Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 27 (4.7.1929)
- Date
- 1929-07-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 DIE WAHRHEit bruch schon die Hände zum Wiederaufbau zu regen. Das Vertrauen der Juden auf die Ueberwindung der Macht durch den Geist und der Verleumdung durch die Wahrheit kann, auch hier wieder in gigantischer Vergrößerung, dem deutschen Volke die seelische Kraft für seinen Kampf ums Recht stählen helfen. Nicht nur seelisch traf der Versailler Vertrag die jüdischen Deutschen in gleichem Maße wie die übrigen Volksgenossen. ...Die Menschen müssen erwähnt werden, die die deutsche Judenheit durch den Vertrag von Verslailles einbüßte, oder die, von ihren Wohnsitzen vertrieben, ihre Heimat verloren, die 30.000 Juden in Elsaß-Lothringen, die 14.000 in Danzig und Westpreußen, die 26.000 in Posen, die 9000 in den verlorenen Teilen Oberschlesiens und_die 1000 im Memelland. 80.000 Menschen, gute Deutsche und treue Juden, verlor die deutsche Judenheit, Kraftquellen ihrer Erneuerung wurden verschüttet, Bande zwischen Eltern und Kindern jäh zerschnitten. Dieser Verlust... kostete das deutsche Judentum seine geistige Führerstellung unter den Juden der Welt, die es seit anderthalb Jahrhunderten behauptet hatte. Wie die deutsche Wissenschaft muß sich auch die Wissenschaft des Judentums langsam den Platz an der Spitze wieder erkämpfen, um unter den Juden der Welt das Ansehen Deutschlands als Ausgangspunkt jüdischer Lehre und Weisheit wieder herzustellen." Die Lemberger Unruhen. In Polen wie im Ausland war die Meinung verbreitet, daß die antisemitischen Unruhen in Lemberg von den reaktionären Nationaldemokraten, den Gegnern der heutigen Regierung in Polen, zu dem Zwecke inszeniert wurden, um der Regierung nicht nur im Inlande Schwierigkeiten zu bereiten, sondern auch, um die Position des Außenministers Grafen Zaleski auf der Madrider Tagung des Völkerbundrates zu erschweren. In diesem Zusammenhange sind die Ausführungen interessant, die Graf Zaleski auf seiner Durchreise durch Lissabon, wo er mit dem portugiesischen Außenminister eine Zusammenkunft hatte, gegenüber dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur gemacht hat. Die polnische Judenheit, sagte Graf Zaleski, stellt eine Minderheit dar, die treu zum Staate hält und bestrebt ist, mit der polnischen Volksmehrheit zu einer herzlichen Uebereinstimmung zu gelangen. Diese Minderheit hat keinerlei territoriale Aspirationen und beteiligt sich nicht an internationalen Intrigen. Sie erhebt kulturelle Forderungen, die zu befriedigen die polnische Regierung nach Möglichkeit bestrebt sein wird. Schwieriger zu entscheiden sind die wirtschaftlichen Fragen der polnischen Judenheit; sie sind nicht von heute auf morgen zu lösen, das Leben selbst wird da einen Modus vivendi finden. Die Regierung wird ihr Aeußerstes tun, um die Juden in der Lösung ihrer wirtschaftlichen Probleme zu unterstützen. Die Regierung bedauert sehr die in Polen stattgefundenen antisemitischen Unruhen, die Rückfälle in die alte antisemitische Psychologie darstellen. Die Regierung hat die Unruhen energisch unterdrückt und sie ist bestrebt, der antisemitischen Psychologie entgegenzuwirken. Zum Schluß sprach Graf Zaleski von der wichtigen Rolle, die die Juden im Wirtschaftsleben Polens spielen und von den Verdiensten der Juden um die Entwicklung der polnischen Wirtschaft Lodz, das polnisch-jüdische Manchester, sagte er. ist daran, auch die fernsten Märkte, wie z. B. die in Südafrika und China, für seine riesige Textilproduktion zu erobern. Lodz ist auch das Zentrum jüdischer Literatur und jüdischer Kunst. Er. Graf Zaleski, ist ein glühender Bewunderer des Schaffens des aus Lodz stammenden großen jüdischen Bildhauers Glicenstein, jetzt Professor für schöne Künste in Rom, und des jungen Lodzer jüdischen Künstlers Marek Schwarz, von dem die polnische Regierung Werke für die Nationalgalerie in Krakau erworben hat Der größte Kuppelbau Berlins. Die neuerrichtete Synagoge in der Prinzregentenstraße in Berlin-Wilmersdorf bietet Platz für 2500 Personen. Der Kuppelbau hat einen lichten Durchmesser von 37 Metern, ist somit der größte Kuppelbau in Berlin. Die Baukosten sind auf 1,2 Millionen Mark veranschlagt. Manier i Beutst WIEN I., Seltenstettengasse 2 Tal. U 28-1-28 XI., Zentralfriedhof, neben dem 1. Tor, Tel. U18-0-85 S. Grüners Restaurant II., Zirkusgasse 30 Telephon R 43-1-60 Vorzugl. Wiener, ungarische und orientalische (rumänische) Küche. Mittag und Abend Menü nach Wahl. Erstklassige Getränke. thtWoche zu Wbcke Professor Julius Goldstein, Professor der Philosophie an der Hochschule in Darmstadt, ist am Montag, den 24. Juni, abends, kurz vor Vollendung seines 56. Lebensjahres nach langem schweren Leiden sanft entschlafen. In Professor Dr. Julius G o 1 d s t e i n veriiert die deutsche Wissenschaft, das deutsche Judentum eine Persönlichkeit, in der sich wissenschaftliche Vertiefung und praktischer Blick in seltener Einheit verband. Sein literarisches und rednerisches Wirken galt vor allem dem Zurückdämmen der Bestrebungen, die den deutschen Juden und den Juden überhaupt als minderwertiges Objekt in der Politik, der Wissenschaft und der Kunst hinstellen wollen. Bekannt geworden ist er außer durch seine allgemeinen philosophischen Schriften auch durch seine im Philo-Verlag erschienenen Schriften „Rasse und Politik" und „Deutsche Volksidee und deutschvölkische Idee". Als Herausgeber der Zeitschrift „Der Morgen" hat er sich weit über die Grenzen Deutschlands einen Namen gemacht. Erst in letzter Zeit leitete er Hayes bedeutsames Werk „Nationalismus" mit klugen Worten ein. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens betrauert in ihm ganz besonders einen immer bereiten Helfer und Berater auf allen Gebieten kultureller und wissenschaftlicher Arbeit. Goldstein war auch Mitglied des Bildlingsausschusses der Großloge für Deutschland. Um Julius Goldsteins Ernennung zum Professor entbrannte seinerzeit ein antisemitischer Streit, in dem Rudolf Eucken und Ernst Troeltsch öffentlich für Goldstein eintraten. In seiner Philosophie neigt Goldstein dem Pragmatismus James' zu, dessen „Pluralistisches Universum" er 1913 übersetzte. Dank seiner Kunst, in schwierigste Probleme leicht einzuführen, sind seine Bücher wertvoll. Vor allem beschäftigten ihn die Probleme der heutigen Kultur. Er schrieb: „Untersuchungen zum Kulturproblem der Gegenwart", 1899; „Die empiristische Geschichtsauffassung David Humes", 1903; „Wandlungen in der Philosophie der Gegenwart", 1911; „Die Technik", 1912; „Aus dem Vermächtnis des 19. Jahrhunderts", 1922. Frankfurter Rabbinerwahl. Nachdem Oberrabbiner Josei J. H o r o v i t z, der seit Jahren die Talmud-Hochschule in Huncov (Tschechoslowakei) leitet, bereits vergangene Woche zum Nachfolger des verstorbenen Rabbiners Dr. S. Breuer im Rabbinat der „Israelitischen Religionsgemeinschaft" berufen worden war, fand am Sonntag, den 23. Juni, eine Gemeindeversammlung statt, bei der durch Stimmzettelabgabe die formelle Rabbinerwahl vorgenommen wurde. Bei Beteiligung von 636 Wählern erlangte er als einziger Anwärter 457 Stimmen (167 waren gegen ihn abgegeben worden). Nach zweijährigem „Interregnum" ist das Rabbinat der „Israelitischen Religionsgesellschaft" wieder besetzt. Der neue Rabbiner Josef J. Horovitz ist 38 Jahre alt, wir haben unlängst ein Interview mit ihm veröffentlicht Der Amtsantritt des neuen Rabbiners soll noch im Sommer 1929 erfolgen. Das Budget der Pester israelitischen Religionsgemeinde. Unter Vorsitz des stellvertretenden Präsidenten Dr. Märzell Hajdu wurde am 26. Juni die Generalversammlung der Repräsentanz der Pester israelitischen Religionsgemeinde abgehalten. Auf der Tagesordnung stand die Verhandlung der 1928er Schlußrechnungen. Die in großer Zahl erschienenen Mitglieder der Repräsentanz hörten mit großer Aufmerksamkeit die Ausführungen Dr. Hajdus an, der darauf hinwies, daß die Ausgaben der Gemeinde im verflossenen Jahre 4,130.795, die Einnahmen 4,073.599 Pengö betrugen. Die Gemeinde beabsichtige, die im Spital begonnenen Arbeiten bis zum Herbst fertigzustellen und die Frage des Knaben-Gymnasiums definitiv unter Dach zu bringen. Auch beabsichtige die Vorstellung, sich schon in kurzem mit der Frage des Baues in der Wesselenyi-ucca zu beschäftigen. Hofrat.Franz Szekely ':* sprach sich mit großer Anerkennung über das Programm der