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Die Wahrheit · 1929-06-21 · Heft 25 (21.6.1929) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 25 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Dl£ WAHHHmt Qlcrrctx. Der Bundesführer Dr. Pfrimer kann zur Abwechslung auch einmal Reden halten, in denen er von der Notwendigkeit antisemitischer Hetzen schweigt. Da Schweigen bekanntlich Gold bedeutet, denkt Herr Dr. Pfrimer offenbar mitunter auch an das Gold aus den jüdischen Kassen, mit dem zum Teile der Idealismus der Heimwehrleute genährt wird. In seiner jüngsten Kampfrede hat Herr Dr. Pfrimer nur den Bundeskanzler abgekanzelt. Und zwar mit einer Nachdrücklichkeit, die nicht nur Herrn Dr. Streeruwitz zu denken geben wird. Der Bundeskanzler wird von Herrn Dr. Pfrimer ernstlich daran gemahnt, daß die heiligste Pflicht des auf der hohen Warte stehenden Staatsmannes in der Erhaltung der staatlichen Autorität besteht. So unzweifelhaft recht er mit dieser Behauptung hat, so unvorsichtig erscheint sie im ersten Augenblick aus seinem Munde. Mancher der Steidle und Pfrimer nahestehenden Mannen mochte sich erschrocken denken, es könne ihm an den Kragen gehen, wenn der Bundeskanzler im Sinne des Gesetzes der schönen Anregung folgend auch nur die frechsten Verhöhner der Staatsautorität zur Verantwortung ziehen ließe. Aus dem weiteren Verlaufe der lehrreichen Pfrimerschen Ermahnungen ergab sich jedoch, daß diese Besorgnis eine überflüssige wäre. Herr Dr. Pfrimer läßt nämlich keinen Zweifel darüber aufkommen, daß er für den eigentlichen Repräsentanten, Schützer und Erhalter der Staatsautorität in Oesterreich den Bundesführer Pfrimer und nicht, Gott behüte, etwa den Bundeskanzler Streeruwitz hält. * * * Mit wahrer Genugtuung erfüllt es den Schreiber dieser Zeilen, 4aß er einmal in der angenehmen Lage ist, sich in nachdrücklichster Weise zu dementieren. Vorige Woche wurde zwar an dieser Stelle bei Besprechung der üblichen regelmäßig wiederkehrenden hakenkreuzlerischen Exzesse an der Wiener Universität in selbstverständlicher Loyalität betont, daß dem gegenwärtigen Rektor, Hofrat lnnitzer, „das ehrende Zeugnis nicht versagt werden darf, daß er sich in seiner persönlichen Haltung von manchem seiner Vorgänger unterscheide, der geradezu wie ein Diener der Hakenkreuzler erschien". Aber dieser Feststellung folgte die leider naheliegende pessimistische Befürchtung, daß von den zu erwartenden Erklärungen der Universitätsbehörden — ebensowenig wie bei den früheren gleichen Vorfällen — „die notorischen Exzedenten getroffen sein werden". Herr Rektor lnnitzer hat diesem Mißbrauch ein Ende gemacht. Mit dem Seltenstettengasse 2 Tel. U 28-1-28 F, neben dem 1. Tor, Tel. U18-0-85 KAUF UND VERKAUF VON REALITÄTEN JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT HERfl/lNN EBENSfiflNQER WIEN IX., LATSCHKAGASSE 4 / TEL. A16-5-15 imponierenden Mannesmut, der ihn zweifach als wahren Priester seiner Religion und treuen Diener der Wissenschaft auszeichnet, hat Hofrat lnnitzer unbekümmert um den terroristischen Antisemitismus gezeigt, daß man vor den Hakenkreuzlern nicht zum . Kreuze kriechen müsse. Er hat in einem 'sensationell wirkenden Interview sich nicht begnügt, die Exzesse im allgemeinen zu rügen, er hat die Exzedenten in besonderem bezeichnet. „Ich halte nicht" — sagte er — „damit hinter dem Berge, daß die angreifenden Elemente in den Reihen der nationalsozialistischen Studenten zu suchen sind. Die jüdischnationalen Studenten haben die Exzesse nicht provoziert ... Ich muß sagen, die anderen Studentengruppen, der deutsche Studentenverband, die jüdischnationalen und die sozialdemokratischen Studenten haben sich tadellos verhalten." * * * Herr Hof rat lnnitzer hat es aber nicht bei den ehrlichen platonischen Worten des Tadels allein bewenden lassen. Er hat auch die Relegierung dreier nationalsozialistischer Studenten für die Dauer des Sommersemesters verfügt. Diese Tat gewinnt aber ihre besondere Bedeutung erst dadurch, daß diese Relegierung nicht etwa als die Strafe für die ungewöhnliche Betätigung der drei Herren gelegentlich der jüngsten Exzesse erscheint. Nein, ausdrücklich wird diese strenge Maßnahme des akademischen Senats damit begründet, daß durch diese drei Hörer die Studenschaft „fortwährend zu Gewalttaten aufgehetzt und dadurch der Studienbetrieb in ärgster Weise gefährdet wurde". Diese drei Hörer müssen nun endlich auch fühlen, daß man auf die Dauer doch nicht ungestört und unbehelligt die niedrigsten Schändlichkeiten zur höheren Ehre des Hakenkreuzlertums treiben darf. Diese Relegierung bedeutet aber auch die Feststellung, von welcher Gruppe der Studenten auch die früheren Universitätsskandale ausgingen. Nicht nur die jüngsten! * * * Im Organ der Hakenkreuzler war zu der Verfügung des Rektors, daß die Universität am Samstag geschlossen bleibt, zu lesen: „Wieder einmal muß die arische Studentenschaft für die jüdischen Frechheiten Buße tun und in ihrer Freiheit beschränkt werden." Wir glauben gerne, daß selbst die „Dötz" nach den Erklärungen des Rektors lnnitzer, durch die nicht jüdische, sondern wieder nur hakenkreuzlerische Frechheiten angenagelt werden, gerne sich hinter die Ausflucht verkriechen möchte, daß diese einen geistig noch etwas unreifen Kopf verratenden Zeilen, ohne von dem Schriftleiter geprüft worden zu sein, Aufnahme gefunden. Aber das geht jetzt leider nicht. Die dummfrechen Zeilen trugen stolz als auch ganz extra die Unterschrift: Die Schriftleitung.

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