Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 28 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT eine solche Auffassung einzelner Gemeindebehörden in Oesterreich zu hören. Der praktische Wert einer solchen Aktion kann indes nicht sehr groß sein. Eine Sommerfrische, die nur unter dem Druck einer Regierungsentscheidung ihren verfassungswidrigen Beschluß annulliert und sich dazu bequemt, Juden zu „dulden", dürfte auch dann keinen großen Anreiz auf jüdische Besucher ausüben." Zur Abwehr derartiger Mißstände wird dann im weiteren die von der „U n i ö n d e u t s c Ii ö s t e r r e i c h i s c h e r Joden" ausgearbeitete Liste der judenreinen Sommerfrischen abgedruckt und die Bemerkung hinzugefügt: „Der Urlauber mag aus dieser Zusammenstellung selbst die entsprechenden Schlußfolgerungen ziehen." Assimilanten. Von Dr. Hermann G o 1 d b e r g. Die nationalen Heißsporne in allen Staaten bezeichnen einen jeden — auch Konnationalen — als Vaterlandsverräter, der ihre Politik nicht mitmacht, ihre politische Geschäfte nicht unterstützt oder gar ihre politischen Fehler bloßlegt. Unsere sogenannten jüdischnationalen Politiker ahmen die Supernationalisten alier Völker, wie in allem, so auch darin nach, und bezeichnen jeden Juden, der ihre für das Judentum schädliche Politik nicht gutheißt, der eine andere politische Richtung für die Juden als nützlich und notwendig erachtet, sofort als „Assimilanten". Das Wort „Assimilant" soll nach ihrer Deutung einen Juden bezeichnen, der sein Judentum verleugnet, sich dessen schämt und in einer anderen Nation unterzugehen sucht, also einen „Verräter seines Volkes". Der als „Assimilant" geschmähte Jude soll daher der Verachtung preisgegeben werden. Am folgenden Morgen versammelten sich alle zum Gottesdienst. Seltsam und beklemmend wirkte auf mich der Anblick der Männer, die an einem Wochentage ohne Tephillin das Morgengebet verrichteten. Schmuck durfte ja am heutigen Tage nicht angelegt werden. Nachher setzten sich alle, .wie am vorigen Abend, zur Erde, und man sang die Klagelieder. Hirsch Dorfmann, der eine schöne Stimme hatte, trug zum Schluß das „Eli Zijjon" nach der alten Melodile vor. die wie ein feierlicher und erschütternder Trauermarsch klang. Dann gingen die Erwachsenen, später und gelassener als sonst, zu ihrer Alltagsarbeit, aber wir Knaben hatten frei. Ich stürmte hinaus in den wunderschönen Sommertag, der so gar nichts Trauriges hatte, und alsbald vergaß ich ganz meiner Würde als angehender Bar Mizwah, Ich lief durch den Garten, ringsum atmete alles die Frische des Sommermorgens. Die von Tautropfen glitzernden Fliederbüsche verbreiteten einen berauschenden Duft. Die alten mächtigen Birnbäume prangten in ihrem schneeweißen Blütenschmuck; aus dem Laub der Apfelbäume winkten verheißungsvoll die zartgrünen heranreifenden Früchte. Die Kirschenbäume hingen voll beladen, wie mit tausenden und tausend«] blutroter Korallen. An der Hecke, die unseren Garten einsäumte, blitzten aus dem grünen Dickicht die reifen Johannisbeeren wie aufgereihte Glasperlen an zahllosen Schnüren; blasse, rotgeäderte Stachelbeeren schaukelten an den feinen Aesten des Gebüsches. Durch das friedliche Schweigen ringsum rauschte nur der nahe Strom, und es dröhnte aus dem Walde das Rufen eines Kuckucks. Es war eine besondere Grausamkeit von diesem Bösewicht Titus, just an einen so schönen Sommertag den Tempel anzuzünden und die heilige Stadt zu verbrennen, dachte ich bei mir. Wäre heute kein Trauertag, was gäbe es für eine Lust, in den Fluß zu springen, dann durch die blumenbesäte weite Wiese in den Wald zu laufen . . , Jetzt aber hieß es un> Sehen wir uns nun diese Assimilanten, die eine chauvinistische, sogenannte jüdischnationale Politik verurteilen und die, man kann ruhig sagen, 99% aller Juden in der Welt ausmachen, näher an. Sind es wirklich Leute, die sich des Judentu.mes schämen, die dasselbe verleugnen? Sind all die Juden, die in Frankreich, England, Amerika, Italien, in der Schweiz leben und sich als Franzosen, Engländer, Amerikaner, Italiener und Schweizer bezeichnen, Menschen, die das Judentum abschütteln? Jeder aufrichtige Mann muß aus Ueberzeugung mit „nein" antworten. Indem sie sich Engländer, Franzosen, Amerikaner, Italiener oder Schweizer nennen, bezeichnen sie hiermit bloß ihre Staatszugehörigkeit. Sie sind Staatsbürger und als solche gute Patrioten und treue Söhne ihres Vaterlandes, dem sie angehören. Ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volke dokumentieren sie aber gleichzeitig dadurch, daß sie für das Los ihrer jüdischen Brüder in der ganzen Welt großes Interesse zeigen, daß sie sich auch der in andern Staaten unterdrückten Juden annehmen und ihren ganzen politischen Einfluß dahin geltend machen, daß die faktische Gleichberechtigung der Juden auch dort erfolgt, wo sie bis jetzt noch nicht restlos durchgeführt ist. Sie bringen aber auch große materielle Opfer zur Aufrichtung jüdischer Existenzen, wo immer es nötig ist, sowie insbesondere auch für den Wiederaufbau Palästinas. Und welche Vorteile bringt und brachte bisher dem Judentume die chauvinistische sogenannte -jüdischnationale Landespolitik? Ohne jeden Einfluß auf die Regierungen — im Gegensatze zu dem der sogenannten Assimilanten des Westens — unterstützen die jüdischnationalen Politiker nur die Forderungen der anderen Minoritäten im Staate, stellen sich hierdurch oft in Gegensatz zur Mehrheitsnation, ohne etwas Nützliches für das Judentum leisten zu können. Sie übersehen ganz, daß die kehren . . . Auf dem Rückweg geriet ich unversehens in die große, lichte Speisekammer, wo meine Großmutter ihr Reich der eingemachten Früchte und aller anderen Herrlichkeiten hatte. Da standen mächtige Schüsseln, jede unter einem Glassturz, voll geprägerlter sauerer Kirschen, Erdbeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren, schwimmend in einem dickflüssigen, glitzernden Saft, sahen mich verlockend an und ließen mir das Wasser im Munde zusammenlaufen . . . Ich brauchte nur einen Glassturz abzuheben ... Im vorigen Jahre, ebenfalls am neunten Ab, war mir dasselbe passiert. Ich hatte mir ehrlich vorgenommen, bis um zwölf Uhr zu fasten, das war eine Kleinigkeit für einen elfjährigen Knaben. Da war ich aber in die- Speisekammer geraten, die Schüsseln standen, ganz wie Jetzt, in Reih und Glied ... Ich konnte nicht widerstehen . . . Das war eine häßliche Geschichte. Ich verdarb mir das ganze Fasten und schämte mich nachher tief in der Seele. Pünktlich um zwölf Uhr bat die Mutter: „Ach Kind, du hast ja heute noch nichts im Munde gehabt . . . Schnell trink nur ein Glas Milch." Ich stammelte verlegen, daß ich noch gar keinen Hunger verspürte, wartete noch zwei Stunden, bis Mutter und Großmutter gebieterisch drängten. Aber es war nicht mehr gutzumachen. Wie verwünschte ich meine Naschhaftigkeit! Sollte ich ihr diesmal wieder zum Opfer fallen ... Die rosigen und die grünen Süßfgkeiten schimmerten unter dem Glase, ich glaubte ihren Duft und ihren Geschmack leibhaftig zu spüren . . . Schon hielt ich die Hand auf dem Knopf des Glassturzes ... ein Griff ... da kam mir der Neder in den Sinn . . . Das Bar-Mizwah-Jahr mit dem Bruch eines Neder zu beginnen . . . Nein! ... Ich schlich mich rasch aus der Kammer, nicht ohne einen sehnsüchtigen Abschiedsblick nach den Schüsseln zu werfen . . . (Fortsetzung folgt;)