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Die Wahrheit · 1929-06-21 · Heft 25 (21.6.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 25 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT daß ein gewissenloser Mann unter verschiedenen Namen verschiedene Frauen ehelichen könne. Hier sei schärfste Kontrolle und Aufklärungsarbeit geboten. Leider erkenne das jüdische Gesetz das Zeugnis eines Nichtjuden, beispielsweise bei etwaiger Todeserklärung des Mannes, nicht an. (Bewegung) Herr Oberrabbiner Dr. Carlebach widerspricht. Herr Rabbiner Dr. Italiener pflichtet der Referentin bei. (Es entsteht eine allgemeine erregte; Diskussion, in der beschlossen wird, in besonderer Beratung diese Angelegenheit zu klären.) Frau Dr. Behrens unterstreicht die trefflichen Ausführungen Frau Dr. Reichensteins. Eine Rabbiner-Konferenz in Palästina müsse über diese Fragen eine Entscheidung treffen. Die Autorität dieser Männer verbürge ebenso wie in früheren Jahrtausenden die Möglichkeit, den Bedürfnissen der Frau gerecht zu werden. Frau Dr. Wronski, Berlin, spricht zum Erziehungsprcblem. Die Lebensbedingungen, unter denen die heutige Jugend aufwachse, seien nicht förderlich für die Ehe. Tatsächlich sei bei der Jüdischen Jugend der Wille zur Ehe bei weitem nicht in dem Maße vorhanden, wie bei der christlichen Umwelt. Auch das jüdische uneheliche Kind genieße bei weitem .nicht den Schutz des christlichen Kindes. Trotz niedriger Mortalität ist bei den Juden der Geburtenüberschuß geringer. In erschreckender Weise mehren sich die jüdischen Selbstmorde! Sie fordert: 1. Schaffung besserer Lebensbedingungen. 2. Mutterschutz. 3. Jugendwohlfahrt. 4. Wohnungsreform. 5. Neugestaltung des Erziehungswesens. 6. Einwirkung auf die Lebensformen. 7. Forderung moderner jüdischer Erziehung. An der hierauf folgenden Diskussion beteiligen sich: Dr. Deutschländer. Wien, Frau Schweiger, Tschechoslowakei. Frau Dr. Hof mann, Wien. Frau Dr. Strauss-Weil schilderte die Lage in Palästina. Groß ist die Not der yemenitischen Juden, bei denen Kinderehen und Polygamie erlaubt seien. Diesem Referat trat Frau Anita M ü 1 ile r->Cohen, Wien* entgegen. Man habe doch in Betracht zu ziehen, daß man es mit einem orientalischem Lande zu tun habe, das mit anderen Augen zu betrachten sei. Unsere Glaubensbr'üder in Yemen haben leider noch unter mittelalterlichen Verfolgungen zu leiden. Hier habe die Hilfstätigkeit einzusetzen. Mrs. Basil O. Henriiques (London) berichtet über die Settlementsarbeit. Sie schildert das Elend der Londoner „slums". In der Diskussion vertrat Frau Dr. Fritz Warbu rg den Standpunkt, daß es gewagt erscheine, spezifisch jüdische Heime und Kindergärten zu errichten, solange die christlichen Institute sich nicht verschlössen. Man betätige sich also besser interkonfessionell. Frau Helene Hanna Thon (Jerusalem) konnte günstiger über palästinensische Zustände berichten. Frau Dr. Rappa- Alexander Mäuschen? Der ist doch nur Spezialist für den ,Lebendigen Leitenant'!" (Er meinte „Lebenden Leichnam".) „Psst psst!" machte es auf einigen Reihen weiter. „Was heißt ,psst"\ antwortete jemand, ,es geht doch schon zum Aktschluß zu. Chuzpe dauernd zu .pssten'!" Im dritten Akt erlaubte sich der Komiker, einige nicht dazugehörige Kuplets loszulassen, sozusagen als Gratifikation und erntete stürmischen Beifall, weshalb er sich verpflichtet fühlte, noch einige hergeliehene „Schlager" zu spendieren. So verging eine halbe Stunde außer textlich. Mitten in die Handlung platzte das Ballett auf die Bühne, die Darsteiler machten Platz für Japaner, Russen, Araber und sonstiges Ausländertum und applaudierten mit dem Publikum nach Kräften^ Nachdem das Ballett hinausgetänzelt war, „ging" das Spiel weiter, einem befriedigenden Happy end zu. Der Beifall nach dem letzten Akt artete in Ovationen aus. Man warf sich Kußhändchen zu, wie unter Liebenden, rief sich herauf und herunter „Auf Wiedersehen" in die Ohren und — oh, ich bekam einen Schrecken — man begann von vorne den Hauptschlager des Stückes zu singen, trotz dem Schlüsse und mehrmals gesunkenem Vorhange; das Publikum sang stehend, im Hinausgehen begriffen, mit, klatschte in die Hände, zungenschnalzte und kam aus der Begeisterung gar nicht hinaus. Was schließlich den Unternehmer veranlaßte, eine kleine Aussprache zu halten: .....und so bitte ich das hochgeschätzte Publikum, nächstens wiederzukommen. Ich werde nach wie vor bemüht sein, das Möglichste zu bieten. Ich war stets bestrebt, nur gutes Theater zu spielen — spielen' zu lassen — hm, hm — spielen zu lassen. Meine Darsteller lassen sich bestens bedanken, der Herr Kapellmeister läßt auch danken — und ich . . . lasse auch danken." Port (Wien) empfahl, sich der Jugend anzunehmen, da sie gefährdet sei. Man zentralisiere die Jugend und pflege das jüdische Milieu. Frau Rosenbaum (Warschau) ermahnte zur Aufrichtigkeit in der Erziehung der Jugend. Empfang beim Hamburger Senat. Herr Erster Bürgermeister Dr. Petersen hieß die Erschienenen im Namen Hamburgs willkommen. Hamburg als völkerverbindende Metropole habe von jeher allen Verfolgten seine Tore geöffnet. Die Probleme dieser Tagung seien für alle Menschen und Völker bedeutend. Niemals sei der Gegensatz der Generationen so gewaltig in Erscheinung getreten, wie heute. Da muß es heißen, sich wieder über den hohen sittlichen Wert der Familie klarzuwerden. Die Frau habe die Aufgabe, der Jugend den Weg in die Zukunft zu zeiigen. Nicht gleichwertig, aber gleichberechtigt müsse die Frau am politischen und sozialen Leben der Zeit mitgestaltend teilnehmen. Alle religiösen, nationalen, rassischen Untersehkde überbrückt die Frau in ihrer Eigenschaft als Gattin und Mutter und das führe zum friedlichen Ausgleich aller Gegensätze zwischen den Völkern und Nationen. „Möge die Arbeit, der Sie. metae verehrten Damen, sich widmen, zum Heile für die Gesamtheit gedeihen!" Frau Rebekah Kohut antwortete. Tief rühre die jüdischen Frauen dieser huldvolle Empfang. Sie als Amerikanerin schätze diese „Freie Stadt Hamburg". Das habe besonderen Klang und gerade wir Judien wußten schon seit tausenden von Jahren die Freiheit zu schätzen. Das gelte der äußeren Freiheit. Die innere Freiheit gewähre unsere Religion. „Laß' mein Volk frei", sprach Moses zu Pharao. Nur freie Völker vermögen sich zu verstehen und einander zu schätzen! „Diese Hoffnung beseelt uns alle, dne wir hier erschienen sind. Diese Stunde sei geheiligt für das Herz der Judenheit, für das Herz der Frau und für die Herzen der Mütter in aller Welt!" „In the name of the Jewish people, in the name of my country and in the name of all the eountnies of the delegates, Herr Bürgermeister. I thank you!" Feierliche Stille herrschte, in Ergriffenheit harrte die Versammlung. Hamburgs Bürgermeister huldigte der Greisin durch Handkuß. Die „Deutsch-Israelitische Gemeinde" gab den Delegierten einen Abend im Hotel Esplanade. Künstlerische Darbietungen der Frau Dr. L i n de mann (Geige). Dr. Sakom (Cello) und Herr Violin (Flüge!) sorgten für die beste Unterhaltung der Gäste. In launigen Worten feierte Herr Rechtsanwalt David die Damen. Frau Paula O 11 e n d o r f f (Breslau) dankte für den wundervollen Empfang. Nunmehr konnte auch Frau Aron (Paris), dile am Begriiißungsabend nicht zu Wort gekommen war, den Gruß der französisch-jüdischen Frauenvcreine überbringen. Gelegentlich des Referats der Frau Ada Reichstein, in welchem dieselbe das Agunothproblem erörterte und die Ansicht vertrat, daß das Zeugnis eines Nichtjuden über1 den Tod des. Mannes religionsgesetzlich nicht anerkannt werde, kam es zu einem Zwischenfall, der geeignet war, die Gemüter hochgradig tax erregen, denn während Herr Oberrabbiner Carlebach, Altona, rief „Das ist nicht war!", entgegnete spontan Herr Rabbiner Dr. Italiener vom Hamburger Tempelverband „Das ist doch wahr!". Die Referentin behauptete allerdings, ihre Angaben beruhen auf authentischen Informationen. Nunmehr begründet Herr Oberrabbiner Dr. Carlebach ausführlich unter Berufung auf beweiskräftige Traktate der maßgeblichen religiösen Kompetenzen die Stichhaltigkeit seines Einspruchs. (Fortsetzung folgt.) Mündtmeyer geht um. Die Nationalsozialisten, die in letzter Zeit mit großem Eifer ihre Tätigkeit in den kleineren und mittleren Städten Deutschlands aufgenommen haben, haben nunmehr auch ihren sattsam bekannten Hetzapostel Münchmeier nach dem ruhigen, friedlichen Fulda zu einem mit großem Pomp angekündigten Gastspiel entsandt. Es war dies der erste, groß aufgezogene Auftritt der Völkischen in der Bischofstadt, in der der konfessionelle Frieden, sehr erfreulich für alle vernünftig denkenden1 Menschen, gepflegt wird- Von einer hakenkreuzgeschmückten Jungentruppe umgeben, bestieg der Schimpfheld die

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