Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 29 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT hat vor kurzem den Bau einer neuen Synagoge beschlossen, einer Synagoge, wie es in ganz Europa keine zweite gibt. Es war davon die Rede, daß däe Regierung einein Zuschuß von mehreren Millionen Francs für diesen Zweck geben wollte, und einige führende Blätter schrieben, daß der König dn eigener Person die Absicht gehabt hätte, der Zeremonie der Grundsteinlegung beizuwohnen, um selbst einen Stern zu legen. Aber diese Nachricht war verfrüht. Ueber eine Million wurde in dieses Unternehmen gesteckt, aber als man die Regierung um die versprochene Subvention bat, fiel plötzlich der belgische Franc und die Regierung befand sich selbst m großen finanziellen Schwierigkeiten. Die Gemeinde mußte mit einer kleineren Synagoge vorlieb nehmen. Zwischen den beiden großen jüdischen Gemeinschaften Antwerpens besteht dauernd Rivalität, so wirkte sie sich z. B. bei der Berufung ihrer Kantoren aus. Die Antwerpener Juden hatten gerade jetzt das Vergnügen, einige der besten Kantoren Europas bei sich zu hören. Der Zufall wollte es. daß beide Gemeinschaften schließlich Kantoren aus Odessa wählten — Kantor Rabtoowätsch für den Schomreh Hadass. und Kantor Banski für den Machziki Hadass. Es gibt auch unter den Brüsseler Juden Konflikte, aber bei ihnen spielt sich alles einfacher ab. wie in einer» Kleinstadt, und ihre Kämpfe sind noch nicht so organisiert und raffiniert wie bei den Antwerpenern. Aber auch im allgemeinen' sind die belgischen Juden untereinander sehn uneinig, und sogar in einer Frage, wie die Organisation einer Protestdemonstration gegen die Judenverfolgungen in Rumänien ist es unmöglich, sie zu vereinigen. In Belgien leben viele transsylvanische Juden, und diese führen ihrerseits einen scharfen Oppositionskampf. Es kam sogar vor, daß ein Meeting aller Parteien stattfinden sollte, aber in letzter Minute entstand eine Meinungsverschiedenheit und das Meeting wurde abberufen. In Brüssel fand ein Meeting statt, aber während des Meetings entstanden Differenzen und es endete mit großen Tumulten. Die jüdischen Studenten, die in großer Zahl m den Universitätsstädten leben, haben Protest-Meetings einberufen, an denen auch die belgischen Studentenorganiisationen teilnahmen. Die jüdischen Studenten, ungefähr zweitausend an der Zahl, kommen aus Polen, Rußland, Litauen und Palästina, leben meist in großer Armut und werden von der jüdischen Oeffentlichkeit sehr vernachlässigt. Oft haben sie nicht das Allernotwendigste zum Leben und arbeiten nachts in den Kohlengiroiben und Fabriken, um tagsüber ihr Studium fortsetzen zu können. Das Resultat davon ist, daß sie sich ihrem Studium nicht mit genügender Intensität widmen können und oft vergehen zehn bis zwölf Jahre, bis sie dhr Diplom erhalten können. (Aus dem Englischen von Anja Aschkenasy.) Briefe aus Hamburg. „Alle amerikanischen Dinge sind rekordbezifierte Teile einer Kulturmaschine, die entweder auseinander gefallen oder noch nicht aufgebaut sind." So war kürzlich irgendwo zu lesen und dieser Gedanke trifft den Nagel auf den Kopf. In St. Pauli, diesem alten Dorado des Vergnügens, tragen die heiteren Stätten ein völlig verändertes Gepräge. Der vom Hudson zu uns gekommene „Jazz" beherrscht die zahlreichen Cafe dansants. Die alte Beschaulichkeit ist dem Tempo unserer Zeit gewichen. Wo früher das Variete zu fröhlichem Verweilen einlud, erhebt sich jetzt eines der vielen Kinos, im Aeußeren zuweilen Ausgeburten der Moderne, eher einem Warenspeicher als einem Theater gleichend. Tanzpaläste erstrahlen in einer ultima ratio von Beleuchtungseffekten. Die Darbietungen: Massenaufgebote enthüllter Weiblichkeit, ein fiöchstausmaß von Evolutionen des Eros! — Gaststätten aller Grade reihen sich aneinander, darunter bayrische Betriebe in naturgetreuer Nachahmung der an der Isar beheimateten Stätten. Die „Große Freiheit", eine Straße, welche II ÖSTERREICHS GROSSTE PHOTOFIRMA || PHOTO WEITZMANN BWIEN i II., PRATERSTR. 9 II., TABORSTR. 36 II UND ZAHLREICHE FILIALEN bereits zum Altonaer Stadtgebiet gehört, bildet den Kulminationspunkt dieser Welt! In St. Pauli befinden sich ebenfalls die Volksoper, die Operettenbühnen und das alte plattdeutsche „Ernst Drucker"- Theater. (Die vornehmeren Vergnügungsstätten» darunter das führende Ballhaus „Trocadero" liegen unweit des Jungfernstiegs.) Allabendlich bewegt sich ein Menschenstrom auf der breiten „Reeperbahn", dieser grande avenue des Vergnügens; in diesem sind die Vertreter aller Nationen, alle Schattierungen der Hautfarbe — vom mongolischen Gelb zum Kaffeebraun des Mulatten und von diesem bis zum tiefsten Schwarz des Niggers — zu erblicken. Das ist St. Pauli! Groß sind die Lockungen, die ein Höchstmaß der sittlichen Gefährdung unserer Jugend in sich bergen! Im Stadtteile St. Pauli liegt auch das „Israelitische Krankenhaus", diese hochherzige Stiftung Salomon Heines, des Oheims unseres Dichters, das im Jahre 1842 erbaut wurde und der ganzen Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession zugänglich ist. Nunmehr wird dieses Krankenhaus, nachdem zu diesem Zweck von den städtischen Kollegien die erforderliche Summe bewilligt wurde, eine Vergrößerung erfahren. Den Stadtteil St. Pauli umsäumt der weite Hafen. Man hört das Heulen der Dampfsirenen, zuweilen erdröhnt auch der tiefe Baß eines „Amerikaners". Fernab, auf dem Wege zur Elbbrücke, die nach Hamburg führt, liegt das Auswandererheim der „Hapag", ein von Holzplanken umzäuntes Gebiet. Hier ist das Lager der Emigranten, unter denen sich ein großer Teil unserer Glaubensbrüder befindet. Sie erwarten dort geduldig die Zeit, da ihnen die Weiterreise über den Ozean vergönnt sein wird. Für rituelle Verpflegung ist gesorgt und auch für ihre sonstigen Bedürfnisse. Was mag ihrer harren in der „Neuen Welt", diesem unbarmherzigen Schmelztiegel aller Völker und Nationen, welchem Schicksal gehen sie entgegen? Nie werde ich die in meiner Jugendzeit gefallenen Worte vergessen, die ein in Amerika zu Wohlstand gelangter Deutscher nach einem Besuch seiner Heimat bei der Rückfahrt an Bord des Schiffes angesichts der Freiheitsstatue zu seinem Reisegefährten, einem Jüngling, der hoffnungsbeseelt dem neuen Eidteil zustrebte, sprach, und die also lauteten: „Wappne Dich, mein Sohn, denn hier hört die Menschlichkeit auf, wirf alles über Bord, was Dich ans Elternhaus gemahnt, — auch deine guten Vorsätze — und kannst Du das nicht, so nehme lieber den nächsten Dampfer und kehre heim!" Arme, bedauernswerte Brüder! John Jacobsohn. (Fortsetzung folgt.)