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Die Wahrheit · 1929-07-04 · Heft 27 (4.7.1929) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 27 (4.7.1929)
Date
1929-07-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 dem Zeugnisse aller Berufenen an Mut, Tapferkeit und Todesverachtung hinter keinem zurückgeblieben waren, durfte bei diesem ehrenden Anlaß nicht gedacht werden! Schweign der Mißachtung sollte noch den toten Helden wegen ihres Religionsbekenntnisses ein Brandmal auf die Stirn brennen. Da schien es, als ob die schmachvolle, herzzerreißende Empörung bei den lebenden Vätern, Brüdern und Söhnen dieser Toten alle Fesseln der Bedenken lösen und ein furchtbarer Aufschrei des Entsetzens erfolgen würde .... Aber die Lebenden faßten sich und — schwiegen. Da haben jedoch die Toten zu sprechen begonnen. Von diesem Tage an erschienen am Lager des mächtigen Mannes, der diese Unbill verschuldete, allnächtlich lange, lange Züge von toten Soldaten, die den zitternden, im Schweiß gebadeten Schlafenden mit dem Rufe weckten: „Du sollst an uns denken!" Soweit das mündlich kolportierte Märchen der Gräfin Bethlen. Oder haben es die angeblichen Ohrenzeugen erfunden? Bei Märchen weiß man ja nie, woran man ist. Ego. Grammophon-Gottesdienst? Von Oberkantor Leon Kornitzer (Hamburg). Die Jüdische Reformgemeinde in Berlin hat einen Schritt in der Gestaltung ihres Gottesdienstes unternommen, der die Beachtung der Gesamtjudenheit und darüber hinaus aller religiös und künstlerisch interessierten Menschen auf sich lenken muß. Die Reformgemeinde hat alle Stücke ihrer Liturgie, im ganzen 114, auf Schallplatten übertragen lassen, die von einer der größten Grammophongesellschaften hergestellt wurden. Eine zweite Gesellschaft hat die Wiedergabeapparate geliefert. Dieses nach dem letzten Stand der Technik unüberbietbare Material, sorgsamste Bedienung, richtig aufgestellte Verstärker usw., sollen, im Gottesdienst verwendet, die Illusion erwecken, daß die gottesdienstliche Musik von einem auf größter künstlerischer Höhe stehenden Klangkörper (Chor) ausgeführt werde. Angenommen, diese Absicht sei vollkommen verwirklicht, die mechanische Wiedergabe weise keine Spur des toten Materials auf (ein Ideal, das wohl nie erreichbar ist), die Illusion des lebendigen Stimmklanges erleide keine grausame Störung durch die Tücke des Objekts, — was ist damit erreicht? Welcher religiösen und speziell jüdischen Idee ist damit gedient, in welchem Punkte wird dadurch Zweck und Ziel eines Gottesdienstes — und wieder: speziell des jüdischen Gottesdienstes —. gefördert? Es wäre natürlich ein Leichtes, gegen eine derartige Gestaltung der Liturgie mit dem ganzen Rüstzeug religionsgesetzlicher und traditionsgemäßer Bedenken zu Felde zu ziehen. Solche Argumente würden aber die ganze Grundlage der Reformgemeinde und ihres Gottesdienstes negieren und damit die Erörterung unserer Frage überflüssig machen. Man muß sich schon ganz auf den Standpunkt begeben, auf dem die Reformgemeinde selbst und ihre geistigen (oder wirtschaftlichen?) Führer stehen, mag man innerlich dem noch so sehr widerstreben. Nur dann kann es gelingen, die Berechtigung der neuen Einführung zu bejahen oder zu verneinen, wohl gemerkt: für die Gemeinde, für die sie gedacht ist. Der (Sabbath-)Gottesdienst der Berliner Reformgemeinde findet bekanntlich am Sonntag statt; er wird unbedeckten Hauptes und fast durchwegs in deutscher Sprache abgehalten; nur verschwindend wenige Sätze und die ganz kurze Thoravorlesung lassen das Hebräische erklingen. Im übrigen folgt die Reihenfolge der Liturgie der Tradition, wie sie etwa in 1 i b e r a 1 e n Synagogen üblich ist Ein weiteres von allen anderen jüdischen Gottesdiensten abweichendes Merkmal Hegt in der Tatsache, daß die Institution des singenden Vorbeters, des Chasan, abgeschafft ist (Schon dieser Umstand allein hebt diesen Gottesdienst aus aller jüdischen Verbundenheit heraus, überlieferungsgemäß, aber noch mehr im Sinne innerer, organischer Wesenheit Denn eine betende jüdische Gemeinde kann ihren „Abgesandten", den Vorbeter, nicht entbehren, und ein lange deutsche Gebete sprechender Geistlicher kann ihn nie und nimmer ersetzen. Denn hier fehlt, was dem Worte — nein: den vielen Worten — erst höheren Flug, tiefere seelische Wirkung und — gestehen wir es doch offen — Berechtigung des Ausmaßes gibt: die Kunst, die Musik. Es ist amusisch, und das ist der Tod jeder kultischen Handlung.) Die liturgische Musik.jwird, gleich der in der evangelischen (nicht katholischen, auch nicht griechischorthodoxen) Kirche, ausschließlich von einem Chor und der Orgel gegeben. Auch die Gemeinde wird wohl an einzelnen, „choralartig4' gehaltenen Gesängen teilnehmen. Der so geartete Gottesdienst ließ es zu, ja: machte es erforderlich, daß der Betätigung des Chores und der Orgel weitere Ausmaße und freiere Formen gegeben wurden, als es sonst im jüdischen Gottesdienst üblich ist. Ueblich und natürlich: denn sein natürlicher Träger ist der Vorbeter, der der Liturgie durch.den ihm in überwiegendem Teil zufallenden traditionellen Gesang den charakteristischen und jüdischen Klang gibt — Immerhin hat Chor und Orgel dem dortigen Gottesdienste einen gewissen künstlerischen und weihevollen Habitus gegeben, der dem numerisch bescheidenen Rahmen der Gemeinde, insbesondere des Sonntagspublikums, entsprach. Worin lag nun die Notwendigkeit, diesen Klangkörper durch die Schallplatte zu ersetzen? Vielleicht waren wirtschaftliche Rücksichten die Ursache. Aber diese liegen auch anderswo vor und zwingen mehr oder minder alle jüdischen — und vielfach auch nichtjüdische — Gotteshäuser zu Sparmaßnahmen. Es ist daher nicht anzunehmen, daß gerade die Jüdische Reformgemeinde mit einem verkleinerten Chorkörper nicht ihr Genüge finden sollte. Wäre anderseits die Gemeinde größer geworden, so daß ihr der bisherige Stand des Chores nicht mehr genügte, dann hätte die vergrößerte Finanzkraft leicht eine Verstärkung des Chores ermöglicht. Ist dies aber nicht der Fall, so wird zwischen der Größe der Gemeinde sowie des sie umfassenden Raumes und der klanglichen Ausgiebigkeit der Schallplatten (die teilweise durch etwa 100 Personen besungen wurden) eine Diskrepanz geschaffen, die der Andacht auf keinen Fall förderlich sein kann. Ist also nicht zu verstehen, was die Gemeinde zu dieser Neuerung veranlaßt haben mag, so ist noch weniger zu begreifen, daß man von ihr aufdie Dauer eine heilsame Einwirkung auf den inneren Gehalt, den Wert, die Tiefe und (dies sei in diesem Zusammenhange als wichtigstes genommen) die künstlerische Höhe des Gottesdienstes erhofft. Gewiß: das Grammophon wird größere, schwierigere, kunstvollere, in reicherer und besserer Besetzung ausgeführte Tonstücke bringen, als es der bisherige Chor leisten konnte. Aber es wird immer die tote Maschine sein, ohne innere Anteilnahme an der Heiligkeit des Ortes und der Stunde, ohne „die seelische Schwingung, die aus der Ergriffenheit des gottesdienstlichen Augenblicks entsteht", wie der bedeutendste Berliner Musikkritiker so schön sagt (der aber dennoch mit einem kühnen Trugschluß zur Rechtif ertigung der toten Maschine gelangt). Kann man sich vorstellen, daß eine betende Gemeinde sich durch ein Grammophon zum Mitbeten, ja auch nur zur passiven, aber wirklichen Andacht bringen lassen, daß sie sich von einem Mechanismus im Gemeindegesang führen lassen wird? Ist das nicht klar, daß nach der ersten imponierenden Wirkung, die aber auch nichts anderes als die Sensationslust befriedigen wird, ein Ueberdruß alle erfassen muß, die hingehen, um wirklich zu beten — und der Gerechtigkeitssinn zwingt, zuzugeben, daß die Gemeinde solche zum nicht geringen Teile enthält. Die Musik des Gottesdienstes ist ja ein Teil, ein starker Teil der gemeinsamen Gottesverehrung. — Der leblose Mechanismus soll sie „liefern"? Der Chor steht ja nicht außerhalb der Gemeinde, nein, er ist ein Teil ihrer selbst, vertritt, vielmehr verkörpert sie bald, bald führt und stützt er sie bei allgemeinen Gesängen. Niemals wird die Maschine lebendige Menschen und Seelen ersetzen können, am wenigsten im öffentlichen Gottesdienst wo es gilt, eine Gemeinde in gemeinsamer Erhebung und zu gemeinsamer seelischer Handlung, nämlich zur Gottesverehrung zu vereinigen. Rein künstlerisch genommen: man bedenke, wie verschieden unter der Einwirkung verschiedener Gefühlsstimmungen ein Sänger singt, ein Dirigent musiziert, und wie verschieden er dadurch auf die Hörer (darf man in unserem Falle sagen: auf die Andächtigen?) wirkt Der festgelegte, „objektive" Klang des Grammophons wird keine dieser seelischen Schwingungen mitmachen und mit ihm wird sie auch die Gemeinde missen.

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