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Die Wahrheit · 1929-06-28 · Heft 26 (28.6.1929) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 26 (28.6.1929)
Date
1929-06-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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üifi WAftiätEiiT' MuAäiM Seite 5 mußte der Fronherr ihm eine Lebensgefährtin bewilligen (II. Buch Mosis, Kap. 21, Vers 3—4). Wenn durch jahrelange Arbeit im Schöße seiner Familie, unter fleißigen Menschen, in Gottes freier Natur, der Wille zum sittlichen Leben gefestigt war, so blieb ihm nach Beendigung des Frondienstes der tief tragische Moment erspart, der den „modernen" Zuchthäusler nach seiner Entlassung aus dem Zuchthause vor die Unmöglichkeit stellt, in einer ihm entfremdeten Welt, den gerissenen Faden seiner Existenz wieder anzuknüpfen — eine Unmöglichkeit, die den Einen aus Hunger, den Anderen aus sozialer Entfremdung wieder ins Zuchthaus zurückführt. Wie anders die biblischen Gesetze! Nach Mosis Buch V, Kap. 15, Vers 12—14, mußte der Fronherr beim Entlassen seines Fronarbeiters demselben an Kleinvieh, an Schätzen seines Speichers, seiner Scheune, seines Kellers, an „allem, womit ihn Gott gesegnet" soviel geben, damit dieser sein bürgerliches Leben dort anknüpfen könne, wo eine grausame Verirrimg es abgerissen hat. Wenn wir nach so ergreifenden Schilderungen der modernen Zuchthausqualen uns in die humanen biblischen Zeiten zurückversetzen, wo noch die Gottesfurcht Schreiberin der Gesetze war, — so zerrint der Wahn eines modernen sozialen „F ort- Schrittes" wie ein eitler Traum, aus dem wir mit dem Bewußtsein erwachen: tief unter das Niveau der biblischen Kultur gesunken zu sein. Briefe aus Hamburg. in. In dieser großen, wie übrigens auch in den kleineren Synagogen und Bethäusera Hamburgs wird der Gottesdienst nach althergebrachtem konservativen Ritus abgehalten. Polnische Chasonim mit schöner Tenorstimme erfreuen sich der Sympathie der Hamburger. Vor Jahren hatte die Gemeinde einen solchen in Rosenblatt, der sich plötzlich ohne Abschied beurlaubte und es drüben im Dollarlande zu Reichtum und Ehren brachte. Nach dem Kriege erschien das kleine Männchen, der nun ein großer Sänger geworden, zum Jubel seiner zahlreichen Anhänger wieder in Hamburg, sang in einem hiesigen Konzertsaal imd war der Held des Tages. Als bekannt darf vorausgesetzt werden, daß hier in Hamburg auch eine Reformgemeinde existiert, deren Tempel die älteste Orgelsynagoge Deutschlands ist. Vor langer Zeit unterhielt ich mich einmal mit einem guten christlichen Bekannten in Kopenhagen über Frauenschönheit und dieser fand an der Jüdin den edlen orientalischen Typus so bestechend und meinte, eine Jüdin müsse auch wie eine solche aussehen. An diese Worte meines nordischen Freundes muß ich immer denken, wenn ich hier im Tempel dem in fremde Formen gezwängten Gottesdienst beiwohne, und — bei aller Toleranz, die ich den verschiedenen Richtungen und Anschauungen entgegenbringe — wenn ich am heiligen Joinkippur hier die Beter in frostig feierlicher Gewandung erblicke anstatt im weißen Büßerhemd da krampft sich mein Herz zusammen ob der einer heiligen Tradition angetanen Gewalt! Diese Gegensätze sucht die längst vor dem Kriege gegründete liberale „Neue Dammtor-Synagoge" zu überbrücken, deren Rabbiner, Herr Doktor Hol z e r, sich allgemeiner Wertschätzung erfreut. Man mag aus alle dem ersehen: Hier in Hamburg kann jeder nach seiner „Fasson" selig werden- Auf hoher Stufe steht das Schulwesen und es hieße Eulen nach Athen tragen, zum Lobe der hiesigen Talmud-Tora-Realschule noch etwas zu sagen. Die Töchterschule in der Carolinenstraße erfuhr unter der Leitung eines bewährten Schulmannes, des Herrn Dr. Alberto Jonas, eines grundgütigen und liebenswerten Menschen, einen großen Aufschwung, so daß man sie als vorbildlich bezeichnen darf. Trotz der obherrsehenden finanziellen Schwierigkeiten läßt es die Gemeinde in anerkennenswerter Weise nicht an der Förderung des Unterrichtes und des Biidungswesens fehlen und entspricht hiermit guter jüdischer Gepflogenheit. Als eine segensreiche Institution erweist sich das kürzlich ins Leben gerufene Jugendheim; es ist in der Tat ein Heim der Jugend, eine Pflanzstätte jüdischer Bildimg und Kultur. Wehre, o Wotan, des wilden Wetterwinkel windischem Weh! — Kaum ist ein heller freundlicher Tag dahin, da muß uns der Himmel wieder zum Bewußtsein bringen, daß wir uns in Hamburg befinden! Ist das Wetter auch unbeständig, so ist dafür die gute Hamburger Kost umso beständiger und die Liebhaber eines guten Bissens werden schmunzelnd ihrer gedenken. Sie kommen hier qualitativ wie quantitativ auf ihre Kosten. Höchst seltsam ist es nur, daß ein jüdisches Hotel sich hier nicht zu halten vermag und sogar die wenigen koscheren Garküchen klagen über schlechten Geschäftsgang! Das hat zweifellos seine Ursache in den wirtschaftlichen Nöten unserer Tage, die eine spartanische Regelung der Magenfrage zum Gesetz erhebt. Für die geistige Kost wird in wöchentlicher Ration am Gänsemarkt gesorgt und die Kehilla ist mit ihr höchlich zufrieden. Unter den jüdischen Zeitungen Deutschlands scheint das „Hamburger Familienblat t", welches allwöchentlich in zwei Ausgaben erscheint, eine der verbreitetsten und gelesensten zu sein. Diese Eigenschaft verdankt das Blatt in erster Linie seinen Mitarbeitern- Parteilose Blätter haben übrigens immer eine Zero-Chance an der Roulette des Erfolges und parteilos ist ja diese Wochenschrift Sie kredenzt jedem ein bekömmliches Tränklein. Man mag über diese Taktik geteilter Meinung sein, dem Blatte jedenfalls hat sie genützt und es dürfte deshalb von dieser Praxis auch in Zukunft nicht gewichen werden. Jedermanns Sache ist es ja nicht, in der Presse stets das weiche Sammetpfötchen zu erblicken, namentlich nicht da, wo die Pranke des Leuen angebracht ist, aber, sei dem, wie ihm wolle: „Et het noch immer got gegange", singt der fidele Kölner. Dem Verleger hat das Unternehmen sicherlich etwas eingebracht und es dürfte dem gewöhnlichen

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