Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 25 (21.6.1929)
- Date
- 1929-06-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Es ist das Verhängnis dieser Stadt, daß sie — nomen est omen — „allzunah1' an Hamburg grenzt und quasi als ein Stadtteil der großen Handelsmetropole angesehen werden kann. Dadurch blieb Altona in der Entwicklung erheblich zurück und in manchen Stadtteilen scheint die Zeit stille zu stehen. So z. B. in demjenigen, in welchem die alte ehrwürdige große Synagoge liegt, zu der man, da sie ganz nach alter Bauart angelegt, viele Stufen hinab steigen muß, um in das Innere zu gelangen. Wahrhaft ehrfurchtgebietend ist dieses alte Gotteshaus, dessen gotische Kuppelungen, von vier großen Säulen getragen, der Heiligkeit dieses Ortes prägnanten Ausdruck verleihen. In diesem Stadtteil glaubt man, sich in einem Ghetto zu befinden. Wie so ganz andere in Hamburg! — Hier konnte sich dank der besseren wirtschaftlichen Verhältnisse die jüdische Gemeinde mächtig entfalten. Das Oberrabbinat, dieses große Erbe seiner berühmten Vorgänger Chacham Barneys, Stern, Marcus Hirsch s. A., verwaltet in treuer Pflichterfüllung Herr Dr. Samuel Spitzer. Ist sein Name auch nicht im Munde aller Welt, wie der seines Altonaer Kollegen, des Landesrabbiners von Schleswig-Holstein, so wirkt er dennoch in seiner stilleren Weise im Geiste des Judentums. Hamburg ist seit Menschengedenken guter orthodoxer Boden und die Gemeinde eine der wenigen Mustergemeinden des traditionellen Judentums, auf welchen Ruhm auch die Altonaer Schwestergemeinde Anspruch erheben darf. Die große, im maurischen Stil erbaute Synagoge am Bornplatz, eine Zierde der Stadt, ist allsabbatlich der Andachtsuchenden voll; sie hat mit dem für das Steigen des Wohlstandes typischen Zug nach dem Westen der alten großen Synagoge am Kohlhöf en den Vorrang abgenommen. John Jacobsohn. (Fortsetzung folgt.) Schnitzler über das religiöse Problem. Von Arthur Schnitzler ist kürzlich im Wiener Phaidonverlag ein Aphorismenband „Buch der Sprüche und Gedanken" erschienen, in welchem Schnitzler, der heute auf der Höhe des gereiften Dichters steht, manche kostbare Erkenntnis, manche schmerzlich resignierende Weisheit niedergelegt hat. Die Redaktion der „Wahrheit" will an der bedeutsamen Arbeit des berühmten jüdischen Wiener Dichters, der zugleich einer der vornehmsten und gütigsten Menschen ist und seine Zugehörigkeit zum Judentum auch schon damals nicht verleugnete, als dieselbe von manchen in der deutschen Literatur tätigen Juden als peinliche Angelegenheit empfunden wurde, nicht achtlos vorübergehen und bringt im Nachstehenden eine kleine Anzahl von Aussprüchen, die sich auf Schnitzlers Einstellung zum Probleme der Religion beziehen. * Solange jeder Narr, jeder Betbruder, jeder Theolog und jeder Feuilletonist sich erlauben darf, das Wort Gott so zu verstehen und so anzuwenden wie es ihm gerade im Augenblick genehm ist, wird jede Diskussion über religiöse Fragen unfruchtbar bleiben. * Daß wir einen Gott ahnen, ist nur ein unzulänglicher Beweis für sein Dasein. Ein stärkerer ist, daß wir fähig sind, an ihm zu zweifeln. Gäbe es nur Zweifler auf der Welt und keine Frommen, so hätte der Zweifel jeden Sinn verloren und es bliebe ihm nichts übrig, als sich selbst Glauben zu nennen. * Man weiß von manchem Strenggläubigen, der an Gott irre ward, weil ihn ein großes Unglück traf — mochte er es auch selbst verschuldet haben; doch man hat noch keinen gesehen, der seinen Glauben darum verlor, weil ihm ein unverdientes Glück zuteil wurde. * Was wir den Menschen als ihr metaphysisches Bedürfnis gutzuschreiben pflegen, ist selten etwas anderes als ihre Neigung, mit ihren Gedanken in unkontrollierbarem Gebiet umher zu schweifen, keine letzte Verantwortung tragen zu müssen und sich bei all dem noch großartig vorzukommen. * Ich glaube deine Weisheit nur, wenn sie dir aus dem Herzen, deine Güte nur, wenn sie dir aus dem Verstände kommt. * Ein Hauch von Zweifel schon macht den Glauben zum Unsinn, ja hebt ihn gewissermaßen auf, während gelegentliche Anfälle von Gläubigkeit dem Zweifel im wesentlichen kaum etwas anhaben können, ja ihn eigentlich erst recht zu bestätigen scheinen. Die antisemitischen Heimwehren. In der Reihe ihrer Heimwehrpub likati'onen brachte die „Arbeiter-Zeitung" auch einen Brief, durch dessen Veröffentlichung sie klarlegen will, „welche Gründe Pfrknerzu seiner Judenhetze und Steidle zu 'ihrer Abschwächung hat." Der Brief, den der steirische Landes Je Her der Heimwehr Rittmeister Pföter Leiningen an einen Weener Freund geschrieben hat, hat u. a.. folgende« Wortlaut: Graz, am 30. Jänner 1929. Hochwohlgeboren Herrn Obersten Wilhelm HJadik, Wien XIX., Langackergasse Nr. 15. Lieber Freund! Deine Bemerkungen über die Juden sind vollständig richtig und unterschreibe ich glatt. Ich habe zwar in der „Heimatschutz-Zeitung" verschiedene Artikel geschrieben, welche glatt gegen die Juden gerichtet sind, doch darfst Du nicht vergessen, daß wir die Unterstützung von den semitischen Firmen schwerlich erhalten könnten, wenn sie nicht die entsprechende Angst vor dem Heimatschutz hätten. Und diese Angst muß durch entsprechende Artikel akut gehalten werden, denn wenn sie sicher sind, dann geben sie uns nichts mehr. Mit Handkuß an Deine Frau, herzlichen Gruß und Dank an Dich. Dein ganz ergebener Peter-Leiningen." Die „Deutschösterreichische Tages-Zeitung" bezeichnet die Enthüllungen der „Arbeiter-Zeitung" als Grubenhunde und bewußte Fälschungen. Bisher hat aber noch keine der in den Enthüllungen genannten Personen Berichtigungen irgend welcher Art in die Oeffentlichkeit gelangen lassen. .