Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 29 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEll Gott der menschlichen Seele gezeigt hatte. Wenn wir mit Ehrfurcht von der göttlichen Vorsehung sprechen, wie sie sich in der religiösen Erziehung der Menschheit offenbart, können wir da nicht sagen, daß diese Vorsehung zu ihrer Erfüllung diese beiden Religionen benötigte und nicht nur die eine? Dieser Auffassung trete man nicht dadurch entgegen, daß man sagt, das Christentum habe das Beste in der jüdischen Religion angenommen und es mit dem Besten in der heidnischen Religion verbunden, auf welche Weise es die einzige, höchste Weltreligion wurde. Meine Ansicht ist, daß, wenn auch das Christentum aus diesen beiden Quellen geschöpft hatte und dadurch das wurde, als was es in der Geschichte erscheint, daß es dennoch das Judentum als sein Korrelat brauchte, weil das Judentum religiöse Elemente vertrat, die im Christentum nicht vorhanden waren und auch mit ihm unvereinbar waren. Welche Rolle das Christentum auch immer in der göttlichen Vorsehung für die Menschheit zu spielen bestimmt war, es konnte diese Rolle nur spielen, wenn auch ein lebendiges Judentum vorhanden war, das teils das Christentum vor einer vollständigen Assimilation an die heidnische Religion bewahrte, und teils um andere Seiten der Offenbarung neben denen, die das Christentum bot, zu erhalten und darzustellen. Wäre das Judentum ausgestorben oder dem Christentum erlegen, so wäre die ganze Wirkung seines Daseins in der Welt verloren gegangen. Das Christentum wäre notwendigerweise an der Erfüllung seiner Aufgaben gescheitert, wenn sein Aufkommen in der Welt überhaupt irgendeinen Sinn, irgendeine Beziehung zum göttlichen Heilsplan hatte. Die christlichen Bemühungen, die Juden zu bekehren oder das Judentum zu zerstören, waren in Wirklichkeit S&MMiiiä&igm Mein erster Fasttag. (Aus den Erinnerungen des alten Professors.) Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) Unser Lehrer, Rabbi Akiba, rief uns jetzt zusammen. Wir setzten uns zur Erde auf die ausgebreiteten Matten rings im Halbkreise um ihn herum, und es wurde die Geschichte von Kamza und Bar-Kamza*) vorgetragen. Unsen Lehrer besaß gediegen chronologische Kenntnisse und hatte einen ziemlich guten Ueberblick über die weltgeschichtlichen Vorgänge, so weit sie sich aus der rabbinischen Literatur erwerben ließen. An der Hand der schlichten, naiven und innigen Schilderung der Zerstörung Jerusalems durch Titus, der Festung Tur Malka und Behars belehrte er uns. wie kleine Ereignisse große, verhängnisvolle Wirkungen nach sich ziehen, wie bedeutungslose, unbedachtsame Handlungen des einzelnen, wenn sie sich summieren, über ganze Reiche und Völker die furchtbarsten Schicksalsschläge heraufbeschwören. So verfloß uns der ganze Vormittag, indem wir den Worten unseres Lehrers zuhörten. Unterdessen lag Reb Chajkel im anstoßenden Zimmer und schnarchte friedlich. Er hielt sein Vormittagsschläfchen und sammelte Kräfte, um sich den ganzen langen Tag ungehindert der tiefen Trauer hingeben zu können. Gegen Mittag kam Reb Chajkel in das große Wirtschaftszimmer, das an die Küche grenzte. Einigemale ging er in seinen *) Gitin 56 ff. Attentate auf das eigene Leben, da es Bemühungen waren, eine Religionsform zu unterdrücken, die zwar anders war als die eigene, aber ebenso notwendig wie sie, wenn ihre eigene Aufgabe erfüllt werden sollte. Die Kirche betrachtete ein lebendiges Judentum als eine ständige Gefahr. Doch ein totes Judentum wäre ein verhängnisvolles Unheil geworden. Im Sinne des göttlichen Heilsplanes können wir weiter sagen, daß sowohl das Judentum wie das Christentum für das Werk der Erhebung und der Vergeistigung der Religion der Menschheit notwendig waren. Das Christentum als der direkte Vermittler bei diesem Werk und das Judentum als der Hüter von religiösen Elementen, von denen das Christentum für seinen unmittelbaren Zweck keinen Gebrauch machen konnte, die aber ihre Anwendung finden werden, „wenn die Fülle der Heiden eingegangen sein wird", mit anderen Worten, wenn die Welt für sie reif ist. Das Judentum wartete und wartet noch immer, nicht „aus teilweiser Blindheit, die es befallen", sondern weil das Beste, was es zu geben hat, erst Annahme finden kann, wenn das Christentum sein Werk der Vorbereitung beendet hat und die Welt für eine Religion reif ist, die schließlich die unzerstörbaren Elemente ihrer beiden Vorläufer vereinigen wird. Das ist es, was ich unter dem größeren Ganzen verstehe, in das sowohl das Judentum wie das Christentum aufgenommen werden, und in dem jeder die ihm auferlegte Rolle zu spielen haben wird. Das Judentum ist ein wohldurchdachter Versuch, die grundlegenden geistigen Realitäten zu erkennen und auszulegen, deren Ergebnisse es in Ausdrücken der Thpra geformt hat. Das Christenschlürfenden Pantoffeln hin und her, die Pfeife mit dem langen Rohr in der Hand. Mutter und Großmutter, die mit Wirtschaftsarbeiten beschäftigt waren, sahen sich an und lächelten unmerklich. „Na Reb Chajkel," sagte meine Mutter, „wie bekommt euch das Fasten? Ein schwerer Tag heute. Gott sei Dank, er ist wenigstens kühl." Reb Chajkel hielt das Gesicht abgewandt, er schaute Frauen nicht an, und hielt es auch für sündhaft, sich mit ihnen in lange Gespräche einzulassen. Meine Großmutter bemerkte: „Reb Chajkel kann sich das Fasten leicht machen, e<r braucht nur den heiligen Sohar aufzuschlagen, dann vergißt er gleich die ganze Welt ringsum." „Heute darf man den heiligen Sohar nicht lernen," erwiderte Reb Chajkel in belehrendem Ton und setzte seinen Spaziergang fort. „Ich habe ein wenig Herznagen, aber das macht nichts. Man muß sich peinigen, das Bethammikdasch*) ist heute verbrannt worden, die heilige Schechinah ist seither in der Verbannung. Man muß trauern." „Aber, wenn Ihr ein Schnäpschen zu euch nehmen wolltet, hättet Ihr mehr Kraft zum Trauern," sagte meine Mutter. „Gott soll behüten!" schrie Reb Chajkel. „Ich bin von schwacher Gesundheit, aber jetzt, gleich vor Mittag, einen Schnaps . . . ." „Und ein Stück Eierkuchen dazu," fuhr meine Mutter unbarmherzig fort, „das gäbe euch Kraft, bis zum Abend zu fasten und zu trauern. Ihr könntet später auch ein paar Käsekräpfchen oder eine Eierspeise genießen, oder meinetwegen zwei Buttersemmeln und einen Teller Rahm dazu. Das ist ja alles kein eigentliches Essen, nur ein Imbiß. Ein Mann von schwacher Gesundheit wie Ihr . . ." „Ei nein, hört auf!" rief Reb Chajkel ungeduldig. „Es. ist schon Sünde, daran zu denken." *) Der Tempel vor Jerusalem,