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Die Wahrheit · 1929-07-12 · Heft 28 (12.7.1929) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 28 (12.7.1929)
Date
1929-07-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 g e n s ä t z e und nach Verminderung der nationalen und sozialen Spannungen. Nur der Rassenhaß will noch immer nicht schwinden. Und leider scheint unser armes Oesterreich ausersehen, in dieser Richtung ein böses Beispiel zu geben. Denn schon in Deutschland ist heute lange nicht mehr der Hepp-Hepp-Standpunkt unangefochten. In Heidelberg, um nur ein Beispiel zu erwähnen, hat die gesamte deutsche Studentenschaft einen Beschluß gefaßt, der die Einigung sämtlicher studentischer Korporationen ohne Rücksicht auf den Rassenstandpunkt zum Zweck hat. Wenn auch diese Richtung zuletzt nicht mit ganzer Schärfe hat dominieren können, die Tendenz ist unzweifelhaft gegeben und Oesterreich wäre auf das schwerste geschädigt, wenn e s dieseWelt Strömung, diese allgemeine Sehnsucht nach Abstreifung der Velleitäten nicht berücksichtigen wollte. Deshalb war es sehr erfreulich, daß erst kürzlich ein Richter die Prügeldemonstranten mit exemplarischen Strafen belegte, es war erfreulich, daß darin die Entrüstung zum Ausdruck kam über jene jungen Leute, die glauben, das Vorrecht der Jugend bestehe nicht in dem stärkeren Streben nach höheren Idealen, sondern in der ungehemmten Betätigung der Brutalität und der Mißhandlung des Schwächeren. Die Reste des alten Antisemitismus zeigen sich auch in der A usschließungder Judenaus manchen Kurorten. Es braucht wohl nicht erst betont zu werden, daß es sich hier um vereinzelte Ausnahmen handelt, denn im all gemeinen ist der Öesterreicher doch zu vernünftig, als daß er schwere materielle Schädigungen in Kauf nehmen möchte, nur deswegen, weil gewisse Kurgäste nicht das Taufzeugnis mitzubringen imstande sind. Nichtsdestoweniger müssen auch Reb Chajkel, dessen zottiger, ewig ungekämmter Bart die beliebteste Zielscheibe unserer Geschosse sein sollte, hielt es auf alle Fälle für angezeigt. Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Er zog ein riesengroßes, fettiges, mit Spuren von Schnupftabak über und über bedecktes Taschentuch hervor und fing an, es in falten zusammenzulegen. Er wollte es sich zur größeren Sicherheit um das Kinn binden. Das sah nicht schön aus, aber auf das Aesthetteche legte er nicht viel Gewicht. Da er sich vor der Gefahr geschützt wähnte, machte er sich zum Verteidiger der Distelköpfe. „Israel ist ein heiliges Volk," fing er an. „Jede* Brauch, wenn er uns auch noch so widersinnig erscheint, hat einen tiefen. Sinn, pflegte der große Maggid zu sagen. Wer daran: rüttelt, stört die göttliche Weltordnung und dreht die Zinoroth*) um, durch die die himmlische Gnade auf die sündige Erde herabträufelt In dem Minhag, am neunten Ab Distelköpfe zu werfen, lehrte der heilige Zaddik Reb Uri Wolf von Stretyn, den man den Seraph nannte, in diesem Minhag steckt ein großer Söd**). Der Bart des Juden ist ja bekanntlich eine heilige Sache; darum hat die Thora verboten, ihn zu scheren. Wirklich fromme Männer achten streng darauf, daß nicht ein einziges Haar daraus verlorengehe, und wenn eines herausfällt, legen sie es in ein heiliges Buch. Die Kelipoth***) jedoch tragen gerade nach den heiligsten Dingen das stärkste Gelüste. Darum nisten sie sich gerade im Bart der Juden ein. Die Distelköpfe verscheuchen nun die Kelipoth. Darum soll man den Knaben nicht wehren. So sagte Reb Uri Wolf, den man *) Kanäle. **) Mysterium. ***) Unreine Geister. diese Ausnahmen restlos ausgerottet werden und deshalb ist es zu begrüßen, daß die Propagandastelle der Oesterreich ischen Bundesbahnen ausdrücklich die antisemitische Tendenz in manchen Sommerfrischen zurückgewiesen hat. So weit, so gut. Aber die Oeffentlichkeit in Oesterreich kann sich mit dieser Erklärung nicht begnügen, sie muß fordern, daß nicht nur die Propagandastelle der Oesterreichischen Bundesbahnen, sondern auch die anderen amtlichen Faktoren sich energisch mit diesen Erscheinungen befassen, die bei weiterer Verbreitung geeignet wären, im Ausland böses Blut zu machen. Es muß gefordert werden, daß diese Gemeinden selbst aufgeklärt werden über das Unsinnige ihrer Handlungsweise. Wir wiederholen, es handelt sich um Ausnahmen, und im allgemeinen wird der Fremde in Oesterreich gut und freundlich aufgenommen, mag er welcher Konfession immer angehören. Aber auch der kleinste Flecken auf dem Schilde unserer Duldsamkeit muß entfernt werden. Antisemitismus in der Sommerfrische, das ist eine Häßlichkeit, eine Unnatur, eine Widerwärtigkeit, die nicht rasch genug verschwinden kann." „Die Stunde4* vom 10. Juli nimmt im Bezug auf diese Vorfälle einen sehr interessanten Standpunkt ein. Es heißt dort unter anderem. „Es unterliegt keinem Zweifel, daß ein Ge meinderat, der mit einem offiziellen Beschluß den Aufenthalt der Juden verbietet, mit seinen Grundsätzen die Verfassung bricht, und es mag nicht uninteressant sein, die Meinung der Regierung über den Seraph nannte. Ihr könnt euch darauf verlassen. Er hatte recht.1* „Gewiß hatte Reb Uri Wolf, der Seraph, vollkommen recht," versetzte unser Lehrer. „In gewissen Barten nisten viele unreine Dinge. Allein, um sie zu verscheuchen, würde ein einfacher Kamm genügen." „Ihr sprecht wie ein Ketzer," erwiderte Reb Chajkel. „Wer sich erst den Bart kämmt, der kann sicher sein, daß sein Söhn sich den Bart scheren wird, und sein Enkel wird ihn rasieren. So sagte Reb Fei wusch von Berzan. Ihr könnt euch darauf verlassen. Ich habe allen Respekt vor eurer Gelehrsamkeit, Rabbi Akiba, aber was nützt Thora ohne Cbassiduth? Das ist auch nur so eine Art Kelippa. Man sieht es ja . . " Er seufzte tief, dann kratzte er sich bekümmert. Wir Jungen waren indessen alle viel 2U unverständig, um von dem Allgemeinen und Historischen dieses Trauertages ergriffen zu werden. Mich beschäftigten mehr die greifenden Melodien, mit denen die Klaglieder vorgetragen wurden, als deren Inhalt und die großen Ereignisse, auf die sie sich bezogen. Tief erschüttert wurde ich erst, als ich in die Stube meiner Großmutter kam: dort saßen die Frauen auf dem Boden, lasen bei mattem Kerzenschein aus dem Teutsch- Chumesch die Geschichte von der Verbrennung des Tempels und der Zerstörung Jerusalems und zerflossen in Tränen... „Säuglinge wurden aus den Armen der Mütter gerissen und aufgespießt . . . Kinder und Greise wurden nicht geschont . . Meine kleine achtjährige Schwester saß daneben und weinte herzbrechend. Mich verfolgte das Bild der aufgespießten Kinder urd der gemordeten' Greise- bis In den Schlaf hinein.

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