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Die Wahrheit · 1929-07-12 · Heft 28 (12.7.1929) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 28 (12.7.1929)
Date
1929-07-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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ßife Wahrheit Seite 5 Lage des jüdischen Volkes in der Welt eine ganz andere ist, als die der übrigen Völker. Während die meisten Völker Europas ihre selbständigen, unabhängigen Staaten haben, wohin sie mehr oder weniger gravitieren und sie auch dort, wo sie in Minderheit sind, von ihren Heimat-Staaten geschützt werden, hat das jüdische Volk keinen selbständigen Staat und die jüdische Heimstätte in Palästina kann diesbezüglich einem Staate nicht gleichwertig gehalten werden. Da weiters die Stellung der meisten Völker in Mittel- und Osteuropa auch dort, wo sie selbst nur Minoritäten bilden, dem jüdischen Volk gegenüber noch immer von blindem Haß, Neid, Mißgunst und Furcht vor einer eingebildeten Uebermacht diktiert wird, was den Kampf ums Dasein ungeheuer erschwert, ist das Gros der Juden zur Ueberzeugung gelangt, daß die jüdische Politik, wenn sie einen praktischen Erfolg haben soll, überall zunächst und hauptsächlich darauf gerichtet sein muß, die vollständige Gleichberechtigung aller Bürger, ohne Rücksicht auf Nationalität und Konfession, durchzusetzen und dies nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis. Kann man also von Assimilanten sprechen, wenn gefordert wird, die nationalen Differenzierungen der Staatsbürger in bezug auf ihre .Rechte und Pflichten zu perhorreszieren, und eine voll-ständige Gleichberechtigung aller Bürger des Staates, ohne Unterschied der Nation und Konfession, angestrebt wird? Diejenigen sind gewiß keine Assimilanten, die sich dagegen sträuben, daß unsere Kinder in separaten jüdischen Schulen erzogen werden. Sie wünschen vielmehr und fordern, daß unsere Kinder mit andersgläubigen Kindern auf derselben Schulbank sitzen und eine gemeinsame Erziehung genießen, wobei die Staatssprache als Vortragssprache zu dienen hat. Die Absonderung der Kinder in der Schule von einander nach Nationalität führt dazu, daß sich die Nationalitäten von einander seelisch entfernen und in der Folge gegen einander unduldsam sind. Insbesondere wirkt sich das den Juden gegenüber schädlich aus. Die Separierung der Kinder nach Nationalität gibt nämlich den Lehrern anderer Nationen die Möglichkeit, die Kinder antisemitisch zu erziehen, ihnen Haß und Verachtung gegen die Juden einzuimpfen, welches Gift sie dann nie mehr los werden können. Hingegen führt die gemeinsame Erziehung der Kinder, ohne Unterschied ihrer Volkszugehörigkeit, dazu, daß der Antisemitismus in der Schule nicht so leicht propagiert werden kann, daß das nicht jüdische Kind seinen jüdischen Kollegen aus eigener Wahrnehmung genau kennen lernt, in der Regel von der besten Seite und ihn dann als Erwachsener demgemäß auch zu schätzen weiß. Die politische Richtung und Tätigkeit der als „Assimilanten" verschrienen Juden stellt sich daher, bei objektiver Betrachtung, als eine für das Judentum segensreiche dar und die sogenannten Assimilanten in der Politik — meist selbstlose und opferwillige Männer — verdienen oft Bewunderung, Anerkennug und Dank für ihre gewissenhafte und erfolgreiche politische Tätigkeit im Interesse des jüdischen Volkes. (Bukowinaer Volkszeitung.) Auf Österreichs hohen Schulen. Wie das befreundete Deutsche Reich über die ständig wiederkehrenden antisemitischen Hochschulkrawalle denkt, ist dem folgenden Artikel der K. C. M i 11 e i 1 u n g e n, B e r 1 i n, 2u entnehmen. Dieses Blatt stellt das Organ der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens dar; sein Mahnwort soll an den kompetenten Stellen beherzigt werden, damit es nicht dazu komme, daß einmal der Anschluß Oesterreichs an das Deutsche Reich drüben mit Mißbehagen aufgenommen wird, well unsere Stätten des Geistes so sehr mit dem Ungeiste des Antisemitismus gesegnet sind. Der Anschluß Oesterreichs an das Reich ist jedem guten Deutschen eine bewegende Herzensfrage, für uns folglich nicht minder. Darin beirrt uns auch nicht die Tatsache, daß zuweilen vom Bruderlande Nachrichten herüberklingen, die nicht geeignet sind, alles von drüben Kommende begehrenswert erscheinen zu lassen. In einem Punkte nämlich hat Oesterreich seine Individualität in besonderem Maße zu behaupten verstanden — das ist die radauiustige Mentalität seiner Universitäten. Hierin ist man dem Reiche sogar noch überlegen, und von dort aus gesehen, müssen unsere Vöikisehen den Anschluß, den sie sonst aus kleindeutscher Einstellung heraus nicht propagieren, sicherlich willkommen heißen. Bestimmt schauen unsere Hakenkreuzler neidvoll auf das Treiben ihrer österreichischen Gesinnun^sbrüder, das sich dort drüben scheinbar ungestörter als bei uns entfalten kann. In regelmäßiger Wiederkehr berichten die Tageszeitungen von wüsten Ausschreitungen gegen jüdische Studenten, als deren Schauplatz besonders die Rampe der Wiener Universität eine traurige Berühmtheit erlangt hat. Erst in den jüngsten Tagen hat die Presse abermals Aehniiches gemeldet. Wir brauchen hier Einzelheiten nichi zu bringen, weil sie eben durch die Tagespresse bekannt geworden sind, grundsätzlich aber wollen wir doc i einmal die Frage stellen: Wie ist es möglich, daß jahrelang, länger als ein Jahrzehnt, immer und immer wieder Rüpeleien und Anpöbelungen schlimmster Sorte gegen fned liehe Bürger der Universitäten geschehen können? Haben die hakenkreuzlerischen Studenten in Oesterreich soviel Macht und Ansehen, daß keine Behörde ihrem Terror vorbeugen kann? Was helfen nachherige Untersuchungen und Ermittlungen selbst wenn sie energischer angepackt werden, als es vielleicht der Fall ist — wenn nicht endlich eimr.al in durchgreifender Weise das ganze Nest ausgeräuchert wird! Wir entnehmen aus den Zeitungen, daß auf Grund der letzten Vorkommnisse der Rektor die eintägige Schließung der Wiener Universität verfügt hat. Das ist das Ausholen zu einem energischen Schlage — hoffentlich trifft der Schlag nicht ins Leere. Sehr bedenklich stimmt es, zu erfahren, daß die hakenkreuzlerischen Studenten sich ru» d\ve£ geweigert haben, irgendwie für die Folgezeit Loyalitätserklärungen abzugeben. Abgesehen davon, daß die traurigen Helden dadurch beweisen, wie sehr sie ihren Beruf verfehlt haben, der ja doch geistig erfühlt und erfüllt sein soll — leider beweist dies

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