Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 28 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Europa blutet an den nationalen Gegensätzen, und die auf seine Heilung aus sind, suchen erst hier anzusetzen — aber Schladming, das keine nationalen hat, setzt rassische und konfessionelle. Kurz gesagt: es verbietet Juden Zutritt und Aufenthalt. Na, die Juden werden sich ja zu trösten wissen. Die Welt ist groß, und nicht einmal die österreichischen Grenzen wären weit, wenn Schladming etwa Schule machen sollte. Man kann sich über den Sommer, wo's nottut, redlich auch im Ausland nähren und wird sogar zuvorkommend bedient. Man kann für sein Geld fast in aller Welt außerhalb des Globus von Schladming noch jauchzen, auch dort, wo (außerhalb Schladmings) gejuchezt wird. Aber wir freuen uns, feststellen zu können, daß Schladming doch nicht Schule zu machen scheint. Wir freuen uns, das feststellen zu können, nicht im Interesse der Juden, sondern in dem der österreichischen Heimat, die den Fremdenverkehr noch weit nötiger hat als die Juden die österreichische Sommerfrische. Die „Oesterreichische Verkehrswerbung", Propagandastelle der österreichischen Bundesbahnen, beantwortet eine Zuschrift der „U n i o n deutschösterreichischer Juden" mit obigem Schreiben. Die „Oesterreichische Verkehrswerbung" bewies damit — nicht etwa ihre Judenfreundlichkeit, wir wollen das feststellen, damit nicht Schladming gar die Bundesbahnen boykottiere —, nein, sie bewies ganz einfach ihre richtige Zuständigkeit nach Zeit, Ort und Berufung. Sie weiß, daß uns armen Oesterreichern nicht mit Schladminger, sondern nur mit europäischen Mitteln geholfen werden kann. Sie kennt auch aus Erfahrung die benachbarten „Konkurrenzgeschäfte", den Schweizer, den deutschen, italienischen, tschechoslowakischen „Fremdenmarkt" und kennt die dort geübten Methoden. Sie weiß, daß „Kropfgeist" dort vielleicht endemisch an einzelnen Orten vorkommen mag, daß aber das Land, heißt zum mindesten seine Regierung, aufstehen würde, wollte er sich offiziell und idiotischerweise just in Werbebroschüren äußern. Damit kommen wir zum springenden Punkt. Der Schladminger Kalfakter liegt nämlich anscheinend im Bundeskanzleramt begraben. Denn nach der Antwort der Bundesbahnen an die „Union" erinnert man sich, daß das Interesse des Kanzleramtes unserer Republik an der Beschwerde viel geringer zu sein scheint als das der Bundesbahnen. Hier handelt sich's zwar nur um Fremdenwerbung und dort um das Staatsgrundgesetz der Freizügigkeit. Aber das Bundeskanzleramt schweigt. Die reicheren Juden, denkt es wahrscheinlich in der Tiefe seines allzeit milden Gemüts, gehen ohnehin nicht nach Schladming, und die ärmeren wieder wählen sicher nicht christlichsozial. Also sind ihm die reicheren — trotz Lessing — die besseren. Was aber kümmert uns seine private Meinung? Keinen Deut! Wir möchten seine offizielle hören. Sie interessiert uns. Denn sollte sich am Ende herausstellen, daß Oesterreich von Schladming regiert wird — bei Gott, das könnte auch Nichtjuden zur Auswanderung bringen. Und am Ende stünden die Schladminger allein in Europa und wären unter sich. * - * * „Neue TreiePressc" vom 6. Juli: „Versöhnung ist Trumpf auf der ganzen Welt. Noch niemals ist so stark und mit solcher Einstimmigkeit die Politik der Besetzungen und der gegenseitigen Anfeindung verurteilt worden wie gestern Im englischen Unterhause. Ueberau, regtsich der Wunsch nach Abschleifung. der Qe- Sewillet&m Mein erster Fasttag. (Aus den Erinnerungen des alten Professors.) Von Binjamin Segel. (Fortsetzung.) D|er Sabbatausgang verlief bei gedämpfter Stimmung. Sonst erstrahlte zu dieser Stunde das ganze Haus in hellem Licht, man rüstete zum Geleitemahl. Jetzt erschollen keine Gesänge, ein paar Kerzen brannten trübselig im „Cheder" und verbreiteten einen düsteren Schein, den der schwarze Vorhang vor der Heiligen Lade noch erhöhte. Strohmatten wurden über den Boden gebreitet und die Bänke umgestülpt, damit die Versammelten sich zur Erde setzen konnten, um die Klagelieder des Propheten Jeremias vorzutragen. Diese beklommene Stimmung hinderte uns Knaben nicht, allerlei Unfug zu treiben. Wir versammelten uns in einer Ecke und beratschlagten tuschelnd über einen Ausflug in die benachbarten Gärten, um uns mit Distelköpfen zu versehen, de heute eine übermütige Verwendung finden sollten. Es bestand nämlich eine alte Unsitte, die den Knaben am neunten Ab erlaubte, sich mit Distelköpfen zu bewaffnen, die sie während des Vortrages der Trauerlieder aus den Taschen zogen, um sie den Erwachsenen in die Bärte oder Schläfenlocken zu schleudern. Die Alten brummten über diese dreiste Störung des Gottesdienstes, schalten die ldeinen Missetäter aus, taten aber dies nur mit halbem Munde. In den Tadel mischte sich ein gewisses befriedigtes Schmunzeln. Es war eben ein übernommener alter Brauch, den man zu respektieren hatte; in ihrer Knabenzeit hatten sie es ja selber nicht anders getrieben. Auch wir gedachten heute von unserem Vorrecht ausgiebigen Gebrauch zu machen. Mein Vater war jedoch anderer Meinung. .Paßt mal auf, ihr dummen Jungen," rief er zu uns herüber, „ich ahne, was ihr im Schilde führt Wenn ich bei einem von euch einen Distelkopf erwische, kriegt er auf der Stelle eine Tracht Prügel, daß ihm Hören und Sehen vergeht." „Ach, die Knaben möchten ihren Mutwillen treiben," bemerkte Jankel, der Fuhrmann nachsichtig. Er hatte eine heilige Scheu vor allem, was Sitte und Brauch war, und ahnte darin einen tieferen Sinn, den seine Einfalt sich nicht vermaß, ergründen zu wollen. „Ueberall, wo ich herumgekommen bin, machen es die Knaben auch so. Zuweilen beteiligen sich sogar die Erwachsenen daran." „In meinem Hause nicht," entschied mein Vater kurz. „Wo mag diese Unsitte herrühren?" fragte Berl. der Brauer. „In früheren Zeiten," meinte unser Lehrer, „als die Menschen noch wahrhaft fromm und gottesfürchtig waren, ging ihnen der Schmerz um die Zerstörung des Tempels so sehr zu Herzen, daß sie beim Singen der Trauerlieder Gefahr liefen, die Seele auszuhauchen. Da kam das junge Volk auf den Gedanken, durch allerlei Schabernack die Trauer abzulenken. Das hat sich dann von einem Geschlecht auf das andere vererbt" „Die Erklärung ist ein bißchen gezwungen," bemerkte mein Vater. Auf jeden Fall sind wir Heutigen nicht so gottesfürchtig, wie unsere Altvorderen, und bedürfen nicht des Mutwillens der Jungen, um vor einer Ohnmacht geschützt zu sein."