Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 28 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen •mit dea Veröffentlichungen der „Union denfschösferr. Juden* und dea »Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" Redaktion und Administration; Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 12. Juli 1929 Nummer 28 Ein Erfolg der „Union". Die „Union deutschösterreichischer Juden" hat an die Propagandastelle der österreichischen Bundesbahnen ein dringendes Schreiben gerichtet, in der diese offizielle Stelle aus Anlaß der durch sie vor kurzem erfolgten Vertreibung eines Prospektes der antisemitischen Gemeinde Schladming — wir haben darüber jüngst berichtet — gebeten wurde, derartige Prospekte nicht zu vertreiben. Die „U n i o n" hat nun dieser Tage von der Propagandastelle ein interessantes Schreiben erhalten, das beweist, wie verurteilend diese öffentliche Institution über die Schädlichkeit des Sommerfrischenantisemitismus denkt. Der Brief, von dem auch die Wiener Tagespresse in geeigneter Form Kenntnis nahm, hat folgenden Wortlaut: Wir danken, verbindlichst für die Mitteilung von Ihrer Eingabe an das Bundeskanzleramt, die wir mit um so größerem Interesse zur Kenntnis genommen haben, als die darin aufgezeigten Mißstände uns in unserer stets vollständig neutralen und unpolitischen, gesamtösterreichischen Propagandatätigkeit gleichfalls sehr stark beeinträchtigen. Wir gestatten uns, Ihnen auch mitzuteilen, daß wir die von der Gemeinde Schladming aufgelegten und von unserer Auskunftsstelle in gleicher Weise wie zahllose andere einwandfreie Ortsprospekte zur Verteilung übernommenen Werbebroschüren nicht mehrandasPublikumabgegeben haben, als uns durch die von Ihnen erwähnte Zeitungsnotiz deren Inhalt bekannt wurde. Wir haben damals auch sogleich eine Ueberprüfung sämtlicher uns zur Verfügung gestellter regionaler Ortsprospekte veranlaßt und die Verteilung einer Anzahl davon aus dem gleichen Grunde gesperrt. Wir brauchen wohl nicht erst zu betonen, daß wir als offizielle Propagandastelle der Oesterreichischen Bundesbahnen die vonunsherausgegebenen gesamtösterreichischen Werbeschriften, selbstverständlich frei von jeder wie auch immer gearteten politischen Einstellung halten. Wir wären Ihnen dankbar, wenige ujis fallweise auf den einerunpolitischenFremdenverkehrsförderung abträglichen Inhalt einzelner regionaler Werbebroschüren aufmerksam machen wollten, weil uns kein anderer Einfluß auf die Abstellung derartiger Vorkommnisse zusteht, als diese von der Verteilung durch unseren Werbedienst auszuschließen. Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung Oesterreichische Verkehrswerbung, Propagandastelle der Oesterreichischen Bundesbahnen, gez. Dir. Sinek. * * * Einige Pressestimmen über die Vorfälle in Schladming. „Der Tag" vom 6. Juli: Schladming! Das soll fürderhin ein Symbol sein! Schladming, man denkt gleich an den „Bergländerbund", in dem entgegen allen volkshygienischen Beteuerungen sich der Ausgleich zwischen städtischer Neuzeitkultur und ländlicher Zurückgebliebenheit nicht überall und, wo's der Fall ist, nur widerstrebend vollziehen will. Schladming — man denkt an Gottes freie und herrliche Natur, man denkt auch gleich an die Köpfe, an die Kröpfe, die sie bevölkern und unfrei machen wollen. An die Kröpfe? Nein, an den Kropfgeist, der ein österreichisches Spezifikum ist. Schladming — da steht eine Marktgemeinde auf, mitten in Mitteleuropa und mitten im teuer wiedererkauften Frieden, eine Marktgemeinde von 1443 Einwohnern, und steht gegen den Frieden, gegen Europa und gegen das 20. Jahrhundert. In Madrid saßen vor kurzem die politischen Führer der Nationen der Welt beisammen und zerbrachen sich die Köpfe am Minderheitenproblem, das die mächtigsten Staaten der Welt nicht zur Ruhe kommen läßt. Zur gleichen Zeit ungefähr dürfte sich die Gmoan von Schladming zusammengesetzt haben, um dem kleinen Oesterreich, das zum Unglück viel innerlichen Gegensatz, viel gehässige Parteiung, aber zum Glück doch kein Minderheitenproblem kennt, eines zu schenken,