Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-07-04 · Heft 27 (4.7.1929) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 27 (4.7.1929)
Date
1929-07-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064223--17285-3087400
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 DuuumuuniiMraiinm^ DIE WAHRHEIT organisierter Zionisten und nationalbewußter Juden Wiens Kongreßmandate sich gekauft. Wenn dies ein Erfolg sein soll, so ist es ein Erfolg, um den sie kein Mensch, bei dem Anstandsgefühl und Reinheit der Gesinnung über jedem Parteihader aufrecht blieb, beneiden wird. Die Zionisten Wiens, gegen die ein wahrer Ansturm wildfremder Elemente losgelassen wurde, werden hoffentlich von nun an wissen, was von all den demagogischen Phrasen der Herren Demokraten zu halten ist. Sie wurden zum Zionistenkongreß von Assimilanten, sozialdemokratischen Ratenhändlern, Indifferenten und geldgekauften konfessionslosen, nichtjüdischen Dienstmädchen gewählt. Diese mögen sie nun dort vertreten. Die zionistische Organisation Oesterreichs hat mit solchen Delegierten, die die Seelen der Wähler mit zwei Schilling abkaufen, nichts gemein. Das letzte Wort über diese famose Wahl der Wiener Demokraten wird aber noch das Kongreßgericht in Zürich zu sprechen haben." Man muß sagen, die Herren Zionisten scheinen Wahlpraktiken zu üben, die alles auf diesem anrüchigen Gebiete bisher Dagewesene weit übertreffen. Stricker wird wohl der „Stimme" die Antwort nicht schuldig bleiben und es kann sich da ein Bruderzwist entwickeln, der recht iustig wird. Uns aber interessiert nur eines: Selbst wenn wir annehmen, daß nur lauter Zionisten (und nicht auch nichtjüdische Dienstmädchen) gewählt haben, ergibt die Summe der bei den sicherlich für die Zionisten bedeutsamen Wahlen, für die diesmal noch dazu eine besonders starke Propaganda gemacht wurde, abgegebenen Stimmen: 3491. Und da wagen es die Zionisten, angesichts dieser lächerlichen Anhängerschar aller ihrer Gruppen und Grüppchen die „Union", hinter der die Mehrheit der Wiener Judenschaft steht, eine „Tischgesellschaft" zu nennen. Die Herren mögen freundlichst vor ihrer eigenen blau-weißen Tür kehren! Noch eklatanter wurde die Geringfügigkeit der immer so selbstbewußten Zionisten in G r a z. Dort wurden für alle Parteien zusammen, sage und schreibe, 66 Stimmen abgegeben. Man bedenke, in Graz, das im Kultusvorstand eine zionistische Mehrheit hat, dessen zionistischen Kultuspräsidenten sich unsere offiziellen Zionisten bei den Wiener Kultuswahlen als Propagandaredner verschrieben hatten, 66 Stimmen! Geht der österreichischen Judenschaft da kein Licht auf, wie sie von den Jüdischnationalen einfach genasführt wird?! Kritik einer Gedenkrede. Wir haben in unserer letzten Nummer unter obigem Titel die Gedenkrede, die Felix Saiten anläßlich der Herzl-Feier der Wiener Zionisten hielt, einer freimütigen Kritik unterzogen. Wir sind damit nicht allein geblieben, auch andere jüdische Blätter fanden an dieser Rede manches auszusetzen, Blätter, von denen man eine solche Stellungnahme nicht erwartet hätte. Denn die Zeitungen, die wir hier meinen, sind beide — zionistisch. Und diese hätten doch Saltens Gefälligkeit, für die zionistische Organisation eine Herzl-Gedenkrede zu halten, besser belohnen sollen. So undankbar darf man doch nicht sein. Aber sogar das offizielle Organ der österreichischen Zionisten, „Die Stimme", ist es. Denn wir erblicken wohl mit Recht eine Kritik an Saltens Rede darin, daß in ihr, die übrigens im Berichte der Feier mit einem einzigen Satze abgetan wird, Auslassungen gerade jener Stellen vorgenommen wurden, die zu Bedenken Anlaß gaben. Wir finden in der Wiedergabe der Rede in der „Stimme" nicht den Ruf Herzls „Ich grüße das Handwerk", wir finden vor allem nicht die so „merkwürdige Episode" aus Edelhofers Volksorpheum. Gerade diese Stellen haben wir in unserem Artikel glossiert, „Die Stimme" macht sich's leichter. Mein erster Fasttag. (Fortsetzung.) „Ich bin ein schwacher Mensch," seufzte er und blickte zum Himmel hinauf, „wenn ich den ganzen Tag faste, kann ich nicht Gott dienen." Er diente Gott auf chassidische Weise. Des Morgens ratterte er unter Jammern und Stöhnen ganze Kapitel aus dem Sohar herunter, von denen er kein Wort verstand, aber das machte nichts. Der bloße Klang der heiligen Laute, aus solch geweihtem Mund kommend, bereitete Gott eine unsagbare Wonne, und brachte Schutz und Gnade allen diesen anderen armseligen Menschen ringsherum, was mit dem guten und reichlichen Essen und klingender Münze nicht zu teuer bezahlt war. Dann nach dem wohlschmeckenden Kaffee, betete er, später als alle anderen und sehr lang, indem er bei jedem Wort die Gedanken auf alle Engel konzentrierte, deren Namen in den einzelnen Buchstaben angedeutet sind: darauf begoß er sich die Hände, nachdem er das Wassergefäß sorgfältig untersucht hatte, ob nicht der Rand eine Scharte habe, in der sie fr* möglicherweise ein böser Geist eingenistet haben könnte, der die Hände verunreinigte. Dann frühstückte er, gründlich, bedächtig und geräuschvoll, daß man es im angrenzenden Zimmer hörte, nachher paffte er die Pfeife mit dem langen Rohr, gab sich im Verdauen schmerzlichen Betrachtungen hin über das Leid der Welt, da die Schechinah sich in der Gefangenschaft befand und die Erlösung so lange auf sich warten ließ. Nach dem Mittagessen und einem längeren Schläfchen schloß er die Augen und versenkte sich stundenlang in die Betrachtung der Größe Gottes und seiner Schöpfung, die voll war von Mazzikin (bösen Geistern), welche allenthalben den Menschen auflauerten, während der Unendliche die Menschen fortwährend vor ihnen beschützte. Was die Thora anbetrifft, so überließ er deren Studium getrost den tief unter ihm stehenden Leuten, wie unserem Lehrer, der sich mit der Ergründung des „Nigleh", der äußerlichen, allen zugänglichen Hülle, nämlich der Bibel, des Talmud und der Poskim6) abrackerte. Er selber vertiefte sich in das „Nisthar", den verborgenen Kern, das Geheimnisvolle, zu dem nur den Geweihten, Auserwählten, der Schlüssel anvertraut war. „Drei sind vom Fasten befreit", sagte unser Lehrer und legte sein Gesicht in ernste Falten. „Kranke, Schwangere und . . . ." hier hüstelte er, „und Hungrige". Jankel, der Fuhrmann, der in seiner naiven Frömmigkeit und vollkommenen Ei'nfalt den Reb Chajkel im stillen ein wenig verehrte, nahm ihn in Schutz: „Mein Sohn Schalom ist baumstark und kerngesund, und dennoch kommt ihm das Fasten schwer an. Gegen Nachmittag ist er immer blaß wie Leinwand und kann sich nicht von der Stelle rühren." Jankel war ein stämmiger Mensch, wegen seiner außerordentlichen Körperkraft weit und breit bekannt. Sanft und taren. 8) Rabbinische Religionsgesetzbücher mit den Kommen-!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.