Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 27 (4.7.1929)
- Date
- 1929-07-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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als die tiefste Weisheit der zionistischen Weltanschauung." Die Mitarbeit der deutschen Juden an der deutschen Kultur paßt der „Neuen Welt" — nach diesen Worten zu schließen — wohl nicht. Sie hält sich da wahrscheinlich lieber an ein „spezifisch jüdisches Kulturideal", wie es z. B. jüngst ein anderer Zionist, der Czernowitzer Senator Dr. Mayer Ebner entwickelte und das als ein wirkliches „zionistisches Kuriosum" hier angeführt sei: „Die jüdische Heimstätte in Palästina hat für das jüdische Volk keinen Wert, wenn Palästina nicht zugleich das Kulturzentrum für das jüdische Volk ist und die jüdische Bevölkerung in den einzelnen Ländern entscheidend zu beeinflussen vermag, und dies ist nur dann möglich, wenn die Juden überall durch Pflege der eigenen Kultur dem sich entwickelnden jüdischen Heim in Palästina die Möglichkeit geben, sie ständig kulturell zu beeinflussen." Sapienti sat . . . . Herr Saiten kann übrigens froh sein, daß die zionistische Jugend angeblich so „gesittet" ist (bei den Kultuswahlen merkte man in „Union"-Versammlungen wenig davon). Er lese nur folgende versteckte Drohung, zu der sich „Die Neue Welt" aufschwingt: JVur der Gesittetheit der von Herzl erzogenen Jugend hat er es zu verdanken, daß er ungestört bis zum letzten Abschnitt seiner Rede gelangen konnte, die im Dunkel seines Geschwätzes den einzigen Lichtpunkt enthält, das befreiende Wort: „Ich bin nicht ihr Parteigenosse!" Bei einer anderen „passenderen" Gelegenheit haben übrigens die zionistischen „Demokraten" solch wohltuende Zurückhaltung nicht bewiesen. Nach einem in der letzten „Stimm e" veröffentlichten Briefe fanden sie es für angemessen, beim Herzl- Grabgang die poale-zionistische Jugend mit Pfui-Rufen zu begrüßen, weil diese es für angemessen gefunden hatte, provokativ eine rote Fahne zu diesem Grabgang mitzunehmen. Herr Saiten sieht, daß ihm sein Ausflug in zionistische Gefilde beinahe übel bekommen wäre. Ob er nächstens vorsichtiger sein wird? Das Wort war gefallen. Eine Stille entstand. Es war ein leichtsinniges Wort. Mein Vater und mein Lehrer schüttelten mißbilligend die Köpfe. Mit einem Neder war nicht zu spassen, obgleich ich noch ein kleiner Junge war. Ein Neder mußte unbedingt gehalten werden, kostete es, was es wollte. Wenn einem Erwachsenen in der Hitze oder im Zorn ein Gelübde entschlüpfte, und er es später bereute und rückgängig machen wollte, gab es einen ordentlichen Prozeß mit einem Verhör vor einem regelrechten Gerichtshof, es wurde untersucht, ob neue, unvorhergesehene Umstände eingetreten waren, die eine Lösung des Gelübdes rechtfertigten. Vor Rosch ha Schanah und Jörn Kippur saßen die ältesten und angesehensten Gemeindemitglieder in Gruppen zu je drei, und die anderen kamen herbei und baten demütig um Lösung der Gelübde und Bindungen, die sie im Verlaufe des Jahres unachtsam etwa auf sich genommen haben könnten und nicht erfüllt hatten, weil sie ihrem Gedächtnis entschwunden waren. Sonst gab es für sie keine Sündenverzeihung, auch wenn die Sache keinen Menschen in der Welt etwas anging. So jung und dumm ich war, wußte ich doch ganz genau, daß es eine ernste Sache war um einen Neder. Im vorigen Jahr hatte ich bei mir im Herzen einen getan, beim Schreiben die Tinte meines Freundes und Sitznachbars Schalom, mit dem ich mich verzankt hatte, so lange nicht zu benutzen, bis er mich um Verzeihung bitten würde. Ich hielt Wort, und trotzte allen Verlockungen der schönen roten Tinte, obgleich keine Seele davon Ahnung hatte. Auch jetzt wurde mir ein wenig bange zu Mute. Aber das Wort war gesprochen, und ich nahm mir mutig vor, es getreulich zu halten. (Fortsetzung folgt.) A History of The Jewish People*). Die Wissenschaft und Literatur des Judentums in Amerika schreitet mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts und ist bemüht, ihr Vorbild in Europa einzuholen. Die dortigen Gelehrten, die noch bis vor kurzem sich nur aus solchen rekrutierten, die aus Europa stammten, sowie die jüngere in Amerika geborene Generation, die sämtlich in Europa studierte, verfügen über die aus der europäischen Schule stammende Gelehrsamkeit, die Methode und das hier aufgespeicherte Wissen und dabei über die riesigen materiellen Mittel Amerikas und die großartige Freigebigkeit der dortigen Juden. In Philadelphia existiert die Jewish Publication Association of America, die Tausende Mitglieder auf der ganzen westlichen Halbkugel besitzt und eine großartige Herausgebertätigkeit entfaltet, von deren Umfang und Intensität wir hier in Europa gar nicht träumen können. Ihr stellen auch Mäzene in großartiger Weise Mittel zur Verfügung zu Sonderzwecken, die sie, trotz ihrer bedeutenden Einkünfte, aus eigener Kraft nicht zu erfüllen imstande wären, oder die etwas abseits von ihren Wegen liegen. Diese Gesellschaft hat eine großartige englische Bibelübersetzung herausgegeben, die in der ganzen anglosächsischen Welt, auch auf protestantischer und katholischer Seite, Bewunderung erregt hat. Die Mittel dazu, das nette Sümmchen von f ünfzigtausendDollar, spendete ihr der bekannte, aus Frankfurt a. M. stammende Philanthrop Jacob H. Schiff. Diese Bibelübersetzung und der großartige Apparat, der zu ihrer Herstellung geschaffen wurde, war ausführlich in zwei langen Artikeln im September 1927 in dieser Zeitschrift behandelt. Eine Summe von derselben Höhe spendete Jacob H. Schiff, um eine „Bibliothek hebräischer Klassiker" nebst hebräischen Uebersetzungen herauszugeben. Einer solchen Edition kann sich kein europäisches Land rühmen. (Von den bisher erschienenen Bändchen dieser hebräischen Klassikerbibliothek sind zwei: die Gedichte des J ehuda Halewi und die Gedichte des Sa 1 omo i b n G a b i r u 1 seinerzeit ebenfalls in dieser Zeitschrift angezeigt gewesen.) Die Jewish Publication Association of America gibt auch ein American Jewish Year Book heraus, das einen minutiös genauen, sorgfältig gearbeiteten, höchst zuverlässigen Ueberblick über sämtliche das Judentum in allen Ländern der Welt betreffenden Ereignisse nebst statistischen Angaben enthält und außerdem Abhandlungen und Illustrationen. Dreißig Bände dieses Jahrbuches sind bisher erschienen; sie bilden eine unerschöpfliche Quelle für die Kenntnis des gegenwärtigen Judentums in der ganzen Welt, insbesondere in Amerika, von dessen Zuständen und Strömungen es jedesmal ein übersichtliches Gemälde bietet. Die großen führenden Bücher, die die Wissenschaft des Judentums in Europa hervorgebracht hat, wurden in englischer Uebersetzung durch diese Gesellschaft herausgegeben. Grätzens mo- *) Philadelphia, The Jewish Publication Society of America. , , . . _...