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Die Wahrheit · 1929-07-12 · Heft 28 (12.7.1929) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 28 (12.7.1929)
Date
1929-07-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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£>IE WAHRHEIT Seite 7 Wort reden kann. Der jüdische Rechtsanwalt und der preußische Großgrundbesitzer kommen gut miteinander aus, sie lieben und achten sich als vornehme Menschen. Da ist Bertin, der jüdische Schreiber, der sich lange als Schipper an der Westfront plagte und dem der Dichter und Schriftsteller noch durch seinen Soldatenrock blickt. Auch als einfacher Soldat kann Bertin das Dichten nicht lassen. Der getaufte Arzt, der aus Davidson zu einem Widson ge-, worden ist, sucht durch schneidigen Offizierston seine Herkunft zu verdecken. Eine Reihe lebenswahrer Gestalten taucht vor uns auf, alle gut charakterisiert und aufs feinste in ihrem seelischen Sein auseinandergelegt. VIII. Die Berührung des deutschen Heeres mit der ostjüdischen Bevölkerung ist treffend geschildert; Zweig hat Verständnis für die verarmten und gequälten Leute, die ein verändertes Mittelhochdeutsch sprechen und bei denen sich hinter Armut und Not eine Kultur des Geistes findet: Der jüdische Tischler Täwje ist ein verkappter Philosoph, der tiefe Gespräche mit Grischa führt und mit seinen Thora- und Talmudsätzen beim Hobeln der Särge über den Sinn des Lebens grübelt. Die Welt des Bes Hamidrasch, des ostjüdischen Lehrhauses, wird charakterisiert, hier feiern mitten im Krieg Juden den Abschluß des Talmudstudiums, hier diskutieren Kutscher und Rabbiner die alten, schweren Probleme. Auch die Verstöße gegen die zahllosen Verordnungen der Militärbehörde hat Zweig nicht vergessen, da kauft der Händler heimlich gefälltes Holz, die Schwächen und Vorzüge der Menschen in der mißlichen Situation der Okkupation werden in fast wissenschaftlicher Exaktheit dargelegt. IX. Von seinem Erstlingswerke, den „Aufzeichnungen über eine Familie Klopfer" über „Die Novellen um Claudia" bis zu dieser neuesten Schöpfung hat Arnold Zweig einen weiten Weg als Künstler zurückgelegt; aus einem feinen, klugen Romancier ist er zu einem Dichter und Menschen von europäischem Format geworden. Dr. S. Weinberg. Briefe aus Hamburg. IV. König Fuad von Aegypten in Hamburg! In unserem kleinen Stammcafg suchte ich gestern vergeblich eine Lanze für den Aegypterkönig zu brechen. Erstens, behauptete ich, reise dieser Herrscher nicht, wie sein Vorgänger weiland Aman Ullah, der Afghanenkönig, von den Ersparnissen armer Viehzüchter in der Welt umher und zweitens sei Aegypten auf der Landkarte schon eher zu finden als das sagenhafte Afghanistan. Das alles verfing aber nicht. Meine Gegner spotteten dieser Einwände und argumentierten, daß unsere wenig rosige Finanzlage die Empfänge dieser Potentaten keineswegs rechtfertige, und wiesen dabei auf die Unterstützungssumme hin, welche die Erwerbslosen erhalten, die jedesmal bei den Empfängern Ratlosigkeit ob deren zweckmäßigen Verwendung auslöse, und dergleichen Einwende mehr. Die alte Tante am Speersort freilich meinte, das Volk habe einmal wieder Gelegenheit gehabt, seinem monarchischen Gefühl Ausdruck zu verleihen, indem es diesem leibhaftigen König zujubeln konnte! — Vive le roi! — Unter den großen Geschäftsstraßen Hamburgs darf man der modernen breiten Mönchebergstraße, die vom Rathausmarkt zum Hauptbahnhof führt, einen gewissen Vorrang zusprechen. Sehenswert und malerisch gelegen sind die alten Geschäftshäuser und Speicher im alten Stadtteile Hamburgs in der Nähe des Hafens, der, von Kanälen (Fleete) durchzogen, an die alte Lagunenstadt erinnert. Man findet ähnliche Straßenzüge in Amsterdam. Hier befinden sich Häuser aus dem 15. bzw. 16. Jahrhundert, die Denkmalsschutz genießen. Manche dieser alten Häuser sind der Stammsitz großer Weltfirmen gewesen, deren Kauffahrteischiffe die Weltmeere kreuzten, in deren Kontoren weltumspannende Pläne entworfen und transzendale Spekulationen ausgeheckt wurden. Im Gegensatz zu diesen Häusern sehen wir die Riesenbauten der neuen Kontorhäuser entstehen, diese trostlos nüchternen Ueberkasernen der Neuzeit, welche 10 bis 12 Stockwerke besitzen. Am Großhandel sind nicht wenig jüdische Firmen beteiligt, auch ruht ein Teil des Exports in jüdischen Händen- Die führenden jüdischen Bankhäuser zu nennen, dürfte sich erübrigen. Das Geschäftsleben vollzieht sich nach jahrhundertealtem Regulativ. Von 1 bis 2 Uhr mittags ist Börsenzeit. Während früher der Zylinderhut obligatorisch war, kann man, nachdem London, das Vorbild, die tägliche Kopfbedeckung tolerierte, mit jedweder anderen „Behauptung" die Börse betreten. Einen schweren Kampf führt heute die Kaufmannschaft. Männer in den besten Jahren mit vorzeitig gealterten Zügen behaupten täglich, daß es für sie unmöglich sei, ihre Existenz aufrecht zu erhalten und den Anforderungen ihres Haushalts gerecht zu werden. Sie seufzen unter diesem Joch und werden vor der Zeit dahingerafft! Noch nie erlebte der Handel solche Erschütterungen! Die Kreditverhältnisse sind heute äußerst schwierig. Das Geld ist knapp und rolliert nicht mehr, wie in früherer Zeit. Das mag in erster Linie schuld sein an der allgemeinen Misere. Aber auch die Menschen selbst sind es, die sich das Leben erschweren und zur Qual machen. Der frohe irische Wagemut, der früher die Kaufmannschaft beseelte, scheint dahin zu sein, Niemand zeigt Unternehmungslust, er beschränkt seine Maßnahmen von heute auf morgen, ist kleinlich bis zur Pfennigfuchserei geworden und unterbindet damit die Triebkraft, die das ganze kaufmännische Leben in Schwung erhalten soll. Die Erkenntnis, daß nur die Gegenseitigkeit der Interessen das Räderwerk des Erwerbslebens aufrecht erhält, das soziologische Verständnis für die Verpflichtungen der Individuen gegeneinander scheint aufgehört zu haben, und es muß leider eingestanden werden, bei uns Juden ebensowohl wie bei der christlichen Umwelt. Und das ist die Hauptursache unseres ganzen wirtschaftlichen Elends! Die Folgen zeigen sich in erschreckendem Maße. Arbeitslosigkeit, Not und Elend mehrt sich von Tag zu Tag! Die Wohlfahrtsinstitutionen sind der Lage kaum noch gewachsen. Von jüdischer Seite — das muß rückhaltslos anerkannt werden — geschieht das Menschenmöglichste! Aber, was nützt alle Opferwilligkeit dieser hochherzigen

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