Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 29 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Veröffentlichungen der „Union deufsdiosferr. Juden* und den »AmflicheB Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" (iilüüÜ^'.üüülinilSMIMilllllülllllltilllllliliüiüllli Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 19. Juli 1929 Nummer 29 Judentum und Von R. Trave Das Christentum ist eine Religion, die aui dem Glauben an eine Person beruht, und der wesentliche Kern seiner Botschaft ist die Darbietung des Heils durch den Glauben an Christus. Es stellte und stellt den Glauben vor alles sonst. Das zeigt die Tatsache (wenn es überhaupt nötig ist, Beweise anzuführen), daß die Bedingung der Zugehörigkeit zar Kirche ein Glaubensbekenntnis war, das schon zu einen, sehr frühen Zeitpunkt die Foim einer Reihe von Glaubensartikeln angenommen hatte — kurzum ein Glaube. Der Glaube wurde das Einheitsband, das die Kirche zusammenhielt. Zwar hat die Kirche auch immer eine reine Moral und ein heiliges Leben gelehrt. Aber sie legte darauf nicht denselben Nachdruck wie auf den rechten Glauben. Niemals wurde jemand auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil er ein schlechter Mensch war. Mit anderen Worten: die Erfüllung des göttlichen Willens stand unter den Zielen, auf die die Kirche hinarbeitete, an zweiter Stelle und nicht an erster. Gewiß ist das eine vollkommen gültige Theorie, und die Kirche war vollständig konsequent in der Art, wie sie diese verfolgte. An ihren Ergebnissen beurteilt, ist sie das Mittel unberechenbaren Segens für die Menschheit geworden. Nun war aber das Judentum im allgemeinen und der Pharisäismus im besonderen eine Religion, die gerade die Erfüllung des göttlichen Willens an erster Stelle setzte und den Glauben an die zweite. Glauben — nicht an eine Person, sondern an Gott selbst. Der Glaube behielt deshalb im Judentum seinen ursprünglichen Sinn und wurde nie zu etwas, was ein Glaubensbekenntnis zum Ausdruck bringen konnte. Das Judentum hat nie ein Glaubensbekenntnis gehabt, wenn auch Maimonides sich bemühte, ein solches aufzustellen. Aber das Judentum hat, seitdem die Pharisäer auf den Schauplatz der Geschichte traten, die Halacha gehabt, die die *) Durch besonderes Entgegenkommen sind wir in die Lage versetzt, mit dem nachfolgenden ersten Vorabdruck die Schlußsätze des demnächst erscheinenden neuen Werkes des hervorragenden englischen Gelehrten R. Travels Herford „Die Pharisäer" (übersetzt von Dr. W. F i s c h e 1, Gustav Engel Verlag Leipzig) zu veröffentlichen. Eine Besprechung des bedeutenden Werkes behalten wir uns vor, Die Schriftleitung. Christentum*). rs Herford. Erklärung des göttlichen Willens daisteilte. Die Halacha ist das Analogon zum Glaubensbekenntnis. Ob es ihren Urhebern gelang, in ihr den göttlichen Willen völlig zu bestimmen, ist jetzt nicht die Frage. Entscheidend allein ist, daß für sie die Erfüllung des göttlichen Willens das erste und weitaus wesentlichste der Religion war, was immer sonst danach kommen mochte. Pharisäismius und Rabbinismus nahmen also eine ganz eigene Form an, die weit verschieden war von der des Christentums. Sie war eine Erklärung derselben geistigen Realitäten, wie sie auch den Christen gegenwärtig waren, aber sie beurteilte sie von anderen Voraussetzungen aus und legte auch ihre Folgerungen in anderen Ausdrücken dar. Sie war eine andersartige Religion, die also mit dem Christentum nicht in Uebereinstinimung gebracht weiden konnte, aber sie war in jeder Weise gerade so gültig und hatte ebensogut ein Recht zu leben, - - wie sie ja tatsächlich auch existiert hat und noch weiter besteht. Es ist zugegeben worden, daß das Christentum geeigneter war, der heidnischen Welt Segen?u bringen, als das Judentum. In Anbetracht des Zustandes der heidnischen Welt, wie sie damals bestand, war eine Religion mit der besonderen Anpassungsfähigkeit des Christentums für diesen Zweck die beste Religionsform. Das kann der Grund gewesen sein, warum das Christentum überhaupt aufgetreten ist und sich in der Richtung entwickelte, die es dann einschlug. Aber das heißt keineswegs, daß die Wahrheit, die das Judentum vertrat, durch das Aufkommen des Christentums unwahr wurde, noch daß das Judentum als eine selbständige Religionsform etwas von seinem vorher besessenen Wert eingebüßt hatte. Beides erfolgte ja auch nicht; und was noch mehr ist, das Judentum behielt seine Lebenskraft neben dem Christentum weiter als dauernde Mahnung, daß keine Religion, auch nicht jene besondere, all die Möglichkeiten der Offenbarung erschöpfte und das Ganze der göttlichen Vorsehung der Menschheit gegenüber umschloß. Das Christentum vertrat ein Ideal, das Judentum vertrat ein anderes, und beide Ideale waren Manifestationen dessen, was