Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 29 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHftHElT Im übrigen ist der Jude der Mann, der alles macht: eine Abreise organisiert, Verbindung mit anderen Städten herstellt, Briefe überbringt, Nachrichten sammelt. Natürlich sind diese Juden vermögend. Mit ihrem Geld arbeiten sie bei den russischen Beamten, genießen sie Ansehen beim Gouverneur. Zu diesen realistischen Zügen kommt nun die Idealisierung durch Geliert. Namentlich die führende Gestalt unter diesen polnischen Juden ist ein Vorläufer Nathans des Weisen. Seine Dankbarkeit gegen den Lebensretter kennt keine Grenzen. Mit seinem Geld und seiner Menschenkenntnis verschafft er dem Grafen beim Gouverneur eine gute Stellung und manche Erleichterung. Er besucht ihn regelmäßig, bringt ihm warme und neue Kleidung, schenkt ihm Geld, sorgt auch für seine Freunde, erreicht insbesondere durch Bestechung die Vereinigung des Grafen mit seinem Freunde Steeley. Zuletzt sucht er in ganz Livland und Dänemark seine Gemahlin. Er findet schließlich in Amsterdam Graf und Gräfin schon vereinigt und verlebt mit ihnen ein paar Tage gemeinsamer Rührung. Beim Abschied schenkt er ihrer Tochter ein in der Bank von Amsterdam liegendes Kapital von 10.000 Taler. Aehnlich hilfsbereit sind die anderen Juden. Immer wieder gerühmt wird die Ehrlichkeit der Juden. Sie behalten nicht einen Groschen von dem anvertrauten Geld. Die Frau des Gouverneurs meint, der Graf werde vom Juden wohl wenigstens die Hälfte des Wertes der Juwelen erhalten. Aber nein, dieser bringt den ganzen Betrag und lehnt jede Vergütung ab. Geliert würde an unseren Juden keine Freude haben, wenn er nicht auch noch ein Muster an Frömmigkeit wäre. Wenn die Sonne untergeht, schleicht er sich für eine halbe Stunde in sein Zimmer. Um die Ursache befragt, wendet er allerhand kleine Verrichtungen vor, bis man ihn endlich einmal überrascht und auf den Knien betend findet. „Sein Herz war wirklich seiner ehrlichen und einfältigen Miene gleich, und seine Sitten gefielen durch sein Herz." Kein Wunder, daß für diese Juden jeglicher Mann begeistert ist. „R. . . . begleitete den Alten etliche Meilen und konnte gar nicht aufhören, seinen uneigennützigen und großen Charakter zu bewundern. Unter allen Merkmalen der Freundschaft, die wir ihm erwiesen, rührte ihn nichts so sehr als dieses, daß ihn der Graf abmalen und das Bild in seine Studierstube setzen ließ." Geliert weiß, daß dieses Urteil weder allgemein geteilt wird, noch den ersten Eindruck im Geschäftsbetrieb auf dem Brühl im 18. Jahrhundert für sich hat: „Dieser Mann ist auf die edelste Art dankbar gewesen und hat mir bewiesen, daß es auch unter dem Volke gute Herzen gibt, das sie am wenigsten zu haben scheint." Aber Geliert sieht die Schuld bei den Christen: „Der rechtschaffne Mann! Vielleicht würden viel von diesem Volke beßre Herzen haben, wenn wir sie nicht durch Verachtung und listige Gewalttätigkeit noch mehr niederträchtig und betrügerisch in ihren Handlungen machten und sie nicht oft durch unsere Aufführung nötigten, unsere Religion zu hassen." Diese Gellertschen Judengestalten hellen ein wenig die in den Akten verschwiegene imponderabile Seite der Meßjudenfrage auf. Sie bestätigen es, daß dem Leipziger Durchschnittsbürger um 1750 der östliche Meßjude eine sehr bekannte, aber verächtliche Figur war. Daß man ihm schmutzigen Charakter und Haß gegen das Christentum zutraute. Aber eben in diesen Jahren entdeckt der fortschrittliche Teil der Leipziger Bevölkerung den Menschen im Juden. Geliert ist keine selbständige Natur. Er steht mit seinen Anschauungen gewiß nicht allein. Durch ihn reden die Kreise, die durch die moralischen Wochenschriften und Richardson, durch Gottsched und die Bremer Beiträger zu höheren geistigen und sittlichen Ansprüchen erweckt worden sind. Umgekehrt muß ein Roman, der vom Publikum so verschlungen wird, wie wir das von der Schwedischen Gräfin wissen, die judenfreundliche Stimmung außerordentlich verstärken, ganz besonders in dem Leipzig, das Geliert vergöttert. Dann ist es vielleicht doch kein Zufall und auch nicht bloße Ermattung, wenn von den grundsätzlichen Angriffen auf die Juden durch Kaufleute, Rat und demgemäß Stände von jetzt an wenigstens die Meßjuden verschont bleiben. Und es dürfte erst recht nicht bloßer Zufall sein, daß in demselben Jahr 1747 der Berichterstatter der Commerciendeputation, wenn auch mit rein fiskalischen und volkswirtschaftlichen Gründen, doch für die Menschenwürde der polnischen Meßjuden eintritt und daß der Kurfürst nur ein Jahr später den gewiß oft recht unglimpflichen Zollbeamten befiehlt, die reisenden Juden mit allem Glimpf zu behandeln und 1753 ihnen verbietet, von den reisenden Juden Discretiones zu fordern oder anzunehmen. In der Einführung sympathischer Juden ist Geliert allerdings abhängig von Richardsons etwa 1740 erschienenen Pamela, deren Einfluß auf seine Gräfin auch sonst feststeht. Doch ist darum nichts von dem oben Behaupteten zurückzunehmen. Die Juden in der Pamela sind doch sehr nebensächlich und farblos. Erst Geliert läßt auf seine Juden grellstes Licht fallen und gibt ihnen die konkreten ostjüdischen Züge. 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