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Die Wahrheit · 1929-06-28 · Heft 26 (28.6.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 26 (28.6.1929)
Date
1929-06-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Albert Thomas über Palästina. Uebcr die wirtschaftliche Situation in Palästina erhalten wir eine objektive Schilderung von einer besonders maßgebenden Stelle. Albert Thomas gibt nämlich in seinem großen Bericht, den er jetzt als Direktor des Internationalen Arbeitsamts der Internationalen Arbeitskonferenz, die zurzeit in Genf tagt, erstattet, auch eine kurze Uebersicht über die Lage in Palästina. Daraus erfahren wir, daß sich die wirtschaftliche Situation dort seit dem letzten Jahr gbessert hat. Im Mai 1927 gab es im Heiligen Lande 8300, im August 1928 nur noch 1200 Arbeitslose. Diese Zahl ist inzwischen weiter zurückgegangen. Infolgedessen sind seit dem 1. November 1928 600 Ein wände rungsscheine ausgestellt worden. Aber die Ungleichheit der Löhne und der Lebenshaltung der jüdischen und arabischen Arbeiter macht dauernd Schwierigkeiten. So kam es 1927 in den Orangenpflanzungen von Petach-Tikvah, wo die jüdischen Pflanzer ihre Ernte im voraus an arabische Händler verkauft hatten, die zur Obstlesc arabische Arbeiter verwendeten, zu Unruhen, und dies zu einer Zeit, da es in jener Gegend arbeitslose jüdische Arbeiter gab. Die Regierung hatte deshalb versucht, die Pflanzer zu zwingen, eine bestimmte Anzahl von jüdischen Arbeitern bei der Obstlese anzustellen. Doch vergeblich. So kam es im Dezember 1928 zu neuen Ausschreitungen. Inzwischen zeigen auch andere Vorgänge, daß die Araber an kein Zusammengehen mit den Juden denken. Die arabischen Schneider. Tischler, Schmiede und Träger haben zu Beginn dieses Jahres beschlossen, eigene Gewerkschaften zu gründen. Die arabische Presse verlangt die Ernennung eines Ausschusses zur Untersuchung der die palästinischen Arbeiter angehenden wirtschaftlichen Fragen. Im Laufe des vorigen Jahres haben mehrere Sachverständige Palästina bereist, um die Aussichten der jüdischen Kolonisation zu untersuchen. Die Joint Palestine Survey Commission hat dfe jüdische Tätigkeit in Palästina seit der Beendigung des Krieges in jeder Hinsicht geprüft und eine Reihe von Vorschlägen über die Einwanderung, die Landv/irtschaft, die Industrie, die Arbeit und das Finanzwesen gemacht. In den Reihen der Arbeiterschaft herrschte große Unzufriedenheit wegen der Einschränkung des Geltungsbereiches der Verordnung über die Unfallentschädigung auf gewisse Handwerks- und Gewerbezweige. Man hat — bisher ver¬ Erleichterungen. Reb Chajkel, der bei allen Gemeinden abwechselnd hospitierte, machte sich alle diese Erleichterungen zunutze. Zu diesen Privilegien gehörte es, sich über die gebotenen Fasten hinwegzusetzen. In unserer ganzen Umgegend gab es nur zwei chassidische Familien. Mein Vater lachte über ihren Aberglauben und ihre Unwissenheit, unser Lehrer hielt ihre Zaddikim für ausgepichte Gaukler, Schwindler und Ignoranten, die dsm unwissenden, betörten Pöbel das Geld aus der Tasche lockten, sah in ihrem ganzen Gebahren eine Art verkappter Ketzerei und veifolgte sie mit seinen grimmigsten Spott. Rtb Chajkel hielt sich trotzdem gern in unserer Gegend auf, obwohl er uns alle als Mithnaggdim5) im stillen verachtete, und für eine gemeine Menschensorte hielt, die mit Blindheit geschlagen war, sich auf der allerniedrigsten Stufe der Erkenntnis befand und zu nichts besserem taugte, als sich schwer ums alltägliche Brot zu plagen, und ihn, Reb Chajkel, zu ernähren, der ein Begnadeter war, ein Auserwählter, au dem der himmlische Vater seine Freude hatte. Nur aus Liebe zu ihm und seinesgleichen ließ Gott die Anderen leben, gab ihnen ihre Nahrung und die bescheidenen Mittel, ihren Kindern Lehrer zu halten, damit sie sich Tag und Nacht mit dem Studium der Thora mühten. Die beiden chassidischen Familien kamen für ihn nicht in Betracht. Die eine war faul und arm und lebte meist von Unterstützungen: die aridere war freilich wohlhabend, aber von berüchtigtem Geiz. In unserem Hause verweilte er gern, beehrte uns sogar wochenlang mit seinem Aufenthalt, da meine Mutter vorzügliche Kräpfchen kochte und an Sabbaten die Fische, der „Kugel1 und der Schalet ganz ausgezeichnet schmeckten und reichlich dargeboten wurden. Auch alle unsere Nachbaren waren nicht geizig und Reb Chajkel verließ die Gegend nie ohne einen vollen Beutel mit Kupfer- und Silbermünzen. (Fortsetzung folgt.) geblich — ihre Ausdehnung auch auf landwirtschaftliche, Verkehrsarbeiter sowie auch Büroangestellte gefordert. Im vorigen Jahre hat auch der Allgemeine Jüdische Arbeiterverband der Regierung eine Denkschrift überreicht, in der gefragt wird, welche Maßnahmen sie zu ergreifen gedenke, um den Bestimmungen des Gesetzes über die Zahlung angemessener Löhne für die in diesem Gesetz angeführten Ärb&i'ten Geltung zu verschaffen. In dieser Denkschrift wird auch Klage darüber geführt, daß die Gemeindeverwaltung von Jerusalem aus Sparsamkeitsrücksichten alle Straßenarbeiten an Unternehmer vergeben habe, die nichtjüdische Arbeiter beschäftigen. Die Regierung wird deshalb ersucht, dahin zu wirken, daß diejenigen Unternehmer, die jüdische Arbeiter beschäftigen, einen bestimmten Anteil an den öffentlichen Gemeindearbeiten zugesichert erhalten, der dem Verhältnis der Juden zur Gesamtbevölkerung der betreffenden Ortschaft entspricht. Als ständiger Grundsatz soll gelten, daß die Zahl der bei den öffentlichen Arbeiten zu beschäftigenden jüdischen Arbeiter im Verhältnis zur Gesamtzahl der jüdischen Arbeiterschaft des Landes und der von der jüdischen Bevölkerung gezahlten Steuer festgesetzt werden soll. Die Regierung hat inzwischen erklärt, daß sie zwar gewillt sei, die Ausbeutung der jüdischen Arbeiter durch die Unternehmer — das gilt speziell für die Hafenbauten in Haifa — zu verhindern, jedoch nicht in der Lage sei, Mindestlöhne festzusetzen. Aus dieser kurzen Betrachtung, die der Direktor des Internationalen Arbeitsamtes den wirtschaftlichen Verhältnissen Palästinas widmet, geht hervor, wie groß dort die sozialen Spannungen sind. 5) Gegner des Chassidismus, kr (\ Das moderne Zuchthaus und die antiken biblischen Zuchtgesetze. Von Joseph Lazarus- Wie Virgil den Dante durch die Schnecken der Hölle führte, so geleitet Stefan Zweig seinen Leser durch die Gräuel des modernen Zuchthauses*). Menschenwürdiger der Tod als die von Stefan Zwieig beschriebenen Zuchthausqualen. Wer jedoch unabsichtlich den Tod eines Menvergossen werden". Nichts Entwürdi'gendies liegt in diesem biblischen Gesetz. „Wer jedoch unabsichtlich den Tod' eines Menschen verursachte, sei es durch Unvorsichtigkeit oder durch Zufall; wer dem Verunglückten nicht aufgelauert, ihm nie Feind gewesen, der mußte zur Buße seine Stadt verlassen. Ihm standen sodann drei Städte seiner Wahl zur Verfügung, wohin ihn die Blutrache der Verwandten seines ungewollten Opfers nicht erreichen durfte, wo er, fern von der Unglücksstätte, sein bürgerliches Leben fortsetzen konnte (II. Buch Mosis, Kap. 21, Vers 13, und! V. Buch Mosis, Kap. 19, Vers 2—6). Wer Raub verübt, Brand gestiftet, fremdes Eigentum angetastet, ohne Blut zu vergießen, der wurde durch 'ein Zuchtgesetz der Besserung zugeführt: unter freiem Himmel, inmitten freier, arbeitsamer Menschen, wohin er gerichtlich als Frohnarbeiter verdungen wurde, um das Doppelte des angestifteten Schadens einzubringen. Doch war dieser Frondienst zeitlich' begrenzt: länger als sechs Jahre durfte er nicht dauern (II. Buch Mosis, Kap. 21, Vers 2). Der Vertierung infolge sexualer Not, wie sie Stefan Zweig beschreibt, beugte das biblische Gesetz vor, da der Büßende von seiner Familie nicht getrennt werden durfte- Hatte er keine Frau, so *) Feuilleton der ..Neuen Freien Presse v. ZI. Apnil 1919,

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