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Die Wahrheit · 1929-06-28 · Heft 26 (28.6.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 26 (28.6.1929)
Date
1929-06-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Um so mehr Freude hat er uns — dien Zionisten wahrscheinlich weniger — mit den eingangs erwähnten Stellen gemacht, in denen er gewissermaßen eine Charakteristik der österreichischen Juden gibt. Von den Wiener Juden der Herzl-Zeit schreibt er: Sie liebten dieses Oesterreich Inbrünstig, empfanden es in ihrer tiefsten Seele als ihr Vaterland und wurden nun „Fremdlinge" gescholten. Dort ausgeschlossen werden, wo man liebt; dort verstoßen sein, wo man sich zugehörig fühlt; dort Schimpf einstecken, wo man Gutes tut; dort angespuckt werden, wo man gleich allen anderen Blutopfer bringt — wenn das keine tragische Situation ist, dann gibt es Oberhaupt keine." Und hat sich diese vaterländische Gesinnung der österreichischen Juden heute geändert? Nein, denn Saiten sagt richtig: Wir Juden, die wir Oesterreich als unser Vaterland hetrachten. die wir Wien vom Herzen lieben, wir wissen, daß wir dasselbe Recht daran haben wie die anderen. In dieser Erde ruhen seit vielen Jahrhunderten die Gebeine unserer Vorfahren. Sie haben zehnfach ihre Bürgerpflicht erfüllt, aber selbst der Beste unter ihnen hat kaum ein Zehntel der bürgerlichen Rechte genießen dürfen, die dem Schlechtesten voll zuteil werden, wenn er nur ein Arier ist. Gibt es auch keine Stammesgemeinschaft, so gibt es doch eine Sprach- und Kulturgemeinschaft, die ebenso binden muß. Und die Juden haben zu dieser Sprache, zu dieser Kultur ihren Beitrag in reichem Maß geleistet. Diese mannhafte Sprache, sie erinnert uns an die wiederholten Manifestationen der bösen ..Assirnilanten". die dieser unentwegten Vaterlandsliebe seit Jahrzehnten huldleren. Und nun sprach' ein Jude bei den Zionisten solche Worte und deklarierte als Ziel seines Zionismus, der auch der Zionismus rf e r zl s war: Jetzt hat man es längst verstanden, daß niemand, der irgendwo in Europa wurzelt, sich von seinem Mutterboden losreißen soll, um nach Palästina auszuwandern. Jetzt weiß man. daß dieser Weg den Wurzellosen geöffnet ist. den Entrechteten, fo** Erniedrigten, der Weg in die Freiheit, in das Land der Väter." Das ist ganz das Programm der Nichtnationalen, das nun auf einer zionistischen Feier verkündet Mein erster Fasttag. Von Binjamin Segel. ... An jenem Tage, dem neunten Ab1), war ich genau vor einem Monat in das dreizehnte Lebensjahr eingetreten, und mit mir war eine merkwürdige Umwandlung vor sich gegangen. Nach einem Jahr sollte ich anfangen, Tephillin zu legen. Ich sah diesem Tage mit einem Gemisch von wonnigem Bangen und gespannter Erwartung entgegen. Es mußte etwas geheimnisvoll Großartiges sein, in den Bund der Erwachsenen aufgenommen zu werden. Wenn da solch einer morgens Gott pries, der uns „umgürtet mit Heldentum", so legte er die rechte Hand an den linken Oberarm, wo die „Tephillin schel Jad" befestigt waren: dann pries er Gott, der uns „gekrönt hat, mit Ruhm", und erhob die Hand zur Stirn, wo die „Tephilliin schel Rasch" wie ein Diadem über dem Haupt nrnn.citen. War man aber noch ein Knabe, so blickte man dabei neidvoll zu den Großen hinüber und zählte die Tage, bis man es auch so würde machen dürfen ... In mir war früh die Begabung für Mathematik und Astronomie erwacht sie wurde von meinem Vater und meinem Lehrer eifrig genährt. Unser Lehrer, weithin bekannt als bedeutender Talmudist, war nebenbei ein großer „Rechenmeister" und hatte sich aus der älteren hebräischen Literatur — eine andere Sprache konnte *) Fast- und Trauertag um die Zerstörung des Tempels. wurde. Da m u ß t e die Verschiedenheit der Anschauungen so recht in Erscheinung treten und deshalb sagte Saiten am Schlüsse seiner Gedenkrede: „Ich bin nicht Ihr Parteigenosse." Trotzdem er es nicht ist, wird Saiten ob seiner Rede, die wir hier einer freimütigen Kritik unterzogen haben, gefeiert werden. Sagen aber wir dasselbe, ja, Bauer, das ist was anderes, dann sind wir „Verräter am jüdischen Volk". Oskar Hirschfeld. Werktätige Gefangenenfürsorge. Von Dir. Richard Seyß-Inquart.*) Eine eigenartige' Deputation ist vor kurzem bei mir in Kaiser-Ebersdorf erschienen und hat mich um eine Unterredung gebeten. Es waren vier Geschäftsleute, durchweg Juden, und alle vier hatten wegen irgend eines Deliktes eine Kerkerstnafe in Stein verbüßt Sie alle waren zum ersten Male mit dem Gesetz in Konflikt geraten und hatten den festen Vorsatz, in die Gesellschaft zurückzufinden und ein ehrliches Leben zu führen. Eigenartig wde die Deputation selbst war auch der Grund ihres Kommens: sie wollten nichts anderes, als mir von der segensreichen Tätigkeit des israelitischen Seelsorgers in Stein, Dr. Kupfer, erzählen und mich ersuchen, die Oeffentlichkedt auf das sozialle Wirken dieses Mannes aufmerksam zu machen und so für sein Rettungswerk an armen Gefangenen neue Freunde und Helfer zu werben. Die vier ehemaligen Sträflinge waren ein lebendes Beispiel für die Art, wie sich Dr. KupfeT seiner Schützlinge annimmt. Sie waren, aller Mittel bar, aus der Strafanstalt entlassen worden und wären samt ihren Familien der bittersten Not verfallen, wenn Dr. Kupfer nicht Wohltäter gefunden hätte, welche ihnen über die ersten und schwersten Wochen 'hinüberhalfen. Von so aufrichtiger Dankbarkeit gegen ihren Retter schfenen diese Menschen erfüllt, daß ich mirvornahm, mich mit Dr. Kupfer in Verbindung zu setzen und mir einen Einblick in seine Tätigkeit zu verschaffen. Eine Zusammenkunft wurde verabredet, und bald *) „D e r T a g", Wien, 23. Juli 1929. er nicht — gediegene astronomische Kenntnisse angeeignet. Da waren ihm die „Elim" des Josef Salomo del Medigo in die Hand geraten, und die hier vorgetragene kopernikanische Lehre hatte ihn stark beunruhigt; sein ganzes liebes Weltgebäude drohte zusammenzustürzen. Auch witterte er darin eine schreckliche Ketzereil die allen in Bibel und Talmud vorkommenden Anschauungen zuwiderlief. Er sträubte sich, fühlte sich aber schon zu alt und schwach, um gegen den gefährlichen Revolutionär anzukämpfen. Seitdem er meine Begabung für diese Dinge entdeckt, fütterte er mich, sehr zum Schaden des Talmudsstudiums, mit Algebra und Trigonometrie, weihte mich schrittweise in die Systeme von Ptolomäus und Tycho de Braha ein, in der Hoffnung, aus mir einen großen Astronomen zu machen, der einst Kopernikus widerlegen sollte. Vor mir hatte sich eine neue Zauberwelt erschlossen, die mich unheimlich anzog. Aber was diese erhabenen Studien n'cht bewirken konnten, das vollbrachte seit einem Monat das Bewußtsein, daß ich in das Bar-Mizwah-Jahr eingetreten war. Die Spiele mit meinen jüngeren Geschwistern erschienen mir viel zu kindisch, ich fand es unter meiner Würde, eingemachte Früchte zu naschen, oder mich mit den Bauernjungen herumzubalgen, sogar das wilde Klettern auf die Bäume und Hinwegspringen über Zäune und Bäche hatte plötzlich stark an Reiz verloren. Meine Mutter, das Urbild nie versiegender Fröhlichkeit, machte sich häufig in ihrer schalkhaften Weise über meine junge Männlichkeit lustig und lud mich allemal ein, auf ihrem Schoß Platz zu nehmen, was ich heftig errötend ablehnte . . . Natürlich hätte es meinem erwachenden Jünglingsstolz sehr geschmeichelt, am neunten Ab volle vierundzwanzig Stunden zu fasten wie die Großen, obgleich ich dazu gar nicht verpflichtet war, und sogar vierzehn- und fünfzehnjährige

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