Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 25 (21.6.1929)
- Date
- 1929-06-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064221--17254-3087367- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
öi£ Wahrheit Seite 5 Bühne des gut besetzten Saales und schüttete Pech und1 Schwefel auf die bösen, ach so bösen Juden. Man kennt die völkischen Großschnautzen und ihren Qeifer und es wäre schade um den Raum in diesem Blatt, um ihn mit diem zu füllen, was hirnverbrannte Nationalisten „Geist" nennen. Interessanter ist es zu lesen, was die „Fuldaer Zeitung", ein vorzüglich geleitetes, katholisches Zentrumsblatt zum Auftreten Münchmeyers schreibt: „Ein in sehr unehrenhafter Weise seines Amtes als evangelischer Pastor entkleideter Herr Münchmeyer zieht durch die Lande und findet in gewissen Kreisen dankbare Zuhörer. Auch gebildete Menschen halten es nicht unter ihrer Würde, bis zur Mitternachtsstunde den „Klosett- und Bettgeschichten'4 zu lauschen, die der Mann erzählt, gewürzt mit groben Beschimpfungen derjenigen, in denen er seine politischen Gegner sieht." „. . . Der Nationalsozialismus der Hitler-Partei, die üeberschätzung des Nationalen, das Bekenntnis zur brutalen Gewalt und Macht können nimmermehr in Einklang gebracht werden mit katholischer Lehre; die antisemitischen Verleumdungen und Aufforderungen zur Gewalttat verletzen nicht nur katholische Lehrmeinungen über Staat und Gesellschaft, sondern die für die ganze Menschheit gültigen zehn Gebote Gottes. Auch im Kampf gegen Mißstände und schlechte Menschen, die es immer gab und heute gibt, unter Juden und — Nichtjuden, sind solche Kampfmethoden nicht zulässig. Das. weiß der Katholik, der sich der Konsequenzen seines Glaubens bewußt ist. Für ihn ist Nationalsozialismus undiskutierbar." Das Blatt hat in anerkennenswerter Weise noch folgendes geschrieben: „ . . . Man mag zur Judenfrage stehen, wie man will, man mag die Juden hassen oder lieben, man mag über ihre unverhältnismäßig große wirtschaftliche Macht und ihren heutigen großen Einfluß erbost sein oder nicht, was Münchmeyer ihnen gestern anhängte, wird kein vernünftiger Mensch glauben. Alle verschwundenen Kinder, Frauen und Mädchen mit dem Sadismus und den religiösen Gebräueben der Juden in Verbindung zu bringen, ist horrender Unsinn. Man wundert sich, daß ein „gebildeter" Mann auf diese Weise die Judenfrage lösen will. Das Leben und seine Zusammenhänge sind doch etwas komplizierter, als sie in primitiven Hirnen gesehen werden." Da gibt der Satz zu denken: „. . . man mag über ihre unverhältnismäßig große wirtschaftliche Macht und ihnem heutigen großen Einfluß erbost sein oder nicht . . .*' Gerade weil „das Leben und seine Zusammenhänge komplizierter ist, als sie in primitiven Hirnen gesehen wterden", müssen solche unbewiesene Sätze auf ihre Wirkung hin geprüft werden, bevor sie zum Druck wandern, eben weil es „primitive Hirne" unter den Lesern jeder Zeitung gibt. J. Kn. C. G. Montefiore über den jüdischen Liberalismus. Von Binjamin S e 2 e 1. Wenn C. G. Montefiore spricht, kann man nicht aufmerksam genug lauschen. Sogar wo man zu jedem seiner Worte „Nein.'" sagen muß, wird man von jedem seiner Worte tief angeregt, wenn nicht gar erschüttert werden, man wird neue Gedanken in seinem Kopfe und neue Gefühle im Herzen emporkeimen erleben, die aus einer bisher gleichsam verborgenen Welt zu kommen scheinen. Er zeigt die Dinge in einem ganz eigenartigem Lichte. ..Nicht nur seine souveräne Gelehrsamkeit ist es, die neue, von anderen nicht wahrgenommene Seiten des Geisteslebens und der Geistesentwicklung, namentlich in der religiösen Sphäre ans Licht zieht. Es ist seine Art, die Dinge zu sehen und zu zeigen, die neue, originelle. Welten erschließt, weite, ungeahnte Horizonte öffnet und in uns eine Fülle von Ideen wachruft, die geraumere Zeit erfordern, bis sie bewältigt und zu einer Synthese geordnet werden. C. L. Montefiore ist kein leichter Autor, trotz seines kristallklaren, ja anziehenden Stils. Er erinnert in dieser Beziehung an Jakob Burckhardt, dessen fließende und geschmeidige Sprache ebenfalls zum geläufigen und leichten Lesen einlädt, bis man nach einer Weile merkt, daß man eine derartige Fülle subtiler und tiefer Gedanken aufgenommen hat, daß man innehalten muß, um sie ruhig zu verarbeiten, sich ihrer zu bemächtigen und sie mit seinem bisherigen Gedankenbesitz in organischen Zusammenhang zu bringen, sie zu „apperzipieren", wie die Psychologen zu sagen pflegen. Man kann ihn auch mit einem anderen unter den modernen Großen vergleichen, mit dem er auch sonst viel Aehnlichkeit besitzt, mit Rudolf Gucken. Man wird sich daher nicht wundern, daß er mit diesen beiden Geistesheroen noch etwas Gemeinsames hat, nämlich, daß er unter den Gebildeten und Gebildetsten dem Namen nach sehr viel, dem Geiste und der Richtung nach so gut wie gar nicht bekannt ist. Jeder „Gebildete" hält wohl darauf, die Werke von Rudolf Eucken und Jakob Burckhardt anzuschaffen, aber sie zu lesen, verschiebt er auf später — „sie sind zu schwer" — oder er überläßt das seinen Nachkommen. Ganz genau so verhält es sich mit den Schriften Montefiores und zwar unter denen, die sich seine Anhänger wähnen und die er selber wohl für solche hält. „Ja, ja, er ist ungeheuer bedeutend, gewiß, aber er ist so furchtbar schwer\" Dazu kommt, daß Montefiores Bücher englisch geschrieben sind. Wer liest englisch auf dem europäischen Kontinent? Unter den Gebildeten Mittel- und Osteuropas ist noch immer Deutsch die Kultursprache und wird es noch auf Generationen hinaus bleiben, besonders bei den jüdischen Intellektuellen. Nichts kann in das Bewußtsein dieser Schicht eindringen, außer es tritt in deutschem Gewände auf. Und abgesehen von einer kleineren Programmbroschüre über den Liberalismus ist keine der Schriften Montefiores ins Deutsche übersetzt. Er ist einer der großen Zahl derer, die zu seiner Fahne schwören, gänzlich unbekannt, ein bloßer Name. Die weitaus meisten halten ihn wohl für einen obersten Parteibonzen, für die Verkörperung des Parteimenschen. „Unser allgemein beliebter Parteiführer!" Welch' ein Jammer! Die guten Leute ahnen nicht, daß sie sich beinahe einer Blasphemie schuldig machen. Denn das was sie als Parteiprogramm auffassen, ist kaum ein Ton aus der großen Symphonie seiner Seele, die nicht einer Partei, sondern dem ganzen jüdischen Volke, und nicht allein dem jüdischen Volke, sondern der ganzen Menschheit gehört, die ganze Menschheit, ihr Leid und ihr Glück, ihre Vergangenheit, ihr Ringen und ihre Zukunft umfaßt. Warum hat es von seinen Anhängern noch niemand unternommen, eines seiner Bücher ins Deutsche zu übersetzen? Aus einem sehr prosaischen Grunde: die deutsche protestantische Theologie, die dieses ganze Kulturgebiet kontrolliert — Montefiores Bücher handeln über religionsphilosophische und ethische Probleme sowie vornehmlich über Entstehungsgeschichte des Christentums und dessen Zusammenhang mit seinem altjüdischen Mutterboden — also die deutsche protestantische Theologie sieht es nur ganz ungerne, wenn Juden zu diesen Problemen das Wort ergreifen. Es ist also keine Aussicht vorhanden, daß sich für ein Buch von , Montefiore ein deutscher Verleger fände Man Ist stillschweigend übereingekommen, die Wissenschaft von der Religion, dem Alten Testament und allem, was drum und dran hängt — judemein zu erhalten. Es hat eine Anzahl Ausgaben von Gesenius' Wörterbuch gegeben, aus denen sorgfältig alles ausgemerzt wurde, was von solchen Männern wie D. H. Müller, Jakob Barth, Josua Steinberg herrührte. Danksagung. Für die uns anläßlich des Ablebens unseres iruügstgeliebten, unvergeßlichen Gatten, bezw. Vaters, Schwiegervaters und Großvaters, des Herrn Adolf nofmann s. A. so zahlreich zugekommenen Beweise aufrichtiger Teilnahme sprechen wir hiermit dem verehrlichen Präsidium der isr. Kultusgemeinde, dem Vorstande, den geschätzten Mitgliedern und Herren Funktionären des Tempelvereines Wieden-Margareten, den Vorstandsdamen und den geschätzten Mitgliedern des isr. Frauen-Wohltätigkeits- Vereines Wieden-Margareten, sowie allen Korporationen, Freunden und Bekannten unseren herzlichsten, tiefgefühltesten Dank aus. Karoline Hofmann. Hermann, Paula. Egon, Grete Schlesinger.