Weltkultur. Das hat einen tieferen Grund. In seiner griechischen Gestalt trat das Alte Testament in eine geistige Welt, die innerlich vorbereitet war, es aufzunehmen. Im antiken Seelenleben war das Bedürfnis nach Gewißheit, nach Lebensführung erweckt, die den Gebildeten die absterbende Religion, und den breiten Massen die Philosophie nicht bot. In diesem Sinne hat das werdende Christentum das Alte Testament auch als seine heilige Schrift übernommen und es in den geistigen Besitz der Menschheit eingeführt. Dieses Buch aber redet nicht zu dem engen Kreis der Gelehrten und Hochgebildeten. Gerade das Schlichte, das Unmittelbare der alttesta-