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Die Wahrheit · 1929-07-04 · Heft 27 (4.7.1929) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 27 (4.7.1929)
Date
1929-07-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT minnflnnni™^^ Seite 3 Dafür fährt „Die Neue We 1t", das Organ Strickers, mit allergröbstem Geschütz gegen Saiten auf. Ihr Aufsatz „Zionistische K ur i o s a" enthält an einer Stelle eine solche Uebereinstimmung mit unserem vorwöchentlichen Leitartikel, daß wir diese durch Gegenüberstellung unseren Lesern recht plastisch aufzeigen wollen: „Die Wahrheit": „Ob der Ruf, mit dem er vor mehr als 30 Jahren die Wiener Redaktionsstube des „Sechs-Uhr-Blattes" betrat und der da lautete: „Ich grüße das Handwerk!" unbedingt etwas „E n tscheidendes" hatte, überlassen wir dem persönlichen Ermessen Felix Saltens, der diesen Augenblick als „kümmerlicher, blutjunger Anfänger, als der er damals am Schreibtisch saß", so empfand. Ein objektiver Beobachter wird vielleicht aus dem Rufe einen ironischen Grundton herausgehört haben, der ja überhaupt dem Wesen Theodor Herzls — siehe seine „Tagebücher" — durchaus entsprach und der in der Charakterschilderung Saltens ganz außer Acht gelassen wird." „Die Neue Welt": „Saiten nennt sich Zeitgenosse. Kollege, indem er sich darauf beruft, daß fierzl seine „Wiener Redaktionsstube" mit den höchst feschen Worten eines strammen Wiener •Zeitungsmannes: „Ich grüße idas Handwerk", betrat. Dieser Ausspruch ist zwar nicht verbürgt, kann allerdings auch leider nicht berichtigt werden, wenn er auch nach Hardens Bismarck-Memoiren riecht. ,Wie dem auch sei, w i r wissen authentisch, wie HerzI über das Handwerk dem Saiten Morgen- bis blatt sein dachte, täglich vom zum Abend- Kompliment macht, just in der „Neuen Freien Presse", die vor 25 Jahren Theodor Herzl als einen ihrer begabtesten und pflichteifrigsten Feuilletonisten und Redakteure be« trauerte." Ueber die „merkwürdige Episode" geht auch „Die Neue Welt" — vielleicht mit Verachtung — hinweg. Dagegen wettert sie gegen Saltens zionistisches Programm, an dem gerade wir Gefallen fanden, mit diesen Worten: „Was wollte Herzl noch? Vielerlei. Saiten hat die Unzulänglichkeit seines Werkes erkannt. Er hat erkannt, daß Herzls Zionismus niemals die ganze Judenheit erfassen kann, da doch ein immerhin umfangreicher Rest mit der Aufgabe zurückbleiben muß, dem deutschen Krupnik das Modezentrum für den verwöhnten Geschmack Modelle aus Paris und eigene Schaffungen von Mänteln, Kostümen, Complets, Nach» mittags» und Gesellschaftstolletten Schöne Linie, vornehme Eleganz, unerreicht billige Preise kennzeichnen unsere Erzeugnisse Hoflewlais m lllPlffi Vl/" KAISEBSTRASSE IIS Anerkannt größtes und führendes Spezialhaus Oesterreichs Volk seine Kultur zu diktieren und den polir tischen Parteien die Führer zu liefern. Er. Felix Saiten, hat längst verstanden, „daß niemand, der irgendwo in Europa wurzelt, sich von seinem Mutterboden losreißen soll, um uach Palästina auszuwandern". Er weiß, „daß dieser Weg den Wurzellosen geöffnet ist, den Entrechteten, den Erniedrigten, der Weg in die Freiheit, in das Land der Väter". Diese Erkenntnis präsentiert Felix Saiten einem zionistischen Auditorium am 25. Todestage Theodor Herzls still arbeitete er schwer für den Unterhalt seiner Familie und um für seinen begabten Sohn das Lehrgeld aufzubringen und ihm Bücher zu kaufen. Er erstarb in Bewunderung vor allen, die in den heiligen Büchern, gleichviel welcher Art sie sein mochten, studieren konnten. Er selbst verstand nur die Bibel und die Gebete, und auch dies bloß mit Hilfe der jüdischen Uebersetzung. „He, Schalom," rief er seinen Jungen herbei, „wie. wird es morgen mit dem Fasten sein?" Der siebzehnjährige Schalom war mein Studiengenosse und besonderer Herzensfreund. Mir war er in Bibel und hebräischer Grammatik weit voraus, dafür bewunderte er meine Algebra und Himmelskunde, wozu er nicht die geringste Befähigung aufwies. „Morgen faste ich den ganzen Tag, Vater," rief er schüchtern, „du sollst sehen . . ." „Wenn es nur deiner Gesundheit nicht schadet," bemerkte sein Vater mit weicher Stimme. „Wir fasten alle bis Minchah," riefen einige Jungen beherzt. „Na, na," sagte unser Lehrer, „wenn die Mütter so gegen Mittag euch schön bitten, zu essen, v/erdet ihr nicht nein sagen." „Aber wo denken Sie hin, Rabbi! Sind wir kleine Mädchen?" „Schön, schön, aber wer noch nicht Tephillin legt, braucht nicht zu fasten." „Wenn er es aber kann", erwiderte ich selbstbewußt. „Kannst du das?" „Ich faste den ganzen Tag, das kann ich, das werde ich Ihnen beweisen," „Gewiß mein Sohn, du ißest dich satt zu Mittag, dann kannst du den ganzen Tag fasten." „Nein!" rief ich verletzt. „Ich faste den ganzen Tag ununterbrochen, von jetzt ab bis morgen Abend, wenn drei Sterne am Himmel stehen." „Nimm dich in Acht Kleiner, morgen wirst du es bereuen. Dann kommt die Mutter und bittet dich, nur ein Butterbrot zu essen, ein ganz kleines Stück Butterbrot, mit Käse, oder auch ohne Käse. Du widerstehst nicht. Weißt du was es heißt, den ganzen Tag zu fasten, für einen so kleinen Jungen?" „Ich bin kein kleiner Junge, und im künftigen Jahr werde ich ja verpflichtet sein . . ." „Ganz recht, aber morgen bist du noch nicht verpflichtet, und wenn du so gegen zwei oder drei Uhr kräftigen Appetit bekommst, und die Mutter fühlt es und bittet dich . . . Du wirst nicht widerstehen und dich mit Freuden erweichen lassen." „Nein, das tu ich nicht, ganz gewiß nicht. Ich faste den ganzen Tag," rief ich trotzig. „Sag doch wenigstens: beit neder7)," fiel mein Vaier ein. „Sonst gilt es ja fast wie ein richtiges Gelübde, und du mußt es einhalten, auch wenn du schwach wirst." „Ich werde nicht schwach. Ich bin ja kein Kind. Obwohl ich nicht verpflichtet bin, werde ich bis zu Ende fasten. Ich werde mich nicht überreden lassen", sprach ich mit steigendem Eifer. „Ich tue einen Neder". 7) „beli neder" ohne Gelübde. Diese Formel verhindert, daß das ausgesprochene Wort als Gelübde gelte und verbindende Kraft habe.

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