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Die Wahrheit · 1929-06-28 · Heft 26 (28.6.1929) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 26 (28.6.1929)
Date
1929-06-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Oroschen [mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterr. Juden" und den »Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" mütitii'üuimiiimiimmimuiiiui Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 28. Juni 1929 Nummer 26 ir«H Kritik einer Gedenkrede: Die zionistische Organisation hat anläßlich des 25. Todestages Theodor H erzls eine Gedenkfeier veranstaltet, deren Höhepunkt wie immer bei solchen Anlässen die Gedenkrede bildete. In ihrem wiederholt bekundeten Bestreben, so oft sie öffentlich hervortritt, auch eine Sensati on zu bieten, hat die zionistische Organisation auch diesmal einen Mann für ihre Zwecke zu gewinnen gesucht, der im geistigen Wien unsierer Tage kein Geringer ist. Felix Saiten, Autor zahlreicher urwienerischer Bücher und Feuilletonist der „Neuen Freien Presse", hat die von ihm gehaltene Gedenkrede in diesem Blatte reproduziert. Man muß sagen, daß man erstaunt war, daß diese Gedenkrede ausgerechnet auf einer zionistischen Feier gehalten wurde, und man wird auch nicht fehlgehen in der Ansicht, daß dieses Erstaunen gewiß auch von den zionistischen Teilnehmern dieser Feier geteilt worden ist. Denn diese Rede war alles nur nicht zionistisch im politischen Sinne, sie enthielt sogar einige Stellen, die durchaus einer dem jüdischen Nationalismus entgegengesetzten Oedänkenrichtung entsprachen. Deshalb wollen auch wir zu diesen Ausführungen des bekannten Wiener Schriftstellers Stellung nehmen, Stellung nehmen mit jener journalistischen Freiheit, die von dem sicherlich erhebenden Anlaß einer Gedenkfeier für einen Toten absieht und nur das gesprochene Wort als solches ins Auge faßt. Und da müssen wir sagen, daß Felix Saiten in seiner Begeisterung für Theodor Herzl gewiß zu weit ging. Ob der Ruf desselben, mit dem er vor mehr als dreißig Jahren die Wiener Redaktionsstube des „Sechs-Uhr-Blattes" betrat und' der da lautete: „Ich grüße das Handwerk!" unbedingt etwas „Entscheidendes" hatte, überlassen wir dem persönlichen Ermessen Felix Saltens, der diesen Augenblick als „kümmerlicher, blutjunger Anfänger, als der er damals am Schreibtisch saß." so empfand. Ein objektiver Beobachter wird vielleicht aus dem Rufe einen ironischen Grundton herausgehört haben, der ja überhaupt dem Wesen Theodors Herzls — siehe seine „Tagebücher" — durchaus entsprach und der in der Charakterschilderung Felix Saltens ganV^gß^j^acht gelassen ist. Nicht so gleichgültig aber können wir eine „merkwürdige Episode" betrachten, die Felix Saiten „zur Entlastung der Wiener Judenschaft" erzählt. Diese Wiener Judenschaft hatte der zionistischen Idee Herzls, wie Saiten berichtet, wenig Vertrauen, ja sogar Mißtrauen entgegengebracht. Saiten begründet dies aus der damaligen Einstellung der Wiener Juden, die ihre Position in Oesterreich trotz Lueger als ganz gesichert betrachteten. „Selbst Luegers triumphaler Aufstieg", schreibt Saiten, „gab ihnen nur Stoff zu polemischen, zu satirischen Artikeln." Der Hörer, bzw. der Leser wäre also jetzt ganz im Bilde, doch da regte sich in Saiten der Feuilletonist und zur Illustrierung dieser Periode erzählt er nun die „merkwürdige Episode", nach der in einem Volksorpheum eine ostjüdische Volkssängerin, die im Kostüm eines Bochers auftrat, in jener Zeit auch in einem Liede, dessen Refrain „Der gute Gott wird geben, wir wer'n das auch erleben",, eine Strophe sang, die dem antisemitischen Bürgermeister sehr Uebles weissagte, das dann tatsächlich eintrat. Die Episode klingt sehr unglaubwürdig, die sagenhaften ältesten Wiener dürften sich wohl kaum an sie erinnern. „In dieser Stadt", sagt Saiten aber, „diie von den andauernden Hoch-Lueger- Rufen durchbraust war, dröhnte der Saal Abend für Abend von dem Applaus, der diesem vermessenen, aber hinreißend vorgetragenen Couplet folgte". Wir fragen nun: War es notwendig, das Andenken an einen jüdischen Toten durch Wiedergabe einer „merkwürdigen Episode" zu ehren, die einen christlichen, wenn auch judenfeindlichen Toten herabsetzt? War dies auch „vom Ethos der Bibel durchdrungen", das Saiten am Schluß seines Artikels so lobend preist? Wir glauben nicht, und wenn auch Saiten hervorhebt, daß im Publikum dieses Orpheums „an manchen Abenden die Christen weitaus die Mehrheit waren", und wenn er auch konstatiert, „dkß der Kapellmeister ein rassenreiner Arier und musikkritischer Mitarbeiter an einer wütenden Antisemitenzeitung war", wir können keinen Gefallen an solcher Entgleisung gerade in einer Gedenkrede finden, die wir als direkt u n j ü d i s c h betrachten.

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