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Die Wahrheit · 1929-07-19 · Heft 29 (19.7.1929) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 29 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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die Wahrheit Die Herzl-Frage in Budapest Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrte Redaktion! Unter diesem Titel erschien in der letzten Nummer der „Neuen Welt" ein Bericht aus Budapest, der Langes und Breites über die Initiative des zionistischen Organes „Z s i d 6 S z e m 1 e" in der Angelegenheit der Herzl-Feier erzählt. Dieser Bericht ist gelinde ausgedrückt — Humbug. Es ist unwahr, daß „Zs i d ö Szemle" die in diesem Artikel aufgezählten Vorschläge zur Herzl-Feier initiiert hat. Wahr ist vielmehr, daß „Z s i d 6 Szemle" und sein Kreis eine von anderer Seite im Einvernehmen mit der großen Gemeinde begonnene Aktion gewaltsam an sich gerissen und total verdorben haben. Diese Aktion galt nicht dem Z i o n i s t e nführer Herzl, sondern dem jüdischen Führer, dem Schriftsteller und Edelmenschen, und hätte nicht nur alle jüdische Schattierungen vereint, sondern auch staatliche und städtische Kreise miteinbezogen, die nicht weniger Grund haben, auf den großen Sohn ihres Staates und der Stadt Budapest stolz zu sein. Die großzügige Aktion ist in den Händen des „Zsidö-Szemle"- Kreises schon auf das Format der alljährlichen intimen zionistischen Herzl-Feier zusammengeschrumpft und zur Stunde streiten die Herren auch noch untereinander, wer die Redner dieser kleinen Feier sein sollen. Dieser Fall, dessen kleinliche, lächerliche Details einer näheren Besprechung unwürdig sind, ist nur ein Schulbeispiel für die ganze Tätigkeit dieses Kreises. Budapest, 14. Juli 1929. S. B. rnnrnm«^^ Seite 7 Das jüdische Leben in Belgien. Von J. F u ß. Die Einwanderung nach Belgien, die vor einiger Zeit gestockt hatte, hat jetzt wieder eingesetzt und schreitet normal fort. Wenn man durch die Straßen Antwerpens odi&r Brüssels geht, sieht man Gesichter, die an polnische, rumänische oder litauische Juden erinnern. Es sind dies die neu angekommenen Einwanderer, die auf der Arbeitssuche sind5. In den meisten Fällen finden sie sehr bald Gelegenheitsarbeit; in Antwerpen in der Diamantenindustrie und An Brüssel in der Feinlederwarenindustrie, denn beide Industriezweige sind in jüdischen Händen. Die jüdischen Viertel von Antwerpen sind für ihre Bevölkerung zu klein geworden, deshalb werden neue Straßen von Juden in Beschlag genommen. Ganze Judenviertel sind über Nacht, wie aus der Erde gestampft, neu entstanden, und manchmal steht man plötzlich mitten in einer Straße von Antwerpen still und fragt sich, ob man in Belgien, in Warschau oder' in Berditschew ist. Es ist so weit, daß eines der neuen jüdischen Viertel von den Antwerpener Juden tatsächlich nach einem Warschauer jüdischen Viertel Nalewki genannt wird. Die Regierung begünstigt offensichtlich diese neue Einwanderung, die zweifellos Handel und Industrie im Lande belebt, insbesondere die Diamantenindustrie. worin Belgien mit Holland konkurriert. Aber es gibt natürlich auch Schwierigkeiten, denen die Juden in Belgien gegenüberstehen, und das ist die Frage des Bürgerrechts. Ungeachtet der freundlichen Beziehungein zwischen den Juden und den Behörden sind 95 Prozent der Juden in Belgien „Ausländer". Neuerdings ist eine kleine Besserung in dieser Hinsicht zu verzeichnen. Dank der Bemühungen der sozialistischen Deputierten wurden mehrerei hundert Juden naturalisiert. Aber die Schwierigkeiten in bezug auf die jüdischen Massen bleiben. Trotzdem empfinden die, belgischen Juden ihre staatliche Rechtlosigkeit sehr wenig; sie leiden nicht allzu sehr darunter, daß sie formal Ausländer sind. Die Regierung behandelt sie wie Belgier. Sie gewährt den jüdischen Gemeinden und den Talmud Thoras Subventionen und neuerdings bewilligte sie eine Subvention für eine jiddische Schule in der Art der Schulen in Polen. Die. Leiter des jüdischen Hauptwohlfahrtsamtes wurden jüngst vom König ausgezeichnet. Professor Ginsburg, der Vorsitzende, bekam den Leopoldsorden und die anderen Komiteemitglieder wurden zu Rittern des Kronardens ernannt. Eine Woche vorher rief die Regierung eine, Einwanderungskommission ins Leben und ernannte M. Tolkowski, den Präsiden" ten der Jüdischen Emigrationsgesellschaft (Esra) zum Vizepräsidenten der Kommission. Der Präsident ist ein hoher Regierungsbeamter. Die freundliche Haltung der Regierung den Juden gegenüber hängt von keinen Partei ab, die gerade die Macht hat. Dies ist charakteristisch für Belgien. Sehr oft ist die katholische Partei den Juden gegenüber von allen am loyalsten und sie bemüht sich ebenso wie für die eigenen religiösen Institutionen auch für die religiösen Institutionen der* Juden, größere Subventionen zu erhalten. Vor drei Monaten brachte ein katholischer Abgeordneter im Parlament eine Resolution ein, um den Sonntag zum Zwangsruhetag zu machen, aber seiine Resolution wurde abgelehnt. Das jüdische Leben in Antwerpen ist voll Vitalität. Es gibt ein jüdisches Wochenblatt. Die verschiedenen jüdischen Parteien haben ein Hauptbureau in Antwerpen und im allgemeinen leben die Juden dort so sehr ihr eigenes Leben, schließen sich von ihrer Umwelt so sehr ab, daß sie. wenn sie unter diesen Bedingungen auch ihr ganzes Leben dort verbringen würden, niemals ein Wort Flämisch oder Französisch lernen könnten. Das Wachsen der jüdischen Bevölkerung in Belgien macht die Erweiterung der jlüdischen sozialen Institutionen notwendig. Man plant z. B. ein jüdisches Krankenhaus zu bauen. Für einen Juden ist es sehr schwierig, An ein Krankenhaus gehen zu müssen, in dem er: von einem Geistlichen besucht wird. Es ist z. B. in Antwerpen passiert, daß Juden während ihres Krankenlagers von Geistlichen getauft wurden, was in Antwerpen große Entrüstung hervorrief. Es gibt natürlich interne Meinungsverschiedenheiten zwischen den jiüdischen Vertretern. Das ist z. B. der Konflikt zwischen der agudistischen Gemeinschaft „Machziki1 Hadass" ■und der misrachistischen „Schomreh Hadass". Der „Schomreh Hadass", der sich selbst für die offizielle Gemeinschaft hält, Danksagung Anläßlich meines fünfzigsten Geburtstages sind mir so viele ehrende und hocherfreuende Beweise von Freundschaftzugekommen, daß ich außerstande bin, jedem einzeln geziemend Dank zu sagen. Ich spreche daher auf diesem Wege den verehrlichen Korporationen, insbesonders dem Vorstande der »Union deutschösterreichischer Juden", der „Chewrah Kadischa" und „Chewrah Delegierten", dem Kranken- und Unterstützungsverein ,,Montefiore", dem „Ersten Wiener Gewerbeverein", dem jüdischen Frauenverein „Leopoldstadt", dem „Verein zur Unterstützung alter Männer" sowie allen meinen Freunden und Bekannten meinen wärmsten und tiefgefühlten Dank aus. Wien, im Juli 1929 Paul Schwarzstein

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