Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 26 (28.6.1929)
- Date
- 1929-06-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Sterblichen unter uns eher gelingen, Seine Magnifizenz, den Herrn Bürgermeister von Hamburg, Herrn Dr. Carl Petersen, übrigens eine joviale Persönlichkeit, in ein Gespräch zu verwickeln, als Zutritt zum Kabinett des Herrn Verlegers des Hamburger Familienblattes zu erlangen! Ob es leichter sein wird, bei dem Herrn Reichspräsidenten eine Audienz zu erlangen, lasse ich dahingestellt. Wie dieser Verlagsgewaltige solches mit seinen demokratischen Grundsätzen und den guten hamburgischen Gepflogenheiten vereinbaren will, ist seine Sache. Tapfer hält sich die für die Orthodoxie eintretende „Laubhütte", ein altes von Rabbiner Dr. Seligmann Meyer, Regensburg, s. A., gegründetes Blatt, das seit einigen Jahren seinen Sitz von Regensburg nach Hamburg verlegt hat. Unsere Brüder aus dem Osten besitzen in der „J üd i s c h e n W e 11, die seit Jänner & Jerscheint, ein eigenes Organ. John Jacobsohn. (Fortsetzung folgt.) Qierren,. Herr Dr. Seipel, für dessen alle Welt verblüffenden Rücktritt vom Amte des Bundeskanzlers nachträglich die Erklärung durch die Enthüllungen über die geheimen Pläne der Heimwehrführer gegeben wurde, hat ein Kolleg an der Universität über das Thema „Der Friede als sittliches und gesell- . schaftliches Problem" angekündigt. Die Wahl dieses Themas scheint die von Verehrern Dr. Seipels vertretene Annahme zu bekräftigen, daß dieser Staatsmann im Priesterrock das lebhafte Bedürfnis empfindet, seine auf andere Voraussetzungen basierte Aeußerung, daß er sich zu den Heimwehrleuten bekenne, gründlich zu korrigieren. Erscheint jetzt die Demission Seipels wie die Flucht aus der von gewissen Leuten vorbereiteten Giftgasatmosphäre, so kann nur gefolgert werden, daß er in seinen Vorlesungen über den Frieden als sittliches und gesellschaftliches Problem sich den Papst Pius XI, den begeisterten Verkünder des Völkerfriedens, zum Vorbild nehmen wird und nicht etwa den zu den Repräsentanten der Heimatswehr zählenden Major Papst, dem Abgeordnete unter dem Schutze der Immunität Titulaturen verleihen, die geradezu fürchterlich klingen. * * * Es wäre immerhin möglich, daß der Altbundeskanzler, wenn er schon an der Universität ein Kolleg über das genannte Thema lesen will, nebenbei von dem Wunsch beseelt ist, jenen hakenkreuzlerischen Studenten, die erst kürzlich wieder in der ihnen eigenen Weise, mit dem Knüttel in der Hand an die Lösung sittHchier und gesellschaftlicher Probleme schritten, seine Meinung zu sagen. Es ist aber fraglich, ob Herrn Doktor Seipel dies gelingen wird. Bisweilen erscheinen diese Jünglinge allerdings nicht nur auf der Rampe der Universität, sondern auch in den Lehrsälen, aber das geschieht zunächst nicht etwa, um dort einem Vortrage zu lauschen, sondern um die anwesenden Hörer unter dem stürmischen Rufe: „Juden hinaus!" zum Vierlassen des Lokales zu bewegen. * * * * In den Lehrsälen selbst ist es keinem Professor leicht, direkt mit hakenkreuzlerischen Hörern Fühlung zu gewinnen. Botschaften, die sie erreichen sollen, müssen ihnen sozusagen auf Umwegen zukommen. So hat z. B. auch der Rektor der Universität vor einigen Tagen die Promotion von Juristen zum Anlaß genommen, um die jüngsten Vorgänge an der Universität zu streifen, und er hat da den Promovierten nahegelegt, bei ihrem Eintritt in das öffentliche Leben für den Gedanken zu wirken, daß jedem Staatsbürger die Betätigung seiner politischen Rechte gewährleistet werden müßte. Es gehe nicht an, sagte der Rektor u. a., daß Minderheiten unterdrückt werden „und das Faustrecht sich gegen den geistigen Kampf breitmache". Diese Mahnung galt offensichtlich den Hakenkreuzlern, die bei den jüngsten Skandalen sogar drohend die Faust gegen den Rektor erhoben hatten. * * * * Freilich bleibt es noch immer fraglich, ob die hakenkneuzlerischen Studenten in ihrer Presse solche Botschaften unverfälscht zu lesen bekommen. Was z. B. die „Dötz" auf dem Gebiete des Fälschens zu leisten wagt, übersteigt vielleicht selbst die Phantasie der Verfasser der „Weisen von Zion". Man erinnere sich an das Wutgeheul, mit dem vor einigen Tagen die „Dötz" gegen den Rektor Hofrat Innitzer losstürmte, der es gewagt hat, die hakenkreuzlerischen Studenten als die Urheber der jüngsten Exzesse anzunageln, und lese, da ihre Drohungen und Einschüchterungsversuche erfolglos geblieben, ihre Lügenberichte, mit denen sie die erlittenen Brandmarkungen vertuschen möchte. Eine Gegenüberstellung zwischen dem Berichte der „Reichspost" und dem der „Dötz" wird jeden Unbefangenen überzeugen, daß die „Dötz" in ihrem Berichte über die Beschlüsse des akademischen Senates den Chimborasso der Verlogenheit erklommen hat: Reichspost (22. Juni): „Dötz" (22. Juni): i „Der Senat bereitete dem „Die Beschlüsse des aka- .Rektor Prof. Dr. Innätzer eine demisohen Senates sind klar, .feierliche Vertnauieinskund- Endlich hat man eingesehen, gebung. Alle „Forderungen" daß die Professoren einer eines plötzlich von einer Mi*- deutschen Hochschule in ernorität der deutschen Studenster Linie gutes Einvernehmen •tenschaft ganz formlos aufgemit den deutschen Studenten, stellten „HochschulausschusJalso mit der „deutschen Stuses" wurden abgelehnt, insdentenschaft" zu wahren und besonders auch das Venlangen die dunklen Bestrebungen nach einer Maßregelung des volks- und artfremder Stu- KanzKeddirektors Dr. Wagner denten zurückzuweisen haals gänzlich unberechtigt zuben." nüekgewiesen, sondern es wurde ihm in feieirlichen Form und durch öffentliche Kund>- machung gleichwie dem Rektor das Vertrauen des akademischen Senates ausgesprochen." * * * Die „Dötz" erinnert wirklich, nach dieser journalistischen Leistung, nicht an das berüchtigte Individuum, von dem erzählt wird, daß es, als ihm einer ins Gesicht spuckte, ausrief: „Ich glaube, «es