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Die Wahrheit · 1929-07-19 · Heft 29 (19.7.1929) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 29 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 9 Qlerrei*. Die „Neue Freie Presse", die, ausgehend von der Aktion der „Union", die Judienhetze der antisemitischen Sommerfrischen beleuchtete, gibt ihrem Befremden darüber Ausdruck, daß auch eine große wohltätige Vereinigung wie die „Oesfcerreichsche Gesellschaft vom Goldenen Kreuz", die so liebenswürdig und entgegenkommend jüdisches Geld nimmt, sich in den Dienst dieser antisemitischen Sommerhetze stellt. Die „Gesellschaft vom Goldenen Kreuz" wird trotzdem auch weiterhin bei einem Appell an das goldene Wiener Herz sich ganz frei von konfessioneller Voreingenommenheit fühlen und das Geld unbesehen nehmen. Die kritischere Prüfung der Wohltätigkeitsvereine ist eben den — jüdischen Spendern zu empfehlen. * * * Die Kremser Stiftsherren haben — wie der „Morgen" mitteilt — eine Verordnung erlassen, worauf nur Christen das Betreten ihrer Wälder gestattet ist. Es wäre interessant zu wissen, was die Kremser Stiftsherren z. B. einem neugierigen Mohammedaner auf die Frage antworten würden, worauf ihre Verordnung begründet sei. Die Neugierde des Mohammedaners wäre um so begreiflicher, als selbst dem Heiden gepredigt wird, das Evangelium lehre ein Gebot der Nächstenliebe — das auch in den Wäldern nicht aufgehoben ist. * * * Die „Deutsche Arbeiterpresse", die — man erinnere sich nur an die Ermordung Bettauers — nicht ganz erfolglos ihre Anhänger zu verbrecherischen Ausschreitungen hetzt, veröffentlichte in ihrer Nummer 27 einen Artikel, in welchem es u. a. heißt: „Auch heuer soll wieder ein Weltkongreß der Juden stattfinden. Diesmal werden die grauslichsten Judengestalten, die es überhaupt gibt; die Asiaten, die schmutzigsten und unkultiviertesten Juden, in die deutsche Wienerstadt einziehen. Sie werden in den Sofiensälen ihren Kongreß abhalten, der natürlich ganz anderen Arbeiten dient als sie vorgeben . . . 10.000 orthodoxe Juden werden uns im Herbst provozieren! . . . Wir rufen heute schon der arischen Bevölkerung Oesterreichs zu: seid bereit". Man muß der „Deutschen Arbeiterpresse", die den Kongreß verdächtigt, er werde anderen Arbeiten dienen als er vorgibt, die Anerkennung zollen, daß sie sich eigentlich unausgesetzt ganz offen und ehrlich zu den Arbeiten bekennt, denen sie dient, d. h. der schamlosen, auch den Gesetzen frech ins Antlitz schlagenden Hetze gegen die Juden. Oder sollte es wirklich einen solchen Kretin geben, der nicht genau verstünde, was die „Deutsche Arbeiterpresse" damit meint, wenn sie heute schön der arische Bevölkerung Oesterreichs zuruft: „seid bereit!" Die „Deutsche Arbeiterpresse" prophezeit, daß 10.000 orthodoxe Juden „uns im Herbst provozieren werden". Sie provoziert schon heute. Vielleicht sogar auch den Staatsanwalt. Zu meinen vorige Woche an dieser Stelle veröffentlichten bescheidenen Bemerkungen über die Verurteilung des Studenten Abraham Tennenbaum wegen Ueberschreitung der gesetzlich erlaubten Notwehr, schreibt man mir aus Budapest: „Abraham Tennenbaum war, wie ich aus der zitierten Urteilsbegründung des Wiener Richters entnommen, von den hakenkreuzlerischen Studenten mit einem Gummiknüttel überfallen worden und hat bei der Abwehr der auf seinen Kopf niedersausenden Hiebe, seinen Angreifer leicht verletzt. Der Fall und noch mehr das Urteil interessierte hier, weil einige Tage zuvor eine gerichtliche Verhandlung stattfand, in welcher ein nichtstudentischer jüdischer Demonstrant, der, erbittert über die Mißhandlungen jüdischer Studenten an der Universität, sich auf der Straße an einem Exzesse gegen Rassenschützler beteiligt hatte, auf der Anklagebank saß. Da sagte der Ankläger, wohlgemerkt der Ankläger, Dr. Nikolaus Czobor, Vizepräsident der Staatsanwaltschaft, nach dem Berichte des „Pester Lloyd" u. a. buchstäblich: „Dieses Ereignis, über das wir heute verhandeln, ist nur die Folge jener bedauerlichen Ereignisse, die sich an der Universität abgespielt haben. Es ist nur die Folge der Angriffe, in denen Studenten ihre Kommilitonen mißhandelten, Studenten verfolgten, die auf Grund des Gesetzes an der Universität inskribiert waren. Es ist sehr bedauerlich, daß nicht ein einziger der demonstrierenden Studenten vor Gericht gestellt wurde. Wohl entschuldigt dies den Angeklagten nicht, meiner Ansicht nach aber müßte der Gerichtshof in Betracht ziehen, welche Gefühle das Gemüt des Angeklagten beherrschen mochten, wenn er als Staatsbürger israelitischer Konfession sehen mußte, daß seine Glaubensgenossen mit Fäusten und Stöcken aus der Universität hinausgeprügelt wurden, in der sie auf Grund gesetzlicher Verfügungen erschienen waren." Ich frage Sie nun höflichst; was sagen Sie zu diesem staatsanwaltlichen Ankläger, der soviel Einsicht und Nachsicht für den Gemütszustand eines Angeklagten aufbrachte, der nicht einmal selbst mit Knüttelhieben bedacht worden war, sondern Schmerz und Erbitterung über das Unrecht empfunden hatte, das Andere erlitten?" * * * Auf eine höfliche Anfrage darf ich eine höfliche Antwort nicht verweigern. Also: Ich hätte Abraham Tennenbaum gewünscht, daß der Budapester Staatsanwalt sein Verteidiger in Wien gewesen wäre. Der Mann wäre vielleicht imstande gewesen, zu Gunsten seines Klienten überzeugend auszuführen, daß es einem soeben unter heftigen Knüttelhieben brummender Kopf beim besten Willen nicht immer möglich ist, die zarte Linie abzumessen, bei der die erlaubte Notwehr endet. Die „Kölnische Volkszeitung", das führende Blatt der Katholiken in Deutschland, schrieb dieser Tage u. a.: „Die Deutschnationalen haben gezeigt, daß sie von Toleranz sehr weit entfernt sind . . . Einer Partei, in der man jedem Deutschen, der nicht zu ihr hält, die nationale Gesinnung abspricht oder verdächtigt, fehlen die Grundelemente der Duldsamkeit, einer Eigenschaft, die für ein konfessionell

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