Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 29 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064225--17321-3087438- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 DIE WAHRHEIT ist nicht aus NützlichkeitserwägiHigen geschaffen, sondern aus dem Gedanken, daß der Gesamtheit der Frauen etwas Besonderes gegeben wird. Nach verschiedenen Begrüßungsansprachen dankte die Vorsitzende des Frauenbundes, Frau Brenner, allen für ihre Worte. Die Feier war von künstlerischen Darbietungen umrahmt. Der Abend vereinte alle Gäste in den schönen Logenräumen zu einem festlichen Mahl. Frau Bertha Falkenberg, deren Organisationsgabe und deren aufopfernde Vorarbeit den schönen Rahmen für die ganze Tagung geschaffen hatte, sprach herzliche Begrüßungsworte. Am Montag vormittags eröffnete Frau Brenner, die die ganze Tagung zielsicher leitete, die Arbeitssitzung mit einem Ueberblick über Ideen, Aufgabenkreis und Entwicklung des jüdischen Frauenbundes. Frau Paula Ollendorff (Breslau), gab einen Rückblick über „25 Jahre Jüdischer Frauenbund". Sie gedenkt der Gründerinnen und Führerinnen des Bundes: Bertha Pappenheim, Sidonie Werner und Henriette May und betont, daß der Frauenbund mit seinen 35 Ortsgruppen. 11 Landesverbänden und 400 angeschlossenen Vereinen, die insgesamt 52.000 Mitglieder darstellen, ein sehr beachtenswerter Faktor im Frauenleben Deutschlands ist. Sie sieht die Stärke des Bundes darin, daß er in alter jüdischer Ethik und Tradition wurzelt und einen Maßstab modernen Frauenempfindens an alles soziale Geschehen legt. In großen Zügen zeichnet sie die soziale Arbeit des Bundes. Hannah Karminski hält unter dem Gedanken: Ausblick ein großangelegtes und formvollendetes Referat, in dem sie die Entwicklung und den Ausbau des Bundes schildert. Sie betont die Neutralität des Bundes und sieht in der sachlichen Arbeit die Möglichkeit, über Parteien und Richtungen hinweg zu wahren Leistungen zu kommen. Sie befürwortet warm die Heranziehung berufstätiger Frauen und Mädchen und die intensive Mitarbeit jüngerer Frauen, damit der Nachwuchs im Bunde gesichert und eine Generation, die in der neuen Zeit herangewachsen ist und ihre Probleme kennt, stärker in die Bundesarbeit eingegliedert wird. Frau Berta Eschelbacher (Düsseldorf) sprach über die soziale Arbeit der jüdischen Frauenvereine. Sie führte ungefähr aus: Bereits seit 150 Jahren bestehen Frauenvereine in allen Gemeinden. Ihrer Entstehung liegt der alte Chewrahgedanke zugrunde. Der Pflichtenkreis hat sich im Laufe der Zeit zum Teil erweitert, zum Teil kelbraunen, glänzenden Flecken auf dem Gefieder, die sie seit Monaten vor dem blinkenden Schlachtmesser des Schochet schützte. Seit zwei Jahren hing ihr kleines Herz mit unwandelbarer Treue an dem Hund Lemko, der sie wie eine unumschränkte Herrin des Hauses verehrte und ihr allein unbedingt gehorchte. „Du kannst mitkommen, Großmütterchen," antwortete Rabbi Akiba, „den Lemko mußt du daheim lassen. Ein Hund darf nicht auf den Friedhof kommen, wenn es auch ein so frommer Hund ist wie der deinige." Er faßte das Kind bei der Hand und wir brachen auf. Aber Lemko wollte nicht von Großmütterchens Seite weichen. „Du mußt zu Hause bleiben, hörst du, dummer Kerl!" redete sie ihm gütlich zu. „Ich komme bald wieder, dann kannst du mit mir spielen." Lemko hatte seine langen weiten Ohrwatscheln heruntergelassen und tat, als ob er kein Wort verstünde. „Jag* ihn doch davon," sagte jemand aus der Gesellschaft und hob den Stock. „Nicht schlagen!" schrie Großmütterchen und schlang ihre Arme schützend um den stolzen, gebogenen Nacken ihres Freundes, der seine Herrin an Größe überragte. „Lemko, lieber, süßer Lemko, geh doch nur hinein, sonst darf ich doch nicht mit. Sie wollen mich ja nicht mitnehmen, wenn du mit dabei bist," bat Großmütterchen, fast dem Weinen nahe. Lemko hob seinen feinen, schmalen Kopf, betrachtete uns alle der Reihe nach mit seinen klugen braunen Augen, dann schüttelte er etwas ungeduldig sein prachtvolles braunes Fell und schmiegte sich nur fester an seine Gebieterin. Er dachte offenbar nicht daran, daheim zu bleiben. „Bring* mal das Siddur heraus," rief unser Lehrer. Lemko war nämlich, obgleich unser Hausgenosse und Großmütterchens erklärter Liebling, immerhin seiner Rasse spezialisiert. Die Rednerin zeichnet ein Bild der mannigfachen Formen, in denen sich die Frauenvereine auf allen Gebieten des sozialen Lebens betätigen. Fräulein Frieda W e i n r e i c h, Referentin der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, sprach über Soziale Arbeit als Beruf. Sie ging von den Gründen aus, welche die karitative soziale Betätigung in Berufsarbeit gewandelt habe: die Frauenbewegung, die Ausbreitung der Arbeitsgebiete und die sachliche Berufsausbildung, deren Anfänge 30 Jahre zurückliegen. Die Ausführungen behandelten das Arbeitsfeld der Fürsorgerin, die menschlichen und fachlichen Voraussetzungen, die Vor- und Ausbildung, die mit der staatlichen Anerkennung abschließt. Besonders betont wurde, daß die ehrenamtliche Arbeit neben der beruflichen nicht entbehrt werden kann, aber beides muß Hand in Hand geschehen. Die geschulte Kraft bedeutet für die Fürsorgestellen keineswegs eine finanzielle Belastung, da sie alle Ouellen der behördlichen Fürsorgestellen auszuschöpfen weiß. lieber die Weltkonferenz jüdischer Frauen in Hamburg berichtete Frau Helene Meyer (Berlin). Jüdisches Leben schaffen und jüdisches wertvolles Leben erhalten, war die Leistung der Frau in der Vergangenheit, und das wird auch die Aufgabe der jüdischen Frau in der Gegenwart und Zukunft sein. Von diesem Gedanken ging Fräulein Prof. Selma Meyer (Düsseldorf) in ihrem Vortrag: „Die bevölkerungspolitischen Aufgaben der jüdischen Frau in Deutschland" aus. Die Abkehr von der jüdischen Tradition, die Zunahme der Mischehen, die Beschränkung der Kinderzahl, die auch ohne wirtschaftliche Not zu beobachten ist, bedeuten große Gefahren für die jüdische Bevölkerung. Eine wichtige bevölkerungspolitische Aufgabe ist es, jedes geborene Kind aufzuziehen. Dafür muß unter Umständen die Gemeinschaft eintreten. Notwendig ist die Schaffung von Wohnungen und der Ausbau aller übrigen wohlfahrtspflegerischen Maßnahmen zugunsten der Fürsorge, für Mutter und Kind. Hier kommt staatliche und kommunale Hilfe in Frage, aber auch die jüdischen Gemeinden müßten mehr als bisher aktive Bevölkerungspolitik treiben. Unter den Maßnahmen zur Förderung der Bevölkerungspolitik nennt Prof. Meyer die Förderung jüdischer Ehen und die Sorge um die Qualität des Nachwuchses. Wenn man auch mit Gesetzen zur Bevölkerungspolitik wenig beitragen kann, da auf gesetzgeberischem Gebiete die Grenzen eng sind, so kann doch, wie Frl. R.-A. Dr. Margarete Berent in ihrem Vortrage: „Neuere Gesetzen t- und Abstammung nach, ein unreines Tier. In seiner Gegenwart durfte eine heilige Handlung, zum Beispiel ein Gebet, nicht verrichtet werden. Da er aber das Recht beanspruchte, überall mit dabei zu sein, sich mit den Kindern auf dem Boden herumwälzte, und bei Tische zu Großmütterchens Füßen lag, so hatten wir ihn derart abgerichtet, daß er sich jedesmal, wenn seine Anwesenheit nicht erwünscht war, von selber entfernte, ohne daß wir nötig hatten, unhöflich gegen ihn zu sein. Sobald wir nach der Mahlzeit das Tischgebet sprechen wollten, schlugen wir das Siddur auf und zeigten es ihm von der Ferne. Sogleich erhob er sich, nahm den Schweif zwischen die Beine und schritt stolz erhobenen Hauptes zur Tür hinaus, als wollte er sagen: ..Ich wünsche Sie nicht länger aufzuhalten, meine Herschaften." Auch jetzt wurde das Siddur herausgebracht, aufgeschlagen und hochgehalten. Lemko schien anfangs erstaunt und schnupperte in der Luft umher. Was fiel diesen Leuten ein, da draußen unter Gottes freiem Himmel, mitten am helllichten Tage mit diesem Zaubejding herumzufuchteln und ihn wegschicken zu wollen? Eine Weile überlegte er, dann sagte er sich: ich bin der Klügere — und gab nach. Er leckte meiner Gebieterin die Hand, hob den Schweif in die Höhe und wandte sich gemessenen Schrittes dem Haustor zu. Unterwegs wich ihm Reb Chajkel im weiten Bogen aus. Er hatte soeben ausgeschlafen und wollte mit uns auf den Friedhof. „Beinahe hättet Ihr mich zu Hause vergessen," jammerte er. „Aber, aber . . . habt Ihr Knoblauch mitgenommen? Wüs nützt die ganze Sache ohne Knoblauch! Alan muß doch den Toten Knoblauch zuwerfen. Großmütterchen, lauf nur hinein und laß dir ein paar Häuntchen geben." „Nicht nötig," sagte unser Lehrer, und wir brachen auf. „Aber, Rabbi Akiba, wie kann man am neunten Ab ohne Knoblauch auf den heiligen Ort gehen? Das ist ja ein heiliger Minhag, unsere Vorfahren übten ihn seit ewigen Zeiten," (Fortsetzung folgt.)