Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 29 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 würfe zu Fragen der Bevölkerungspolitik" ausführte, die Gesetzgebung wirtschaftliche Hindernisse wegschaffen und bis zu einem gewissen Grade lindern. Im Hinblick auf die bevölkerungspolitische Wirkung ging Fräulein Dr. Berent dann sehr eingehend auf den Gesetzentwurf über die rechtliche Stellung des unehelichen Kindes ein. Dieser Entwurf ist für die jüdische Gemeinschaft von großer Bedeutung, da die Zahl der unehelichen Kinder bei den Juden in demselben Umfang wie in der nichtjüdischen Bevölkerung im Wachsen begriffen ist. Bemerkenswert ist die Feststellung, daß die Sterblichkeit bei den jüdischen ehelichen Kindern wohl etwas geringer als die der unehelichen, aber die der unehelichen jüdischen Kinder größer ist, als die der nichtjüdischen. Zu den unehelichen sind die Kinder aus nur rituell getrauten Ehen zu rechnen. Für die soziale Arbeit sind schließlich noch die Fragen der Adoption, die erleichtert werden soll, und die der Pflegekindschaft im Entwurf geregelt. Der letzte Verhandlungstag war der eigentlichen internen Bundesarbeit bestimmt. Nach dem Geschäftsbericht von Fräulein Hannah Karminsky erfolgten die Berichte der einzelnen Kommissionen. Den letzten Teil der Tagung nimmt die Erörterung eingegangener Anregungen und der Anträge ein, zu denen unter anderen folgende Beschlüsse gefaßt wurden: für die schulentlassene Jugend sollen hauswirtschaftliche Kurse, für in der sozialen Arbeit stehende Frauen Fortschulungskurse eingerichtet werden. Die bisherige Vorsitzende, Frau Bettina Brenner, wurde wiedergewählt. Den Abschluß und Höhepunkt der offiziellen Tagungen des Jüdischen Frauenbundes bildete die unter Leitung der Frau Paula Ollendorff stehende Kundgebung am Dienstagabend im Herrenhause. Führende Frauen aus England (Frau Henriques-New York), Holland (Frau Schwimmer-Amsterdam, Frau Polak-Haag), Amerika (Frau Ethel Sternberger), Schweiz (Frau Abraham-Zürich), Polen (Frau Dr. Reichenstein-Lemberg), Palästina (Frau Helene Hanna Thon-Jerusalem) berichteten über jüdisches Leben in ihren Ländern, die Stellung der jüdischen Frauen, ihre Leistungen auf sozialem Gebiet und über die Organisationsformen und Einrichtungen sozialer Frauenarbeit. In fast jedem Lande liegt der Schwerpunkt der Arbeit auf einem anderen Gebiete: so ist es in England die jüdische Settlementsidee, in Polen die Idee der konstruktiven Hilfe: Berufsumschichtung, hausfrauliche Erziehung, und in Palästina gilt es, aus dem Judentum eine ganz neue Volksgemeinschaft mit eigener Sprache zu schaffen. Die Frauen in Holland und in der Schweiz sind dabei, sich in der ähnlichen Art zu organisieren, wie der Jüdische Frauenbund in Deutschland Eine .ganz besondere Stellung nimmt Amerika ein. Dort beherrscht die Idee des Weltfriedens alles Tun und Streben der jüdischen Frauen, ihre Arbeit ist z. B. besser ausgebaut als in den anderen Ländern, z. B. die Berufsumschichtung und die Mädchen- und Frauenschutzarbeit. Der Dank der Versammlung an die Begründerin und Präsidentin des neubegründeten Frauenweltbundes. Frau Rebekka Kohut (New York), wurde von der Leiterin, Frau Paula Oliendorff, zum Ausdruck gebracht. Frau Dr. E s c h e 1 b a c h e r, die Seniorin des Jüdischen Frauenbundes, schloß die große Versammlung, die den interessanten Reden mit größter Aufmerksamkeit folgte, mit der Feststellung, daß in allen Ländern die Juden eine Schicksalsgemeinschaft und darum die Pflichten die gleichen sind, die in dem Gedanken des Weltfriedens gipfeln. WOHNHAUS bestehend aus Zimmer, Kabinett und Küche ist in Lackenbach, Burgenland, bei Frau Hermine Louria umS 2500 —zu verkaufen oder gegen Wiener Wohnung zu tauschen. Geliert und die Ostjuden auf der Leipziger Messe. Von Dr. Fritz Koitzsch. Soeben ist ein interessanter Beitrag zur Geschichte der Juden in Sachsen als Leipziger Dissertation in Druck erschienen. Der Verfasser ist Dr. Fritz Koitzsch, der Sohn des im vorigen Jahre verstorbenen Dresdner Generalsuperintendenten. Die Dissertation, die Kursachsen und die Juden in der Zeit des Grafen Brühl behandelt, ist mit Unterstützung der Dr.-Jakob-Winter-Stiftung sowie des Sächsischen israelitischen Gemeindeverbandes gedruckt worden. Das Buch ist zum Preie von M. 5.— im Israelitischen Gemeindeamt zu Dresden, Zeughausstraße 3, zu haben. Die Redaktion. In der Mitte des 18. Jahrhunderts hält der Leipziger Meßjude, und zwar besonders der östliche, seinen Einzug in die deutsche Literatur. 1747 erscheint Christian Fürchtegott Gellerts Roman „Leben der schwedischen Gräfin von G .. in zwei Teilen. Im zweiten Teil spielt ein polnischer Jude eine sehr wichtige und günstige Rolle, zusammen mit seinen Stammesgenossen. Zwar fällt kein Wort von Leipzig und der Messe. Aber wo sollte denn Geliert, der aus Sachsen kaum herausgekommen ist und 1747 seit sieben Jahren in Leipzig lebt, die polnischen Juden sonst kennengelernt haben, wenn nicht auf der Messe? In der Tat passen alle Einzelheiten zum Typus der Meßjuden aus dem Osten. „Sein grauer Bart und sein langer polnischer Pelz gaben ihm ein recht ehrwürdiges Aussehen." In der Nähe von Tobolsk, wo er als russischer Kriegsgefangener auf Zobel ausgehen muß, lernt ihn der schwedische Graf kennen. Er rettet hier den Juden aus dem Schnee, in dem der, mit dem Pferd hineingefallen, fast schon erfroren war. Der Jude scheint also Pelzhändler zu sein. Er hat seine Heimat in Polen und kommt nach Sibirien nur um seines Geschäftes willen. Ebenso reisen mehrere Moskauer Juden nach Tobolsk. Andere Juden haben dort ihren ständigen Wohnsitz und dienen den polnisch-russischen Juden als Korrespondenten. Anderseits reist der polnische Jude auch in Geschäften nach Livland, Dänemark und Amsterdam. Wie von den weitausgreifenden internationalen Beziehungen, so hat Geliert auch von der geschäftlichen Tätigkeit dieser Juden eine klare Vorstellung. Neben denen, die von Moskau und Polen nach Sibirien reisen, um dort an Ort und Stelle Pelze einzukaufen, die sie dann wahrscheinlich bis nach Holland bringen, steht der jüdische Juwelenhändler und vor allem der jüdische Geldmann. Bei den Juden deponiert der Graf in Tobolsk sein Geld, sie geben ihm Anweisungen auf andere Juden. Diese wieder warnen ihn, bei den unsicheren Wegverhältnissen das bare Geld mit nach Moskau zu nehmen, und geben ihm statt dessen Wechsel auf einen dortigen Juden. Dieser ist unglücklicherweise im entscheidenden Augenblick nicht zahlungsfähig. Aber seine Mitbrüder versichern, daß sie in einem Jahr für ihn zahlen werden.