Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 25 (21.6.1929)
- Date
- 1929-06-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Dabei betraf das alles nur die Sprache, also bloß die äußere Hülle des Alten Testamentes. Was die psychologischen und historischen Probleme anbetrifft, so nimmt man von den Erkenntnissen jüdischer Forscher am liebsten überhaupt keine Notiz. In England und Amerika liegen die Verhältnisse anders, aber auch ganz anders, in Europa jedoch ist es nun einmal so. Daß aber Montefiores Gedankenkomplexe auf dem Kontinent unter Juden und Nichtjuden so ganz und gar unbekannt sind, ist ein schwerer Schaden. Eine stattliche Anzahl von Büchern, die in den letzten paar Jahren starken Eindruck gemacht und eine beträchtliche Urteilsverwirrung gestiftet haben, wären überhaupt nicht oder ganz anders geschrieben worden, wenn die Verfasser mit Montefiores Ideenwelt bekannt gewesen wären. Man möchte sich förmlich die Haare ausraufen, wenn man bedenkt, daß über das Verhältnis des Judentums zum werdenden Christentum und was die Juden dazu zu sagen haben, Juden wie Christen in Mitteleuropa ihr ganzes Wissen seit zwei oder drei Jahren aus Emil Ludwigs hohlem Roman und Franz Werf eis verlogenem Drama schöpfen, während sie von C. G. Montefiore nicht die leiseste Ahnung haben! Vor etwa eineinhalb Jahren kündigten einige Verehrer Montefiores in Deutschland zu seinem 70. Geburtstage eine Jubelschrift an. Man hoffte, darin eine Darlegung seiner Ideen und Anschauungen, eine Schilderung seiner wissenschaftlichen Leistungen zu finden, die ihn dem großen Publikum der Gebildeten näher gebracht hätte, indem sae einen lebendigen Begriff von seinem Denken und Forschen vermittelt hätte, von seiner Arbeitsmethode und von seiner Weltanschauung, seiner Stellung zu den brennendsten Fragen der Gegenwart, und uns so einen Einblick in seine innere Natur gewährt hätte, ein lebendiges Bild seiner erlesenen, großen Persönlichkeit. Aber die Herren benützen die günstige Gelegenheit, unter der Flagge eines bedeutenden Mannes zu segeln und ihre eigenen werten Literaturprodukte an den Mann zu bringen, die ja sicher sehr interessant sind, aber sehr wohl hätten warten können, ohne daß die Weit etaws verloren hätte. Das erinnert an jenen zärtlichen Gatten, der seiner Gemahlin zu ihrem Geburtstag tausend echte Havannazigarren vom allerfeinsten Aroma schenkt, die er ihr zu Ehren rauchen wird. Dem Publikum ist Montefiore auch nach diesem Jubiläumsgeschenk ein Fremder geblieben und es findet nicht den Eingang zu seinem Gedankenbau .... Dies alles ging mir durch den Sinn, als ich die neueste Broschüre von ihm „Some rough notes abcut Liberal Judaism" zur Hand bekam. Ein kleines Heft von kaum 16 Seiten, aber es enthält eine solche Fülle von bedeutsamen und zukunftsschwangeren Gedanken, daß man sich mächtig angezogen fühlt, sich mit dem Verfasser auseinanderzusetzen. Wer das tun will, muß sich tüchtig zusammennehmen, denn hier ist jedes Wort der Exponent eines festgefügten, organisch zusammenhängenden Lebenswerkes, welches das Ergebnis der unendlich mühevollen, demütigen und hingebungsvollen Lebensarbeit eines eminenten Geistes ist. Dazu kommt folgendes. Obwohl Montefiores Weltanschauung, namentlich sein religiöses System, aus sich selbst gewachsen ist, so ist es doch nur in historischem Zusammenhang mit den religiösen Bewegungen in Deutschland seit dem dritten Viertel des 18. Jahrhunderts zu begreifen und zu würdigen. Glücklicherweise haben _wir auf diesem Gebiete jetzt eine vorzügliche Hilfe. Ich meine das ausgezeichnete Buch von Dr. Caesar S e 1 i g m an n: „Geschichte der jüdischen Reformbewegung in Deutschland", in welcher der Vorsitzende, des liberalen Rabbinerverbandes in Deutschland die Schicksale dieser Bewegung von ihrem Ausgang bis auf die Gegenwart schildert, nicht von den Zinnen der Partei gesehen, sondern von einer höheren Warte, in dem Bewußtsein, daß es sich hier nicht um Neigungen und Anschauungen einer kleinen Menschengruppe handelt, sondern um eine Bewegung, die aus der Evolution des Gesamtjudentums herausgewachsen war und in ihren Auswirkungen auf dessen Schicksal zurückwirkte. Die Einleitung, die eine Psychologie der Reformbewegung bietet, mit ihrer glänzenden Charakteristik der beiden polar entgegengesetzten Ideen des BAD ISCHL m Pension Jupiter Salskanunergut Lindaustrafle 18 Prächtige Lage Ruhig, vornehm Streng ritueller Kudienbetrleb unter Leitung von D. SPIEGEL. Ausgezeichnetes MittagsmenB auch Ii la Carte Komfortabel eingerichtet, beste französische und Wiener Küche, jede Diät, Farn.-Arrangement. Garage, Telephon. Büder im Hause. Prospekte ■»■» »o. J—■■ cfcrmttftltft. Universalismus und des Partiku 1 arismus als bewegende Triebkräfte der jüdischen Geistesgeschichte, mit ihrer tiefen Herausarbeitung des „Willens zum Juden turne", der lunter allen geschichtlichen Erscheinungen schlummert und über alle Mißgeschicke und alle Untergangsstimmungen triumphiert und die verschiedensten Gestaltungen annimmt — diese Einleitung gehört zum Besten und Schönsten, das in den letzten fünfzig Jahren über das Judentum geschrieben wurde. Mit großer Wärme und Begeisterung, aber zugleich mit scharfem, unbestochenem kritischen Sinn und mit strenger Gerechtigkeit mustert der Verfasser die Erscheinungen der jüdischen Reform, die in unserem Zeitalter vom Liberalismus abgelöst wurde. Ich werde im Verlaufe dieser Ausführungen noch öfters auf das Seligmann'sche Buch zurückzugreifen haben, da es eine große Fülle von Einzelheiten und von Ideen bietet. Diesen Hintergrund muß man stets im Auge behalten, wenn man den heutigen Liberalismus und seine Führer auch außerhalb Deutschlands verstehen will. „Was ist das Wesen des jüdischen Liberalismus"? frag/ Montefiore. „Ich nehme an, es sei der Drang oder die Sehnsucht nach Wahrheit, Folgerichtigkeit, Einheit, ein furchtloses, wenn auch zuweilen unklares Sehnen. Ein Begehren nach Wahrheit durch den ganzen Bereich der Religion, so daß die äußere und sichtbare Form eine getreue und wahrhaftige Verkörperung und Abspiegelung der inneren und unsichtbaren Wahrheit darstellen solle .... Den leidenschaftliche Drang nach Wahrheit und die Pflege der Wahrheit im Dienste des Gottes der Wahrheit, die Sehnsucht nach Harmonie und Einheitlichkeit in der Anbetung des einig-einzigen Gottes, das ist das Wesen des liberalen Judentums." Das ist ungewöhnlich schön und sublim gesagt und doch leidet es an einer gewissen Unklarheit. Meint der Verfasser die Wahrheit der Religion als inneres Erlebnis, oder die Uebereinstimmung der religiösen Vorstellungen mit äußeren Erkenntnissen historischer oder naturwissenschaftlicher Art, die „Wahrheit", die auf dem Wege der logischen Ermittlung manifest geworden ist? Ich möchte nun nicht annehmen, daß letzteres gemeint ist, denn in diesem Falle begäbe sich der Liberalismus in eine unhaltbare Position. Als religiöser Glaube braucht er einen festen Grund unter den Füßen, der wenigstens einer Generation Halt gewährt, bis ihre Weltanschauung auf sicherer Basis ausreift. Nun leben wir aber in einer Zeit, da die wissenschaftlichen Wahrheiten historischer sowie scientischer Art rasch einander ablösen. Die „Wissenschaft" weiß es allemal besser und was gestern noch als felsenfeste Wahrheit galt, wird heute in die Rumpelkammer überlebter Irrtümer geworfen — um vielleicht in kürzerer Zeit wieder als unumstößliche Wahrheit mit neuem Glanz auf dem Plan zu erscheinen. Wir wollen das an ein paar Beispielen erhärten. Bleiben wir zunächst bei den „Wahrheiten" historischer Natur. Da ist z. B. die B i b e 1 k r i t i k. Montefiore hebt mit Recht hervor, welch einen schweren Stoß sie dem Glauben an ein einheitliches mosaisches Gesetz zugefügt hat. Es gibt dickbändige, sehr gelehrte, ja im Grunde sonst sehr wertvolle Geschichten des Volkes Israel, in denen von der Persönlichkeit des jüdischen Gesetzgebers kaum dte Rede ist. Stades zweibändiges Werk erwähnt den Namen Moses erst in der zweiten Hälfte des zweiten Bandes in einer Anmerkung. Kittel hat erst in der zweiten Auflage seines Buches sich entschlossen, Moses, dem er das Dasein gänzlich abgesprochen hatte, das Leben zu schenken. Sobald Moses verschwand, verschwand nicht bloß die Authentizität der Thora, sondern auch die erste Grundlage der israelitischen Geschichte wurde zu Asche. Wenn Moses überhaupt nicht existierte, konnte er natürlich nicht die Israeliten aus Aegypten hinausgeführt haben. Die Israeliten können gar nicht in Aegypten gewesen sein. Diese Grundtatsache der Thora, auf die sie immer und immer Wieder zurückkommt, die bis auf den heutigen Tag in den Gebeten wie in den Geboten eine so dominierende Rolle spielt, ist nur eine leere Phantasie, eine Sage ohne den geringsten Wahrheitsgehalt. Daraus folgt, daß der ganze gesetzliche Teil des *k»3 Restauration in Salzburg ra> Hermann Kohn Wolfdlettidistrafte Nr. 14 Mäßige Preise! Oute Kttdie f