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Die Wahrheit · 1929-07-12 · Heft 28 (12.7.1929) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 28 (12.7.1929)
Date
1929-07-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT auch, daß die Herren sich schon reichlich sicher fühlen müssen, und möglicherweise, nach dem bisherigen Verhalten der Behörden, allen Grund dazu haben. Es scheint angebracht, die weitere Entwicklung der Verhältnisse mit Aufmerksamkeit zu betrachten. Wenn« dereinst Oesterreich heim ins Reich findet, dann wird sich hoffentlich auch in Oesterreich der wünschenswerte Umschwung vollzogen haben. „Der Streit um den Sergeanten Grischa." i. Das grausige Geschehen der vier Kriegsjahre hat vielen Menschen die Feder in die Hand gedrückt, aber keinem war eine Formung von hinreichendem Format gelungen, die als endgültiger Ausdruck der Kriegszeit hätte befriedigen können. Arnold Zweig hat jetzt das notwendige Werk geschaffen. Sein neuer Roman*) ist ein Zeit- und Kulturdokument ersten Ranges. Gleich hervorragend durch die Gewalt der Sprache, die Wahrheit der Gestalten und die Reichweite der Perspektiven wird das Buch einen Ehrenplatz in der Weltliteratur einnehmen. — An Fülle der Schilderungen braucht es den Vergleich mit Tolstois „Krieg und Frieden" nicht zu fürchten. H. Ein Stück Menschheitsgeschichte ist hier uüt den Augen eines tiefen Menschen und großen Künstlers gesehen und mit erstaunlicher Kunst festgehalten. Gediegen und wahr bis in die kleinsten Details der soldatischen Sprache, eindringend in die Psyche jeder einzelnen Figur, vergißt Zweig doch keinen Augenblick den großen Aspekt auf das wesentliche: das Buch dringt vor bis zu letzten Problemen und gründet in einer Menschenliebe, die Kennzeichen dller großen Meisterwerke ist. Gerade durch seine saubere Sachlichkeit ist der Roman ein flammendes Manifest gegen die Sinnlosigkeit des Krieges, tm Manifest, das erschütternder wirkt als jede theoretische Darlegung. HI. Niemals ist die Seele des deutschen Soldaten, wie vier Jahre Krieg und Leiden sie formte, überzeugender vor dem Leser ausgebreitet worden. Diz Kriegsromantik leichtfertiger Erzähler ist restlos getilgt, — es bleibt das Leben der Männer, die — aus ihrem zivilen Einzeldasein gerissen — kleine Räder einer großen Maschine geworden sind, die ihren Dienst tun und die nachdenken, wie sie etwas Schmalzersatz für ihre hungernden Frauen in der Heimat auftreiben können. Zweig schildert das Leben der „Muschkoten", der Krankenschwestern, der hohen und höchsten Offiziere, der Kriegsgewinnler, der Marketender, der Feldgeistlichen, der Feldwebel und der Bevölkerung der eroberten Gebiete, kurz er macht eine Welt lebendig, er dringt ein mit tiefem Verständnis und setzt seine großen bedeuten bn Fragezeichen. Es ist selbstverständlich, daß ein Künstler vom Range eines Arnold Zweig sich von *) Arnold Zweig: „Der Streit um den Sergeanten Grischa,'' Kiepenbener Verlag, 1928. der beliebten Manier fernhält, die Menschen in edle und böse einzuteilen: seine Gestalten sind alle begreiflich gemacht, auch die Vertreter einer maß- und sinnlosen Militärpolitik sind wahr und überzeugend geschildert. Es gibt in der deutschen Literatur nur ganz wenige so trefflich gezeichneter Offizierstypen wie General von Lychow, in dem Zweig das menschlich und sittlich überaus Wertvolle des preußischen Offiziers vom alten Schlag verkörpert hat. IV. Die lebendige Fülle der Gestalten ist zentriert um das Schicksal eines russischen Gefangenen, Grischa Paprotkin, der aus dem Gefangenlager entweicht, um in die sibirische Heimat zu gelangen. Auf der Flucht legt er die Kleidung des getöteten russischen Ueberläufers Bjuschew an. Als Bjuschew wird er von der deutschen Militärpolizei gefaßt und als Spion zum Tode verurteilt. Das Urteil ber'iht auf einem Irrtum: denn der Verurteilte ist ja gar nicht Bjuschew. Divisionsgeneral und Militärgerichtsrat setzen sich für Aufhebung des Urteils ein, aber die übergeordnete Stelle verlangt und erzwingt die Exekution im Interesse der Disziplin. Um diese — nicht erfundene — Geschichte kreist der ganze Roman: der Fall des Sergeanten Grischa wird zu einem Kampf ums Recht, zu einem Schulbeispiel für die Macht des Molochs Krieg, dem „ein Menschenleben weniger gilt als eine Laus". Es zeigt die Hand eines Meisters, daß nicht große militärische Operationen im Vordergrund stehen, sondern der kleine russische Gefangene und sein Schicksal, also ein „Nichts*' im Vergleich zu den großen Völkergeschicken, aber aus diesem „Nichts" erwächst das wesentliche, V. Es ist hier nicht der Ort, die Analyse des bedeutenden Werkes weiterzutreiben und seinen künstlerischen Gehalt nach allen Seiten zu auszuwerten. An anderen Stellen wird und ist dies zum Teil bereits geschehen. Hier interessiert das Werk vom Standpunkt des Juden. VI. Zweig geht sehr eingehend auf die Juden ein, wie es nicht anders zu erwarten ist von einem Schriftsteller, der jüdische Probleme stets mit Wärme und Eifer behandelt hat („Sendung Semaels", „Das ostjüdische Antlitz", „Caliban"). Zweig, zionistisch eingestellt, schildert hier die luden einerseits als Angehörige des deutschen Heerec, anderseits als Bevölkerung der eroberten Gebiete. Auch hier hat er sich von Schematisierung ferngehalten; wie die nichtjüdischen Soldaten und Offiziere, so schildert er auch die Juden mit?hren Fehlern und Vorzügen, immer mit Meisterhand und mit liebevoller Menschlichkeit. VII. Da ist der Kriegsgerichtsrai Posnanski, stre.ng: gläubiger Jude, im Zivniberut Rechtsanwalt, der beim Stabe der Division Lychow seinen Dienst versieht, der seine Freizeit mit Lektüre klassischer Werke verbringt und der im Streit um Grischa mit Eifer und Hingabe an der Seite seines Generals für das Recht kämpft. Auch die einfachen Soldaten fühlen, daß dieser Gerichtsrat mit Offiziersrang ein lieber, umgänglicher Mensch ist, mit dem man ein

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