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Die Wahrheit · 1929-06-21 · Heft 25 (21.6.1929) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 25 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite i2 DIE WAHftHEU Man muß sagen, liier liegt geradezu ein klassischer Fall vor, wie unsere Gegner gegen uns arbeiten. Daß der Artikel aber zuerst in der „He i m a ts cn u t zzeitung44 erschienen ist, beweist, wessen wir uns von diesen Leuten zu versehen haben: Wir sind für sie nichts wie Freiwild. Kein Schächtverbot in Bayern. Am 8. Juni verhandelte der Verfassungsausschuß des bayrischen Landtages zum zweiten Mal über die Anträge auf Erlaß eines Gesetzes betreffend Betäubungszwang vor dem Schlachten. Die Bayerische Volkspartei beantragte, sämtliche Anträge der Regierung als Material zu überweisen. Die Deutschnationalen beantragten, die Anträge, soweit sie den Beschluß des Landtages von 1926 betreffen, der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen. Der letzterwähnte Antrag wurde mit den Stimmen der Deutschnationalen, Völkischen, des Bauernbundes und der Sozialdemokraten gegen die Bayrische Volkspartei angenommen. Die Sozialdemokraten erklärten jedoch, daß sie nur mit dem Vorbehalt zustimmen würden, daß bei Vorlage des Gesetzentwurfes auf die Gefühle der Israeliten Rücksicht genommen werde. Da die Bayerische Volkspartei mit den Sozialdemokraten im bayerischen Landtag die Mehrheit bildet, hat sich somit die Mehrheit des bayerischen Landtages gegen ein Schächtverbot ausgesprochen. ..Goebbeles". Der Reichstagsabgeordnete Goebbels, einer der blindwütigsten deutschen Judenhasser unserer Tage, hat jüngst erfahren müssen, wie unwissenschaftlich die antisemitische Rassentheorie ist. Als er sich in seinem Auto zu einer Versammlung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei nach dem Norden Berlins begeben wollte, gab es in der Alexander- Ecke Klosterstraße eine starke Verkehrsstörung. Herr Goebbels war sehr nervös, weil er fürchtete, zu spät zu kommen und bedeutete dem Verkehrsschutzmann ziemlich aufgeregt, daß er in eine große nationalsozialistische Versammlung müsse. Ein Radfahrer, der gezwungen war, abzusteigen, und Zeit hatte, sich das schöne große Auto neben sich voll Bewunderung anzuschauen, tröstete den auf seinem Sitz nervös hin und herrutschenden Goebbels: „Da bleiben Sie mal lieber ganz weg, Juden werden dort doch nicht reingelassen." Nicht schlecht beobachtet, denn Herr Goebbels wird wegen seines „jüdischen Aussehens" in den deutschvölkischen Kreisen nur noch „Goebbeles" genannt. Jüdische „Einigkeit". In der slowakischen Gemeinde S t r o p k o v in der Nähe von Presov fanden am letzten Sonntag die Gemeindewahlen statt. In der 2236 Einwohner zählenden Gemeinde waren nicht weniger als 13 Kandidaten-Listen aufgestellt worden. Davon waren allein 9 jüdische Listen, u. zw. kandidierten: die jüdische Partei in Stropkov, die unabhängige jüdische Partei, die gerechte jüdisch-orthodoxe Partei, die Partei der slowakischen Juden, die jüdische Gewerbepartei, die jüdische Arbeiterpartei, die jüdische Wirtschaftsparte}, die jüdische Volkspartei und die jüdische demokratische Partei. &%Eq^s%a*ä^ ' Ein jüdisches Mädchen bei den Kaschauer Zigeunern? In Kaschau. wo jetzt der sensationelle Prozeß gegen eine Zigeunerbande vor sich geht, der vielfacher Mord und Kannibalismus vorgeworfen wird, kommen allerhand Dinge an den Tag. Dort wurde u. v. a. ein 16jähriges Zigeunermädchen vernommen, das angibt, Esther zu heißen und von jüdischer Abstammung zu sein. Das „Lodzer Tageblatt" erinnert daran, daß vor rund zehn Jahren der Familie Sternf e 1 d in Lodz ein sechsjähriges Mädchen abhanden gekommen ist, das bis auf den heutigen Tag, bei allen Bemühungen der Eltern und Behörden, nicht aufzufinden war. Man hatte damals Zigeunerbanden in der Nähe des Dorfes, wo sich die Familie in Sommerfrische aufhielt, gesehen. Das Kind hieß Esther. Gleich nach Bekanntwerden des Namens und der Angaben der Zeugin in Kaschau wandte sich das Lodzer Rabbinat offiziell an die jüdischen Instanzen in Prag, die nunmehr die nötigen Schritte zur Aufklärung der Abstammung des angeblichen jüdischen Zigeunermädchens einleiten. S. Grüners t»? Restaurant II., Zirkusgasse 30 Telephon R 43-1-60 Vorzügl. Wiener, ungarische und orientalische (rumänische) Küche. Mittag und Abend Menü nach Wahl. Erstklassige Getränke. %aiu€ und Literatur Die wirtschaftliche und soziale Lage der Juden in Rußland vor und nach der Revolution. Hierüber enthält das Archiv iür Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, begründet von Werner Sombart, Max Weber und Edgar Jaffe, herausgegeben von Emil Leder er, Tübingen, Verlag von 1. C. Mohr, Aprilheft 1929, eine überaus lehrreiche Studie von Professor Boris Lsrutzkus. Berlin. Der Verfasser bemühte sich auf Grund aller ihm zugänglichen Schriften und Arbeiten, eine objektive Darstellung des Schicksales der 5 Millionen Juden in der Zeit des russischen Kaiserreiches und das der 2Y> Millionen Juden unter der Sowjetherrschaft zu geben. Erfordert schon die Darstellung des ersten Zeitraumes hervorragendes geschichtliches Wissen und bedeutende volkswirtschaftliche Kenntnisse, so ist die Darstellung des zweiten Zeitraumes noch bedeutend schwieriger. Denn sie ist zugleich eine Schilderung des Entwicklungsganges der sozialistischen Sowjetrepublik. Die Geschehnisse in dieser Zeit .sind so große und von dem bisher Dagewesenen so abweichende, daß es schwer ist, etwa in wenigen Worten wie bei Besprechungen üblich, den Gedankengang einer historischen, in die Gegenwart hineinreichenden Darstellung zusammenzufassen. Jeder, der sich mit den Anschauungen des Verfassers vertraut machen will, muß diese Schrift aufmerksam lesen. Nichtsdestoweniger können wir es uns nicht versagen, einen Absatz . aus dem Schlüsse der Schrift wiederzugeben: „Es muß zugegeben werden, daß gewisse neue Möglichkeiten der jüdischen Bevölkerung durch die Revolution eröffnet wurden. Es entstand ein jüdisches Beamtentum, eine gewisse Zahl Juden wurden als Arbeiten in Staatsunternehrnungen angestellt, neue bedeutende Mittelpunkte der jüdischen Landwirtschaft werden geschaffen. Diese Tatsachen, die die Einseitigkeit in dar beruflichen Gliederung der jüdischen Massen etwas abschwächen, können aber die großen Zerstörungen, die die Revolution verursacht hat, nicht gutmachen. Die Revolution hat nicht nur die breiten Schichten des jüdischen Bürgertums ihrer Existenzmöglichkeit beraubt, sie hat auch einen sehri bedeutenden Teil der jüdischen körperlich arbeitenden Massen wieder in „Luftmenschen" verlwandelt. Die Ergebnisse einer langjährigen positiven Entwicklung der sozialökonomischen Verhältnisse der Juden im russischen Reiche sind damit zunichte gemacht worden. Trotz der formalen Gle,ichberechti>gung kann von einer Verbesserung der rechtlichen Lage der jüdischen Massen auch keine Rede sein. Beinahe die Hälfte der jüdischen Masse gehört zu den Parias den kommunistischen Gesellschaft. Möge Tausenden von Familien durch Kolonisation geholfen werden, hunderttausende werden materiell und moralisch endgültig degenerieren, falls das kommunistische ^Wirtschaftssystem noch lange bestehen bleibt." Reg.-Rat Dr. Emil Weinberg. In allen jüdischen Lagern Deutschlands sind seit dem Kriege bedeutende Wandlungen eingetreten. Die Zionisten von heute sind andere als die vom Jahre 1914! Auch die Anschauungen des Centrai-Vereins haben sich gewandelt, wenn auch die Grundlagen unverrlückbar geblieben sind. Es ist ein Verdienst Dr. Ludwig Holländers, des Direktors des Centrai- Vereins deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, die Grundlagen des Central'-Vereins und ämsbesondere die Stellung zum Volksbegriffe und Vaterlandsbegriffe einmal wieder gründlich durchgeprüft zu haben. Den Lärm des Abwehnkampfes hindert allzu oft, eine ruhige Besinnung über das Verhältnis zum deutschen Volke und lülber das Verhältnis auch zum Zionismus. Nach Eugen Fuchs grundlegenden Schriften sind kaum richtunggebende Arbeiten dar/über erschienen. Um so begrüßenswerter ist daher Ludwig Holländers kurze sachliche und klare Schrift „Deutsch-jüdische Probleme der Gegenwart", die witr unlängst eingehend besprochen haben. Wer sich mit dem deutschen Judentum und seinen Weltanschauungen ernstlich befassen wäll, muß diese Schrift gelesen haben. (Philo-Verlag. Berlin SW 68, Lindenstraße 13.)

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