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Die Wahrheit · 1929-06-28 · Heft 26 (28.6.1929) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 26 (28.6.1929)
Date
1929-06-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seife 3 saß der unscheinbare, schmächtige Mann mir gegenüber und schilderte mit dletr Begeisterung eines Jünglings seine mühsame Arbeit, die aus ganz kleinen Anfängen begann und mit wachsendem Erfolg immer weiter gediehen ist. Anfangs begegneten die Gefangenen ihrem Seelsorger mit Mitrauen — liegt es doch im Wesen dieser Menschen, die sich so oft als Opfer der Gesellschaft betrachten, Mißtrauen gegen ihre Umgebung zu hegen, — und so lehnten die meisten von ihnen seinen religiösen Zuspruch ab. Bald aber betrat Dr. Kupfer den Weg, der am sichersten zum Herzen der Gefangenen führt und Vertrauen in ihm erweckt, er bemühte: sich, seinen Schutzbefohlenen in ihren materiellen Nöten zu helfen. Um ein rechter Gefangenenseelsorger sein zu können, mußte Dr. Kupfer erst hilfreicher Fürsorger seiner gefangenen Glaubensbrüder, besonders aber der Haftentlassenen, werden. Denn die eigentliche Tragödie der Gefangenen beginnt ja oft erst am Tage der Haftentlassung, wenn sie brotlos auf die Straße gesetzt werden, mit dem Stigma des Verbrechers behaftet, wie Parias von allen gemieden und nicht selten vor die Wahl gestellt: zu verhungern oder rückfällig zu werden. Dr. Kupfer suchte edle Menschen, welche ihn bei seiner Fürsorgetätigkeit unterstützten, er bestimmte, die K u 11 u s g e m e >i n d e. ihre Sorge auch den Jüdischen Gefangenen zuzuwenden, und brachte so allmählich dtie Mittel auf, um dem einen Haftentlassenen einen Anzug, dem anderen einen Verdienst zu verschaffen, für die Familie eines Dritten erwirkte er eine ausgiebige Unterstützung, das Kind eines Vierten brachte e,r in irgend einem Heim unter. Es gelang dem unermüdlichen Seelsorger mit einem Wort, diesen entgleisten und oft verzweifelten Menschen nicht nur salbungsvolle Lehren zu geben, sondern ihnen wirklich Hilfe zu bringen. Kein Wunder, daß die Gefangenen ihn bald als Tröster und Helfer, ja bisweilen als ihren einzigen Retter begrüßten und mit den verschiedensten Anliegen zu ihm kamen — kein Wunder, daß Dr. Kupfer, obwohl die Zahl seiner Schützlinge relativ gering ist. alle Hände voll zu tun bekam und daß er schließlich auch von christlichen Gefangenen um Rat und Hilfe gebeten wurde. Er zeigte mir eine Unzahl Briefe, die er von ehemaligen „Steinbrf'ldern" van Juden und von Christen, erhalten hatte und in Welchen d'ese ihm für se'-ne nie versagende Hilfe ihren Dank aussprachen. Wenn man erwägt, daß Dr. Kupfer in seinem Hauptberuf Gymnasialprofessor ist und nur seine Freizeit den Gefangenen widmen kann, daß muß man wirklich über die außerordentliche Hingabe staunen, mit welcher er sich der armen Gefangenen annimmt. An 150 Briefe hat er monatlich zu schreiben — besonders die Beschaffung der notwendigen Dokumente fiin solche Häfth'nee. d'e nach dem Ausland zuständig sind, erfordert gewöhnlich eine umfangreiche Korrespondenz—. nny.ähliVe Weee hat er für seine Schützlinge zu tun! Je mehr Einblick ich in die soziale Tätigkeit dieses iWischen Gefangenenseelsorgers erhielt, der über alle konfessionellen Jungen an diesem langen, heißen Sommertag nur bis drei oder vier Uhr ohne Speise und Trank gelassen wurden. Diesmal fiel der neunte Ab auf einen Sonntag. Am Sabbat zuvor versammelten sich die Nachbarn aus unserem und den umliegenden Dörfern zum Gottesdienst in einem größeren Zimmer unseres Hauses, welches als Miniatursynagoge eingerichtet war. Hier standen auch die Bücherschränke, und hier lernten wit, sechs bis acht Knaben verschiedenen Alters, weswegen wir dieses Betgemach „Cheder" nannten. An jenem Sabbat trug die in die Ostwand eingemauerte heilige Lade einen schwarzen Vorhang, was auf uns Knaben einen besonders düsteren Eindruck machte und stark unsere Munterkeit dämpfte. 1 '! Spät am Nachmittag kamen die Nachbarn mit ihren Knaben, meinen Schulkameraden, abermals zusammen. Man nahm, nach Minchah, das dritte Sabbatmahl ein, jetzt zugleich das „Vorfasten"*), und am Abend sollten nach dem Gottesdienst die Klagelieder Jeremias nebst den Kinoth3) vorgetragen werden. Nach Tisch wurden wir Knaben übermütig und tummelten uns draußen herum, unter den Augen der Erwachsenen, die in dem großen Vorgarten unseres Hauses saßen und gemütlich plauderten. „Rabbi Akiba" sagte Berl, der Brauer, zu unserem Lehrer, der trotz seiner unverwüstlichen Spottlust, ein Asket war, „für Sie müßte man am neunten Ab und den anderen drei Fasttagen eigentlich eine besondere Kasteiung erfinden, das gewöhnliche Fasten scheint Ihnen eher ein Genuß zu sein. 2) Letzte Mahlzeit vor einem Fasttag. s) Trauergesänge für den neunten Ab, Schranken hinweg jedem hilft, der sich hifesuchend an ihn wendet, desto lebhafter kam mir die Erinnerung an einen der edelsten Menschen, der mir im Leben begegnet ist und dessen viel zu frühen Heimgang ich besonders jetzt, wo ich in Kaiser- Ebersdorf unter den denkbar größten Schwierigkeiten ein Rettungsheim für die gefährdete Jugend errichten soFI, auf das tiefte beklage — die Erinnerung an Monsignore. Schaurh o f e r, den ehemaligen Seelsorger des Jugendgerichtsgefängnisses. Dieser wahrhaft soziale Priester ging wie ein Heiland durch die Kerkerzellen, er nahm sich aller an, die mühselig und beladen waren, und kannte nur einen Beruf: Tränen zu trocknen. Konflikte zu lösen. Sorgen zu bannen und Frieden zu bringen. Und auch er zog alle Gefangenen, ob säe nun Katholiken, Protestanten oder Juden waren, durch sein wunderbares Erbarmen an sich und versagte keinem seine Hilfe. Wie trostvoll mutet es an, wenn man in einer Zeit, die von wilder Parteileidenschaft erschüttert! ist und nur das Streben zu kennen scheint, überall Streit und Feindschaft zu säen. Menschen begegnet, die über alle trennenden Schranken hinweg ihren hilfesuchenden Brüdern d^e Hände reichen und in ihrem eanzen Leben und Wirken das Evangelium reiner Menschlichkeit vertreten. Und gerade weil man so selten solchen Anosteln der Menschenliebe begegnet, tut es not, ihre Tätigkeit, die so viel Versöhnliches und Friedsames in sich birgt, in das helle Tageslicht zu rücken und dadurch das soziale Gewissen der Gesellschaft aufzurütteln. Aus meiner Praxis im Gefängniswesen und besonders bei der gefangenen Jugend weiß ich nur zu gut. wie viel die Gesellschaft an allen diesen« gestrandeten Menschen gefehlt und versäumt hat und wie groß die Zahl jener Verbrecher ist. die heute unrettbar verloren sind und doch tüchtige Menschen hätten werden können, wenn man ihnen rechtzeitig die hilfreiche Hand geboten hätte. Deshalb fällt es min wahrr'ch' nicht schwer, der Bitte, welche die vier i'rdi-'srhpn Haftentlassenen vorbrachten, nachzukommen und das Werk Dr. Kupfers der Förderung aller jener, denen die verzweifelte Not unserer Gefangenen ans Herz greift zu empfehlen und besonders auch die Kultusgemeinde zu bitten, sie möge der Fürsorge um ihre gefangenen Glaubensbrüder ihre ernRherz;5re Unterstützung zuwenden. Die Gesellschaft, die so viel an diesen Unglücklichen gesündigt hat, muß immer wieder an die heilige Pflicht die Gefallenen aufzurichten und ihnen den Weg zu einem ehrlichen Leben zu erleichtern, erinnert wenden. E>>onn wi'cht'^ w:e em moderner, auf dem Besseriincscredanken aufgebauter Strafvollzug ist eine gutorganisierte Gefangenenfütsoree. Diese Fürsorge aber braucht nicht nur Mitarbeiter von der Art Dr. Kupfers und Monsignore Schaurhofers, sondern auch d:e ideale und materielle Förderung durch alle jene, die sich in unserer von so viel rücksichtslosem F«-oismus erfüllten Ze>t ein warmes Her/ und >eiine freigebige Hand für Werke reinster Menschlichkeit bewahrt haben. Jeden Montag und Donnerstag fasten Sie, Schovavim Tath*) fasten Sie, zwischen Rosch ha Schanah und Jörn Kinpur fasten Sie, jeden Erew Rosch Chodesch fasten Sie, dann haben Sie noch eine ganze Menee von Sonderfasten, Sie fasten im Jahre mehr als Sie essen." „Gottlob, ich bin trotzdem munter und gesund", erwiderte Rabbi Akiba. und reckte seine hagere Gestalt, jugendfrisch trotz seiner achtundsechzig Jahre. „Am morgenden Tag ist das Lernen verboten," bemerkte mein Vater maliziös, „das ist für unseren Rabbi Akiba genug der Pein." „Er wird sich zur Erde setzen und die Knaben herbeirufen und das Buch Hiob und den Midrasch Echah mit ihnen lernen, das ist erlaubt." „Dafür wird unser Reb Chaikel gewiß nicht fasten," sagte meine Mutter, die den Reb Chajkel gern aufzog. „Er kann nicht fasten," bemerkte unser Lehrer. „Warum denn? Hat er ein Leiden?" „Sobald er anfängt, wird er gleich hungrig," erwiderte Rabbi Akiba. Man lachte, Reb Chajkel war ein sehr frommer Mann, ein Chassid, und zwar ein vielfacher; er betete eine ganze Anzahl von Wunderrabbfs an. die miteinander in bitterer Fehde lagen und sich gegenseitig verketzerten. Jeder dieser Zaddikim gewährte, im Bewußtsein seiner hohen Geltung bei der himmlischen Macht, seiner Gemeinde eine Anzahl besonderer *) „Schovavim Tath" bildet das Anagramm der acht Wocheabschnitte von zwei Wintermonaten, ungefähr Jänner— Februar, in denen die Strengfrommen ein Sonderfasten abhalten, während dessen, vom Sabbath abgesehen, nqr am Dienstagabend eine Mahlzeit eingenommen wird.

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