Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 29 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 tum ist ein anderer wohldurchdachter Versuch, jene selben geistigen Realitäten zu erkennen und auszulegen, deren Ergebnisse es aber in Ausdrücken von Christus darlegte. Da die Maßstäbe ganz verschiedener Art waren, in dem einen Fall eine Idee, in dem anderen Fall ieine Person, so unterschieden sich die Ausdrücke, in denen die Ergebnisse des einen vorgebracht wurden, sehr von denen des anderen- Aber beide beschäftigten sich mit denselben geistigen Realitäten, und der eine sah, was der andere sah, wenn er es auch nicht in derselben Weise beschrieb und nicht dieselben Schlußfolgerungen daraus zog. Deshalb hat jeder seine Lebensb'erechtigung, und wenn auch die Anhänger jeder der beiden Religionen" die Befriedigung ihrer geistigen Bedürfnisse, wie ganz natürlich ist, in ihrer eigenen Religionsform finden, so ist keiner berechtigt, die Gültigkeit der anderen zu leugnen. Keiner kann den Anspruch erheben, die absolute Religion zu sein. Vielleicht ist eine absolute Religion überhaupt nicht möglich. Aber der Anspruch einer bestehenden Religion auf Absolutheit ist durch seine bloße Behauptung noch nicht berechtigt. Wenn der Anspruch durch das Christentum oder zu seinen Gunsten erhoben wird, so erhebt sich die Frage, welcher von all den verschiedenen Typen des Christentums wohl der richtige sei. Wenn einer von diesen die absolute Religion wäre, so müßte er ihren Anspruch gegen alle übrigen behaupten, die ihn bisher nicht anerkannt haben. Und selbst als die Kirche noch ungeteilt war und noch mit einigem Rechte den Anspruch erheben konnte, das Christentum als Ganzes zu vertreten, so war dennoch ihr Prinjzip nulla salus extra ecclesiam auch nur für sie selbst gültig, außer sie faßte es in einem ganz anderen Sinne auf. Denn in „Wenn Ihr dann mit frischer Kraft anfangt zu trauern, wegen der Schechinah, die in der Verbannung ist, wird das der Schechinah sehr tröstlich sein." „Hm," seufzte Reb Chajkel, „aber ich habe heute noch nicht Tefillin gelegt . . ." ..Ah, das habe ich ganz vergessen. Jedenfalls würde euch bloßer> Kaffee mit Sahne gut schmecken. Aber was nützt bloßer Kaffee ohne Pfannkuchen dazu? So gut wie gar nichts." „Eine Tasse Kaffee? . . . Hm, ja, der heilige Zaddik von Sadagora trinkt auch ein Täßchen Kaffee am neunten Ab zu Mittag, er ist leidend, und er muß sich die Gesundheit erhalten, denn er tut immerdar Fürbitte bei Gott für das ganze Volk Israel . . ." „Dann dürftet Ihr wohl ohne Bedenken zwei Täßchen Kaffee trinken, solchen duftenden Kaffee, mit dicker, goldgelber Haut . . ." Reb Chajkel ging immer aufgeregter hin und her und fuhr immer heftiger in seinem weiten Kaftan herum. „Na, wenn Ihr ihn auf keinen Fall jetzt trinken wollt, bekommt Ihr ihn abends, dazu ein großes Stück Butterkuchen, knusprig und mürbe, Ihr wißt ja sehr wohl, wie das schmeckt." „Ich habe ein starkes Herznagen . . . aber man muß sich peinigen, die Schechinah ist in der Verbannung . . ." Er seufzte schwer. „Ein Stück Rinderbraten mit Apfelkompott schmeckt auch nicht schlecht," fing meine Mutter wieder an. „Aber das bekommt Ihr erst morgen abend. Heute muß man seinen Leib peinigen. Die Schechinah ist in der Verbannung." „Du redest Kindereien," sagte meine Großmutter. „Für Reb Chajkel ist das gar keine Peinigung, wie für uns gewöhnliche Leute. Wenn er sich die Pfeife anzündet und an den Himmel denkt, vergißt er alle gemeine Bedürfnisse des Leibes." „Gewiß, gewiß," brummte Reb Chajkel und tat einen tiefen Zug aus der Pfeife. „Ich habe ein starkes Herznagen... dem Sinne, wie die Kirche salus meinte, gab es gewiß nicht salus und kein Verlangen danach extra ecclesiam. Als ein Beweis gegen die Gültigkeit des Judentums oder gegen irgendeine nichtchristliche Religion ist diese Ansicht völlig wertlos. (Schluß folgt.) Die Jubiläumstagung des Jüdischen Frauenbundes. Die Jubiläumstagung des Jüdischen Frauenbundes, die am Sonntag, den 9. Juni, in Berlin mit einem Festakt in der Hochschule für Musik eröffnet wurde, stand ganz im Zeichen der kurz vorangegangenen Gründung des Weltbundes jüdischer Frauen, über die wir jüngst ausführlich berichteten. Die jüdischen Frauen aus Deutschland, die an der Hamburger Tagung teilgenommen hatten, waren von dem Erlebnis noch ganz erfüllt, zahlreiche Vertreterinnen des Auslandes waren auch noch bei der Jubiläumsfeier anwesend. Es liegt im Wesen einer Jubiläumstagung, daß der Blick sich rückwärts wendet und das Gewordene von seinem ersten Werden an betrachtet. So gab Herr Dr. B a e c k in seiner Weiherede einen Ueberblick über die Entwicklung der allgemeinen Frauenbewegung, aus der sich die jüdische in ihrer Besonderheit herauskristallisierte. Inhalt eines jeden Menschenlebens ist Kampf mit seinem Schicksal. Noch schicksalsgebundener als der Mann ist die Frau. Es ist ihre Wesensart, empfangend, tragend, leidend zu sein. Die Frauen der vergangenen Generationen litten nicht nur unter diesem ihrem Frauentum, sondern auch darunter, daß sie durch das Dogma der Sitte in ihrer freien Entfaltung gehemmt wurden. Gegen dieses Dogma haben sich die Frauen erhoben. Anfangs war die Frauenbewegung ein Kampf um Gleichheit der Bildung und des Berufes. Allmählich aber erwachte in den Frauen das Bewußtsein, daß sie der Kultur weit größere Dinge leisten, wenn sie, statt nach Gleichheit zu streben, die Ungleichheit, ihre Andersartigkeit hineintragen. Anfangs glaubten die jüdischen Frauen, in der allgemeinen Frauenbewegung aufgehen zu müssen, und es ist das große Verdienst der Gründerinnen des rüdischen Frauenbundes, die jüdische Frau zu sich selbst zurückgeführt zu haben. Der Jüdische Frauenbund der Zaddik von Sadagora trinkt Kaffee am neunten Ab um die Mittagszeit . . . aber man muß sich peinigen ... die Schechinah . . . hm . . . Ich habe nämlich ein starkes Herznagen .. „Wenn Ihr trotzdem nicht einmal eine Tasse Kaffee trinken wollt, werde ich euch natürlich nicht dazu bereden," sagte meine Mutter. „Am Abend wird es euch um so besser schmecken." Als die Sonne sich ihrem Höhepunkt näherte und es sehr heiß wurde, rief uns unser Lehrer zusammen und sagte: „Na, Kinder, jetzt gehen wir auf den heiligen Ort" Das sollte ein schöner Spaziergang werden, eine gute Viertelmeile weit, durch die Felder bergauf, über gewundene Wege und Stege. Dort lag auf einem Hochplateau ein kleiner jüdischer Friedhof: von dichten alten Bäumen beschattet, ragten etwa hundert halbverwitterte Grabsteine mit schwer lesbaren Inschriften in schönen, altfränkischen Zügen. Eine halbverfallene niedrige Mauer umgab den ..heiligen Ort", und rings zog sich ein Graben hin, angefüllt mit Schlingpflanzen und Unkraut. Ueber eine kleine morsche Brücke gelangte man ins Innere. Der Friedhof war seit Jahren geschlossen, nur im Monat Ellul gingen die erwachsenen Männer dorthin, um die üblichen Totengebete zu verrichten: die Frauen zogen Fäden ringsum um die Grabstätten und flochten sie dann in die großen dicken Wachskerzen für den Jörn Kippur. Aber am neunten Ab pilgerten alle, die abkommen konnten, dorthin: man nahm sogar die Knaben mit. „Darf ich auch mitkommen?" fragte meine achtjährige Schwester, die in Begleitung ihres mächtigen LieHing^himdcs Lemko herbeisprang. Sie führte die Herrschaft üben den gesamten Hühnerhof und alles Kleinvieh im Haushalt und entfaltete einen komischen Ernst, der ihr den Namen „Großmütterchen" eintrug. Sie hatte unter den Tieren ihre besonderen Lieblinge; eine große prachtvolle gelbe Henne mit dun-