Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 29 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 DIE WAHRHEIT Kumt und Literatur „Das neue Europa." Die international bekannte Zeitschrift feierte dieser Tage das Fest ihres fünfzehnjährigen Bestandes, aus welchem Anlasse „Das neue Europa" mit seinem verdienstvollen Herausgeber Dr. Paul Hohenau im Mittelpunkte vieler Ehrungen stand. Dr. Hohenau zählt seit Dezennien zu den unentwegten und unermüdlichen Vorkämpfern des Versöhnungs- und Friedensgedankens, Ueberzeugungen, denen er rastlos durch Wort und Schrift auf zahlreichen Reisen durch die ganze Weit Ausdruck verleiht. Selbst Publizist von Format und Rang, versteht er es, einen Kreis erlesener Männer der Feder um sich zu scharen, die ihm begeistert helfen, sein Glaubensbekenntnis, das ihm Bekenntnis zu allem Schönen der Menschen und Nationen ist, zu betätigen. Im „neuen Europa" ergreifen regelmäßig die hervorragendsten Staatsmänner der Welt die Gelegenheit zu ihren bedeutsamen Darlegungen, die allgemeines Aufsehen erregen. Hebräische Dichtungen und Melodien im Süddeutschen Rundfunk. Durch den süddeutschen Rundfunk wurde kürzlich in andurthalbstündigem Vortrag „Hebräische Dichtungen und Melodien" der Oeffenttichkeit dargeboten. Das Programm war ieichhaltig und von der Leitung des Südiunk sorgfältig ausgewählt worden. Neben dem Philharmonischen Orchester Stuttgart und dessen Kammermusikvereinigung, wirkte der Syuagogenchor Stuttgart unter Leitung von Leo Adler mit. Den dichterischen Teil hatten Herr Wisten vom Wüittembergischen Landestheater, der selbst Jude ist, sowie Theodor Brandt übernommen. Als Organist wirkte Musikdirektor Nack. An allgemein musikalischen Darbietungen hebräischer Melodien wurden vom Orchester Kol nid r ei von Bruch, Pctme hebraique von Sam. Schnyer und Ouvertüre über jüdische Themen von Serge Prokofieff übertragen. Dtr rynagogenchor sang die sogenannte „Deutsche Keduschaii" und „Socharti loch" für Versöhnungstag von Lewandowski; in beiden Stücken sang Leo Adler die Soli; dann trug Leo Adler das Kantorsolo „Weschomru" von Heller in mustergültiger Wense vor. Zwischen den musikalischen Nummern wurden Dichtungen von Jehuda Halevi, althebräische Sagen, die Sage vom Prager Golem des Rabbi Low und vom Chelmer Golem des Rabbi Eliahu Baalschein sowie Geschichten vom großen Maggid und seinen Schülern von den Herren Wisten und o ran dt ab wechslungs weise voi getragen. Die Darbietungen scheinen bei zahlreichen Hörern sehr gut gefallen zu haben, was daraus hervorging, daß gleich nach tteendigung des Programms zahlreiche anerkennende Aeußerungan bei der Leitung des Rundfunks eintrafen. Schon einmal hatte vor einigen Monaten der Süddeutsche Rundfunk durch Oberlehrer Spatz, Rexingen, ein jüdisches Thema: „Altgermanische Bräuche im jüdischen Ritus" dargeboten. O. Spann. Gesellschaftsphilosophi'e (Handbuch der Philosophie), München, 1928, R. Oldenburg, Mk. 7.65. Ein glänzend geschriebenes und in einem Zuge anhaltend fesselndes buch. Man kennt Spanns Einstellung. Tiefe Religiosität verbindet sicu m ihm mit nationalem Schwung. So ist auch dieses Werk im besten Sinne ein Dokument des deutschen Idealismus. Wenn auch die Leser dieses Blattes nicht in allen Einzelheiten ihre Anschauungen mit den hier vorgetragenen in Uebereinstimmung finden werden, wenn vielleicht das harte Wort über Voltaire, Rousseau. Ricardo u. a. ihnen einseitig erscheinen dürfte, ganz im Sinne jüdischer Ueberzeugung gehalten ist, was Spann, S. 77, sagt: „Wissenschaft setzt Religion voraus". Passend zitiert er Fr. Schlegels Worte: „Wissen ist des Glaubens Stern, Andacht alles Wissens Kern". Daß aber sein nationaler Radikalismus dem messianischen Ideale des Judentums entspricht, wird sich schwerlich behaupten lassen. Immerhin ist das Buch als Ganzes, zumal in unserer so stark zum Materialismus und Pessimismus neigenden Zeit, ein erfreuliches und gut begründetes Bekenntnis zu optimistischer Weltanschauung. M. Hunterberg, Jesus (the crueified Jew. 2), H. S. Baron. Haym Salomon 1929, Bloch Publ. Co. 31 West 31 St. New York. Zwei sehr lehrreiche Monographien, von denen die eine in berechtigter Stellungnahme gegen den Film „König der Könige" alle Daten zusammenstellt, die düe Unschuld der Juden an der Hinrichtung Jesu dartun, und die andere in einer etwas barocken Einkleidung an die Verdienste des bekannten Finanzmannes H. S. um die nordameriikanische Republik erinnert. Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart (Brünn 1929, Jüd. Buch- und Kunstverlag). Dieses Sammelwerk, herausgegeben von H. Gold, imponiert als Leistung eines einzelnen Herausgebers, der einen sehr zahlreichen Stab von Mitarbeitern angeworben, entsprechendes Illustrationsmaterial zu beschaffen und vor allem die technischen Mittel zu einem solchen Unternehmen aufzubringen hatte. Man wilrd an diesem in aller Eile hergestellten Werke mancherlei aussetzen, so z. B. daß der berühmteste Sohn des mährischen Ghettos, Sigm. Freud, darin nicht erwähnt wird. Wer aber mit am Werke war und hinter den Kulissen stand, weiß, welchen Umständen die Schwächen dieser literarischen Erscheinung auf Rechnung zu setzen sind. Immerhin hat die jüdische Geschichte, insbesonders Kulturgeschichte, hier eine Bereicherung erfahren, die alle etwa zu beanstandenden Einzelheiten wettmacht Aus der Unmenge von Namen und Daten Einzelnes hervorzuheben, verbietet die Gerechtigkeit. Ueberall offenbart sich ein so außerordentlicher Eifer, gepaart mit verständnisvoller Vertiefung in den Stoff, daß von einem mehr oder weniiger kaum die Rede sein kann. Nur darf man des unermüdlichen Bearbeiters der mährischen Judengeschichte Dr. Flesch in Kanitz und ebenso Wachsteins-Wien mit seiner umfassenden Kenntnis der einschlägigen Literaturgeschichte besondere Erwähnung tun, die an allen Ecken und Enden hilfreich beigesprungen und so zu Eckpfeilern und Stützen des Ganzen geworden sind. Ergreifend wirken, neben den Klagen über barbarisches Verhalten der Behörden und Pogromen, z. B. bis in die allerjüngste Zeit hinein, die Berichte über Feuersbrünste, die gerade mährische Gemeinden besonders häufig heimgesucht haben. Deren Opfermut und die Hingebung, mit der sie jüdische Lehre und jüdisches Leben pflegten, erregt Bewunderung. G. „Paneuropa", Zeitschrift, Heft 6, V. Jahrgang, Paneuropa- Verlag, Wien-Leipzig-Paris. Preis Mk. —.90, ö. S 1.50. Das Juniheft bringt einen sehr interessanten. Artikel: „Entscheidung", von R. N. Coudenhove-Kalergi, in dem der Autor die politische Situation Europas, wie sie die Reparations- Verständigung und der Ausgang der englischen Wahlen geschaffen haben, mit vorausschauender Weite und sicherem Scharfblick beleuchtet. Coudenhoves knappe und klare Art, die jeweilige politische Lage zu erfassen und ihre Konsequenzen aufzuzeigen, ist ja hinlänglich bekannt und gerühmt; sie bewährt sich immer von neuem. Aus seiner Feder stammen noch zwei Artikel dieses Heftes: „England und der Friede" und „Europäische Völkerbundsektion". Es folgt noch ein längerer Aufsatz „Panismus", von Prof. Dr. Karl S t r u p p, der unter anderem eine aufschlußreiche Darstellung des Panamerikanismus enthält, ferner die Pressechronik, der Bericht der Paneuropa-Zentrale über die Bewegung und eine Reihe von Buchbesprechungen. JAC. 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